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Tod einer Privatperson

Das Private sei politisch – mit dieser Formel hat sich die 68er Bewegung zu Tode gesiegt. Vom Kommunismus in die Töpfergruppen der Siebziger, die entsprechenden postmodernen Rechtfertigungsversuche wurden erst im Anschluß nachgereicht. Besonders dem militanten Feminismus wurde übel mitgespielt. Langfristig schrumpfte er zum klassischen Nebenwiderspruch, erst im Weichspülautomat der Grünen Partei, dann im Karrierismuskomplex des Gender-Mainstreaming der EU. Die Schriftstellerin Karin Struck ging stets weiter als offiziell gewünscht: SDS, DKP, »Neue Subjektivität«, Talkshow-Schreckschraube, Katholizismus, Abtreibungsgegnerin lauteten die Stationen ihrer öffentlichen Karriere. Für ihre Bücher wurde sich dabei immer weniger interessiert. In ihrem Debütroman »Klassenliebe« schilderte sie ihre fatale Liebe als ehemalige Fabrikarbeiterin zu einem Intellektuellen. Später verarbeite sie ihre katastrophale Ehe mit einem Handwerker. Struck galt als feministische Führungsfigur, die aber schon mit ihrem zweiten Roman »Die Mutter« (1975) und ihrer »formlos-hemmungslosen, zwischen Panik und Predigtton changierenden Mitteilungswut« (Süddeutsche Zeitung) dem Betrieb mächtig auf den Zeiger ging. Nicht der Suhrkamp-Verlag schmiß sie aus dem Programm, sondern sie schmiß den Suhrkamp-Verlag aus ihrem Leben. Bis heute sind wütende Frauen dem Patriarchat nicht geheuer. Am Montag starb Karin Struck im Alter von 58 Jahren an Krebs in München.


(cm)

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.02.2006, Seite 15, Feuilleton

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