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Die Macht der Zuschreibung

Freies Theater, das sich abseits des Kampfes um Subventionen mit zeitgenössischen Themen befasst: Das Stück »Geächtet« von Ayad Akhtar (Regie: Ivan Vrgoc) hatte am Donnerstag Premiere im Theater am Kurfürstendamm in Berlin. Das Kollektiv Santinis-Production bringt damit einen Broadway-Knaller in deutscher Fassung.

Zwei Vertreter der oberen weißen Mittelschicht treffen auf zwei Aufsteiger aus Migrantenfamilien. Ab und an taucht noch ein fünfter Protagonist auf, der eine andere migrantische Lebenswelt verkörpert. Innerhalb der Vierergruppe nimmt Emily (Katja Sallay) den Platz der vorgeblich aufgeklärten und vorurteilsfreien, gleichzeitig naiven Künstlerin ein. Der Galerist Isaac (Gunther Gillian) kritisiert als Jude den Staat Israel. Amir (Mehdi Moinzadeh), ein erfolgreicher Rechtsanwalt, leugnet sein pakistanische Herkunft. Er bezeichnet sich als Inder und hat sich selbst sozusagen entmuslimisiert. Der Islam, erklärt er, sei eine vormittelalterliche Denkweise. Jory (Dela Dabulamanzi) gibt sich als schwarze Frau konservativ und aufstiegsorientiert. Sie meint, so komme man besser durchs Leben. Alle Beteiligten erleben im Laufe des Abends jedoch, dass ihr einstudiertes Selbstbild und das, was ihnen ihr Verstand sagt, nicht mit ihrem tatsächlichen Verhalten übereinstimmen. In geschickt und spannungsreich konstruierten Dialogen kommen nach und nach jene Denk- und Verhaltensweise zum Vorschein, die die Protagonisten ständig an anderen kritisieren. Jory wird aufmüpfig, Isaac verteidigt Israel, Emily enthüllt ihre Vorurteile und Amir wird zu einem Tyrannen, der seine Frau schlägt.

Das Dargestellte klingt banal, besitzt aber eine erkenntnisfördernde Kraft. Nicht immer können die Figuren restlos überzeugen. Amirs Umschwung ins Tyrannische vollzieht sich etwas zu schnell, Emily erscheint in manchen Sequenzen allzu gleichförmig und redundant. Gelungen ist die fünfte Figur, die die Außenwelt verkörpert. Sie erscheint in Gestalt von Abe (Rauand Taleb) Dieser entwickelt sich von einem Straßenkind zu einem Erwachsenen, der seine Herkunft verleugnet. Schließlich wird ihm bewusst, dass ihm auch das nichts geholfen hat – und er vollzieht den Seitenwechsel ins islamistische Lager.

Nächste Vorstellungen: 30.1., 20 Uhr (mit englischen Untertiteln), 31.1., 18 Uhr, 2.2., 20 Uhr

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.02.2016, Seite 10, Feuilleton

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