Diskurs und Kontrolle
Bei einer Krisensitzung zur Berlinale ist nach Angaben der Bundesregierung keine Entscheidung über die Zukunft von Intendantin Tricia Tuttle getroffen worden. »Heute morgen fand eine Aufsichtsratssitzung der KBB GmbH im Kanzleramt statt. Thema war die Berlinale«, teilte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) am Donnerstag mit. »Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt.«
Zuvor hatte die für gewöhnlich über Weimers Haus gut unterrichtete Bild von der angeblich bevorstehenden Ablösung der US-Amerikanerin berichtet, weil diese sich mit dem Team des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib hatte fotografieren lassen. Alkhatib hatte während der Preisverleihung (er wurde in der Reihe »Perspectives« für den besten Debütfilm mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet) die BRD der Komplizenschaft beim »Völkermord im Gazastreifen« bezichtigt.
Aufgrund des Berichts solidarisierte sich eine Vielzahl internationaler Filmkünstler in unterschiedlichen Statements mit Tuttel. So erklärten fünf wichtige israelische Filmemacher, darunter Yuval Abraham (»No Other Land«) und Tom Shoval (»Michtav Le’David«/»Ein Brief an David«) im Filmmagazin Screen Daily, sie seien »zutiefst besorgt und alarmiert«. Sie schätzten trotz Meinungsverschiedenheiten Tuttles »Integrität und ihre ehrlichen Bemühungen um einen Dialog in einem öffentlichen Klima, das diesen äußerst erschwert«.
Insgesamt 674 Unterzeichner, darunter die früheren Berlinale-Jurypräsidenten Tom Tykwer, Tilda Swinton und Todd Haynes, erklärten in einem offenen Brief: »Wenn in einer außerordentlichen Sitzung über die Zukunft der Festivalleitung entschieden wird, steht mehr auf dem Spiel als eine Personalfrage. Es geht um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit.« Sowie: »Wenn jede Kontroverse institutionelle Konsequenzen nach sich zieht, wird aus Diskurs Kontrolle.« (dpa/jW)
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