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Frauengesundheit

Tränen aus Blut

Frauen berichten von erheblichen Menstruationsbeschwerden nach Kontakt mit Tränengas. Feministisches Kollektiv aus Frankreich zählt über zehntausend Fälle

Von Amelie E. Höcker
Foto: Le Pictorium/IMAGO
Tränengaseinsatz hat auch nach der Demo schwerwiegende Folgen für Frauen (Paris, 1.10.2026)

Barrikaden brennen, der Rauch und das Tränengas vernebeln die Sicht und immer wieder werden Gummigeschosse und Lärmgranaten von der Polizei auf die Demonstranten abgefeuert. Hunderttausende Menschen gehen seit Wochen gegen prekäre Lebensbedingungen in Europa auf die Straße. Insbesondere in Frankreich, aber auch in Italien, Albanien und andernorts ging die Staatsgewalt mit aller Härte gegen die Proteste vor. Um dem Reizgas aus dem Stoff 2-Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril, kurz CS, zu entgehen oder die Auswirkungen zu lindern, rüsten sich viele Demonstranten mit Augentropfen und Masken aus – doch insbesondere die Frauen, die an den Protesten teilnahmen, bekamen die Auswirkungen dessen erst ein paar Tage später zu spüren. Über die sozialen Netzwerke verbreiten sich immer mehr Videos junger Frauen, die von plötzlich einsetzenden und mit heftigen Krämpfen einhergehenden Menstrua-tionsblutungen berichten, wenige Tage nachdem sie mit dem Tränengas in Kontakt gekommen waren.

»Ich habe Menstruationskrämpfe seit Sonnabend (dem Tag der Demo, jW), obwohl ich gerade nicht meine Periode habe«, erzählt Malika auf ihrem Tik-Tok-Account. Eine andere Userin berichtet ebenfalls von »unvorstellbar brutalen Menstruationsbeschwerden«. Wie viele andere, so beschreiben sie, habe die französische Polizei sie durch den Einsatz von Tränengas versucht, am Demonstrieren zu hindern. Aufgrund der vielen Frauen, die nun nach den Demonstrationen von Menstruationsbeschwerden berichten, hat sich in Frankreich am 8. Oktober das feministische Kollektiv Lacrymos de Sang, zu deutsch Bluttränen, gegründet und fordert ein sofortiges Einsatzverbot von CS-Gasen. Die Gruppe aus militanten Feministinnen und Wissenschaftlerinnen hat die Auswirkungen des Tränengases auf Frauen nach den Demonstrationen am 17. Oktober untersucht. Sie schreibt auf ihrer Website: »Der Einsatz von Tränengas durch die Polizei bei Demonstrationen birgt erhebliche Gesundheitsrisiken – insbesondere für menstruierende oder schwangere Personen.« Dafür hat das Kollektiv einen gynäkologischen Fragebogen erstellt und bisher über 10.000 Rückmeldungen von Betroffenen erhalten – sie alle berichten von extremen Schmerzen oder irregulären Blutungen, nachdem sie bei Protesten mit Tränengas in Kontakt kamen.

Lacrymos de Sang warnt vor dem Risiko, schwanger zu demonstrieren, wenn die Demonstration von der Polizei mit Reizgasen traktiert wird: »In Bahrain, Palästina und Chile stiegen die Raten von Fehlgeburten in Phasen, in denen soziale Bewegungen stark unterdrückt wurden und die Bevölkerung Gas ausgesetzt war.« Für das Risiko bei stillenden Frauen lägen bisher keine empirischen Daten vor, aber die Verantwortung solle nicht bei den Müttern gesucht werden, es sei viel mehr »die Verantwortung des Staates und der Polizei, darauf hinzuweisen, da sie das Leben von Demons-trierenden und deren Kindern gefährden.«

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Dass der Tränengaseinsatz für Frauen ein Gesundheitsrisiko darstellt, ist nicht neu. In einer Studie der University of Minnesota School of Public Health aus dem Jahr 2023 mit 1.300 Teilnehmerinnen berichteten 83 Prozent von einem gestörten Zyklus nach dem Kontakt mit CS-Gasen bei Protesten. 69 Prozent der Frauen gaben an, dass sie unter schmerzhaften Unterleibskrämpfen litten, und bei 55 Prozent setzten Blutungen vor dem eigentlichen Beginn der Menstruation ein. Bereits 2020 legte eine Studie eines internationalen Forschungsteams im Rahmen der »Gelbwesten«-Proteste »einen positiven Zusammenhang zwischen einer Exposition und Störungen des Menstruationszyklus« nahe.

Bei dem Reizstoff 2-Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril handelt es sich um eine weiße kristalline Verbindung, die sich beim Erhitzen in nitrose Gase, Chlorwasserstoff und Kohlenstoffoxide zersetzt. Indem CS-Gase auf das neuronale Schmerzzentrum wirken, werden unter anderem Augentränen, Husten, aber auch Hautreizungen ausgelöst. Tränengas gilt als »nicht tödliche Waffe« und wird in vielen Ländern explizit gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, um Demonstrationen aufzulösen. Dabei ist der Stoff alles andere als harmlos: In größeren Mengen kann das Einatmen von CS ein Lungenödem zur Folge haben oder tödlich sein, aber auch Herz und Leber können Schaden nehmen – deshalb ist der Einsatz von CS-Gasen bei militärischen Einsätzen auf dem Schlachtfeld völkerrechtlich als Kriegsverbrechen deklariert.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.11.2026, Seite 15, Feminismus

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