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Nahostkonflikt

Atempause in Hebron

Mehr als eine Woche lang hatte Israel das wirtschaftliche Zentrum der besetzten Westbank abgeriegelt. Ein Ortsbericht

Von Oskar Lessing, Hebron
Foto: Oskar Lessing
Kein Durchkommen: Einwohner werden von Soldaten an der Rückkehr in ihre Häuser gehindert

Die Belagerung von Hebron ist vorerst beendet. Nach zehn Tagen ist die israelische Armee am Montag morgen wieder aus den Stadtvierteln Al-Dschalada und Ein Deir Baha abgezogen. Mehr als 3.300 Vertriebene können wieder dorthin zurück. Viele Familien waren zudem Zuhause faktisch eingesperrt und abhängig von Hilfe. Aufnahmen zeigen die Erleichterung der Menschen, die in ihre Häuser zurückkehren und beginnen, ihre Läden zu öffnen und die Spuren der vergangenen Tage – Zerstörungen, israelische Flaggen und schwarze Kreuze auf den Hauswänden – zu beseitigen. Eine der größten Städte und das wirtschaftliche Zentrum des Westjordanlandes kann zumindest ein klein wenig aufatmen.

»Es ist das erste Mal, dass eine solche Blockade mitten in einer Stadt und nicht in einem Flüchtlingscamp passiert«, hatte Hischam Scharabati, Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Jerusalem Legal Aid and Human Rights Center (JLAC), vor Ort gegenüber jW gesagt. Am 24. Oktober hatte das Militär einen Vorfall am Checkpoint Farsch Al-Hawa als Vorwand genutzt, um die gesamte Stadt auf unbestimmte Zeit abzuriegeln. Zwei Palästinenser hatten zwei israelische Soldaten getötet, drei weitere wurden verletzt, bevor die »Angreifer« erschossen wurden. Tausende Menschen wurden darauf aus ihren Häusern vertrieben, ohne zu erfahren, wann sie zurückkehren könnten, oft nur mit dem bekleidet, was sie gerade am Leib trugen.

Am 30. Oktober sprengten die Besatzungskräfte die Häuser der »Attentäter«. Zahlreiche Razzien wurden durchgeführt und mindestens 20 Personen festgenommen. Zudem zerstörten Bulldozer das Haus des Geschäftsmanns Riad Mureisch, Objekt einer längeren juristischen Auseinandersetzung mit den Besatzungsbehörden. Mureisch und seine Familie hatten nur wenige Minuten gehabt, um Wertsachen und Pässe aus dem Haus zu holen. Auch ein der Familie eines der getöteten Palästinenser gehörendes Büro hatten die Besatzungskräfte verwüstet. Der Vater und weitere Angehörige des Mannes sind in Haft. Die Familie wollte sich gegenüber jW nicht äußern. Die Belagerung ganzer Stadtviertel rechtfertigten die Besatzer als »Antiterroroperation«. Palästinensische Politiker sprachen von Kollektivbestrafung.

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Noch am Sonntag hatten sich circa 100 Vertriebene auf der gesperrten Straße nach Al-Dschalada zum Protest versammelt. Ihnen gegenüber standen einige bewaffnete und maskierte israelische Soldaten, die sie und die anwesenden Journalisten immer wieder zurückdrängten. »Nein zur Vertreibung« stand auf ausgedruckten A-4-Blättern in den Händen der Protestierenden. »Jeden Tag sagen sie: In 24 oder 48 Stunden sagen wir euch, wie es weitergeht«, so eine junge Bewohnerin Al-Dschaladas, den Tränen nahe. »Wir haben gewartet, bis sie die beiden Häuser zerbombt haben, doch trotzdem dürfen wir nicht zurück.« Sie hatte Angst, dass die Besatzungsmacht sie nicht mehr in ihr Zuhasue zurücklasse.

»Jeden Tag sind wir hier und demonstrieren friedlich, damit wir zurückkönnen«, sagte ein weiterer Protestierender. Auf die Frage, ob er den Menschen in Deutschland etwas sagen wolle, antwortete er: »Ich möchte, dass das befreundete deutsche Volk an unserer Seite steht und mit der israelischen Regierung spricht, damit das Unrecht aufhört.« Rim Al-Scharif, Mitglied des Stadtrats von Hebron, beklagte gegenüber jW einen täglichen Verlust von umgerechnet circa 3,4 Millionen Euro durch die Blockade und den Stopp der Wirtschaft. Hinzu kämen etwa 1,7 Millionen durch die zerstörten Gebäude und an die 150.000 Euro für die Schaffung temporärer Deponien für Schrott und Müll, weil beides nicht abtransportiert werden könne. Für eine Woche hatte die Stadt zudem die Schulen schließen müssen, weil der Weg nicht mehr sicher war. »Wir haben versucht die nächstliegenden Schulen für die Kinder zu öffnen und sie mit Schulmaterialien zu versorgen«, so Al-Scharif. »Aber manche von ihnen haben nicht einmal Kleidung, weil sie ihre Häuser in Schlafanzügen verlassen mussten.«

Rund um den Checkpoint Farsch Al-Hawa hat die Besatzungsmacht Demolierungsbeschlüsse erlassen. Eines der größten Unternehmen der Westbank musste sein Zentrallager binnen weniger Tage räumen. Am Sonnabend herrschte noch rege Betriebsamkeit, Lkw mit ehrenamtlich arbeitenden Fahrern brachten das gelagerte Fliesen- und Baumaterial in andere Lager. Am Sonntag, als die Frist zur Räumung abgelaufen war, herrschte gespannte Stille. Die wenigen Anwesenden wollten nicht mit der Presse sprechen – dazu seien sie von der Armee angehalten worden. Ein Gesetz gibt es diesbezüglich zwar nicht, jedoch sind Geschäftsleute in der Westbank in der Regel auf gute Beziehungen zu den israelischen Autoritäten angewiesen.

Zurück zu einem normalen Leben geht es auf keinen Fall. »Es gibt kein normales Leben unter Besatzung«, so JLAC-Mitarbeiter Scharabati. Seit dem 7. Oktober 2023 gebe es mehr Checkpoints. Zudem haben viele, die in Israel gearbeitet hatten, den Job verloren, weil die Armee sie nicht mehr passieren lässt. Die palästinensische Nationalbehörde könne ihren Mitarbeitenden seit Jahren kein volles Gehalt mehr zahlen, weil die Besatzer den Transfer der entsprechenden Abgaben gestoppt haben. Hoffnung auf Veränderung nach den Wahlen in Israel hatte es bei vielen nicht gegeben, aber zumindest den Wunsch, dass der Würgegriff gelockert wird. Die Freude der Vertriebenen, in ihre Häuser zurückkehren zu können, dürfte aufgrund der sich verschärfenden Gewalt von Siedlern und Besatzungsarmee von kurzer Dauer bleiben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.11.2026, Seite 7, Ausland

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