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Fußballrealität

Was im Block funktioniert

Fußball: Über Stadion, Straße und die Klasse hinter der Kurve

Foto: Bild13/IMAGO
Gerademachen gegen Zumutungen – innerhalb und außerhalb des Stadions

Die Stadien sind voll. Sponsorenlogos bedecken Tribünen und Trikots, jeder Quadratmeter wird vermarktet, jeder Fan zur Zielgruppe erklärt. Gleichzeitig wird außerhalb der Arena gekürzt, gespart und aufgerüstet. Jugendzentren schließen, Sozialarbeit wird zusammengestrichen, Kulturangebote verschwinden, Mieten steigen, Arbeitsverhältnisse werden unsicherer. Dieselben Menschen, die am Wochenende im Block stehen, leben werktags unter den Bedingungen dieser Politik. Austerität, Aufrüstung und Repression treffen keine abstrakte Gesellschaft, sondern sie persönlich als Lohnabhängige – und damit einen erheblichen Teil der organisierten Fanszenen.

Der Angriff auf die Fankultur ist konkret. Innenministerkonferenzen beschließen neue Sicherheitsgesetze, legitimieren Kollektivstrafen, verschärfen Stadionverbote und bauen Überwachung aus. Eine neue Wehrpflicht würde besonders jene Milieus betreffen, aus denen die aktiven Fans stammen: junge Menschen aus prekären Verhältnissen, Auszubildende, Arbeiter, Studierende ohne Perspektive. Was hier verhandelt wird, ist keine Sicherheitsfrage, sondern Klassenpolitik – mit direkten Konsequenzen für die eigenen Reihen.

Die Trennlinie verläuft daher nicht zwischen Fußball und Politik. Sie verläuft zwischen oben und unten, zwischen jenen, die entscheiden, und jenen, die die Folgen tragen. Wenn Sparprogramme als »notwendig«, Militarisierung als »Verantwortung« und Repression als »Ordnung« verkauft werden, handelt es sich nicht um neutrale Sachzwänge, sondern um Politik im Interesse der Herrschenden.

Ihr steht etwas entgegen, nennen wir es: eine andere Moral. Sie entsteht aus kollektiver Erfahrung, aus gegenseitiger Abhängigkeit und aus dem Wissen, dass man sich nur aufeinander verlassen kann. In den Kurven wird diese Moral täglich praktiziert: durch solidarische Finanzierung, zuverlässige Arbeitsteilung, kollektive Organisation und gegenseitige Unterstützung. Solidarität ist hier keine Phrase, sondern eine Notwendigkeit.

Ultras und aktive Fans kommen überwiegend aus jenen sozialen Milieus, die von Prekarisierung, Reallohnverlust und dem Abbau öffentlicher Infrastruktur betroffen sind. Die Klassenzugehörigkeit endet nicht am Stadiontor. Der Fußball selbst folgt längst der Logik von Profit, Kontrolle und Ausschluss. Steigende Preise, personalisierte Tickets und Repression sind Ausdruck derselben gesellschaftlichen Entwicklung, die den Alltag der Fans prägt.

International haben Fanszenen gezeigt, dass sie politische Akteure sein können: im Widerstand gegen Sparpolitik, Polizeigewalt, Korruption und Faschismus. Auch die Solidarität mit Palästina entspringt dieser Erfahrung – nicht aus außenpolitischer Expertise, sondern aus dem Erleben staatlicher Gewalt und Ungleichheit. Gerade deshalb ist eine Leerstelle besonders beklagenswert. Trotz vorhandener solidarischer Praxis reagieren viele deutsche Fans kaum auf die aktuellen Angriffe auf ihre eigenen Lebensbedingungen. Zu Kürzungspolitik, Aufrüstung und Sicherheitsgesetzen ist nur wenig zu hören.

Dabei ist das organisatorische Potential offensichtlich. Choreographien, Boykotte und Proteste entstehen nicht spontan, sondern durch Planung, Disziplin und kollektive Verlässlichkeit. Was im Block funktioniert, kann auch auf der Straße funktionieren. Diese Kämpfe sollten nicht nebeneinandergestellt werden, sondern vereint geführt werden – denn auch die Ursachen sind dieselben.

Fragt sich nur, auf welcher Seite der Barrikaden man steht. Die Angriffe auf Fankultur, soziale Rechte und persönliche Freiheit machen die Entscheidung unausweichlich. Erst dann kann die Kurve mehr sein als ein Ort symbolischer Opposition – und Solidarität zur politischen Praxis werden.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 16, Sport

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→Leserbriefe
  • Bernd Scherwatzki aus Mönchengladbach 27. Jan. 2026 um 17:34 Uhr
    Hier auf die Fankultur zu setzen und auf Kapitalismuskritik zu hoffen, wird nicht funktionieren. Das wäre ja ein gänzlich neues Verständnis von Klassenkampf. Ich jubele meinen Ausbeutern, nichts anderes sind Profifußballer, zu und …? Ja, was dann? Sage ich ihnen, dass es im kommenden Sozialismus vorbei ist mit dem Saus und Braus, dem Luxus? Wer hat sich denn die Strategie ausgedacht? Was diese Menschen nicht als Bürger machen, werden sie auch nicht als Fußballfans tun. Wenn es hart auf hart kommt, werden sie sich größtenteils für den Fußball entscheiden und dann auch zu den anderen »Märzgefallenen« in der Geschichte eingehen.
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