Von wegen gesellschaftliche Mitte
Von Tom Biebl
Das Handwerk gilt in Politik und Medien als Teil der gesellschaftlichen Mitte. Besonders die Bau- und Ausbaubranche wird als Wachstumsmotor der deutschen Volkswirtschaft gefeiert: volle Auftragsbücher, steigende Investitionen, milliardenschwere Förderprogramme. Diese Erzählung ist keine Fehleinschätzung, sondern ideologische Verschleierung. Sie verdeckt, dass der wirtschaftliche Erfolg des Handwerks auf einem Produktionsmodell beruht, das systematisch Lohnkosten senkt, Risiken externalisiert und Arbeitskraft auf Verschleiß nutzt.
Längst ist das Handwerk kein kleinbürgerlicher Sektor mehr. Rund drei Viertel der Beschäftigten arbeiten lohnabhängig. Die klassische Figur des selbstständigen Handwerksmeisters ist ökonomisch marginalisiert. Die Mehrheit der Beschäftigten verkauft ihre Arbeitskraft in projektbasierten Wertschöpfungsketten, die nach industriellen Kriterien organisiert sind: hohe Leistungsdichte, permanente Verfügbarkeit, minimale Planungssicherheit. Das Handwerk ist proletarisiert – nicht als Selbstbeschreibung, sondern als materielle Tatsache.
Zentral für dieses Akkumulationsmodell ist das Nachunternehmerregime. Generalunternehmer sichern sich Aufträge, Finanzierung und öffentliche Sichtbarkeit. Die eigentliche Wertschöpfung – die körperliche handwerkliche Arbeit – wird über mehrere Stufen nach unten vergeben. Jeder Nachunternehmer steht unter dem Zwang, billiger und schneller zu liefern. Der ökonomische Druck wird weitergereicht, während Profite am oberen Ende konzentriert bleiben. Haftung, Verantwortung und Risiken werden fragmentiert. Dieses System ist kein Missbrauch, sondern funktionale Voraussetzung der Profitabilität.
Viele deutsche Unternehmen sind in diesem Modell kaum noch produktiv tätig. Sie organisieren, kontrollieren und rechnen ab. Die physische Arbeit wird ausgelagert – ebenso wie deren gesundheitliche Folgen. Der Verschleiß der Arbeitskraft wird externalisiert, die Kosten ihrer Reproduktion den Beschäftigten selbst oder der Allgemeinheit überlassen. Der ökonomische Erfolg dieser Unternehmen beruht gerade darauf, nicht selbst zu produzieren.
Am Ende der Ketten stehen Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Einfluss auf Preise, Zeitpläne oder Arbeitsorganisation. Ihre Verhandlungsmacht ist faktisch null. Das Nachunternehmermodell erhöht die Ausbeutungsrate, ohne dass dies in den Bilanzen der Auftraggeber sichtbar wird. Der Wert wird unten erzeugt, oben realisiert. Die Last trägt, wer arbeitet. Arbeitsunfälle sind in diesem System kein Ausnahmefall, sondern einkalkuliertes Risiko. Hoher Zeitdruck, mangelhafter Arbeitsschutz und fehlende Pausen führen zu überdurchschnittlichen Verletzungsraten. Viele Unfälle werden nicht gemeldet, weil sie Termine, Vertragsstrafen und Folgeaufträge gefährden.
Dasselbe gilt für Löhne und Arbeitszeiten. Mindestlöhne, Tarifverträge und gesetzliche Regelungen existieren formal, werden aber entlang der Nachunternehmerketten systematisch unterlaufen. Nicht erfasste Arbeitszeiten, unbezahlte Überstunden und unterschlagene Zuschläge sind funktionale Elemente der Kostenrechnung. Staatliche Kontrollen bleiben wirkungslos, weil Verantwortlichkeiten bewusst zersplittert werden. Der Bruch des »heiligen« deutschen Arbeitsrechtes ist strukturell eingebaut.
Der Staat ist dabei kein neutraler Beobachter. Durch Vergaberecht, unzureichende Kontrollen und politische Prioritätensetzung stabilisiert er dieses Modell aktiv. Es ermöglicht niedrige Baukosten, hohe Investitionsrenditen und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Würden Nachunternehmerketten wirksam begrenzt, Arbeitszeiten vollständig bezahlt und Unfälle konsequent sanktioniert, stiegen die Produktionskosten erheblich. Ein zentraler Pfeiler der deutschen Baukonjunktur würde ins Wanken geraten.
Gewerkschaften wie die IG BAU oder die IG Metall können dort Verbesserungen durchsetzen, wo tarifliche Bindung existiert. Doch das Nachunternehmerregime unterläuft Tarifstandards systematisch. Ein wachsender Teil der Beschäftigten bleibt außerhalb gewerkschaftlicher Reichweite.
Die Rede vom Handwerk als gesellschaftliche Mitte dient der politischen Entlastung dieses Systems. Tatsächlich handelt es sich um einen zentralen Sektor kapitalistischer Akkumulation, dessen Erfolg auf der systematischen Abwertung menschlicher Arbeitskraft beruht. Wer dieses Modell angreift, greift nicht Fehlentwicklungen an, sondern die ökonomische Grundlage der Branche. Genau deshalb wird es verteidigt – politisch, juristisch und ideologisch.
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