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Marxisten

Gegen die Ausbeutung denken

Eine Hommage an den marxistischen Literaturwissenschaftler Juan Carlos Rodríguez, der vor zehn Jahren in Granada gestorben ist

Von Barbara Eisenmann
Foto: privat
Die Begegnung mit Juan Carlos Rodríguez habe, so berichten einige seiner ehemaligen Studenten, wie eine Art intellektuelle Epiphanie gewirkt

Im März 1976, vier Monate nach dem Tod des Diktators Francisco Franco, wurde in Granada eine im Rückblick erstaunliche Rede gehalten. Der Redner war kein Geringerer als Louis Althusser. Juan Carlos Rodríguez, ein 33jähriger Assistenzprofessor der Literaturwissenschaft, hatte den knapp 24 Jahre älteren französischen Philosophen eingeladen, dessen erste Station im nachfranquistischen Spanien die kleine andalusische Universitätsstadt sein sollte. Der Andrang war groß, es gab in Granada eine »Antonio-Gramsci-Zelle« der Kommunistischen Partei, zu der auch Rodríguez gehörte und dank der mehrere tausend Zuhörerinnen und Zuhörer gekommen waren – der Polizei zufolge waren es etwa 2.000, andere Quellen sprechen von bis zu 5.000.

46 Jahre später fand im Ateneo de Granada anlässlich der Neuedition der Rede Althussers eine deutlich kleinere Konferenz statt. Selbstverständlich war es nicht, dass Althusser in Granada sprach, sagte dort der Herausgeber José Luis Moreno Pestaña, Granada sei ja nicht Berkeley. Der Franzose hatte die Einladung von Rodríguez angenommen, obwohl der Spanier keinerlei internationale Reputation besaß, aber die beiden kannten sich aus Arbeitszusammenhängen in der Rue d’Ulm, der Adresse der renommierten Pariser École Normale Supérieure (ENS), so der an der Universität Granada lehrende Philosoph Moreno Pestaña. 1974 war außerdem Rodríguez’ Buch »Teoría e historia de la producción ideológica. Las primeras literaturas burguesas« (»Theorie und Geschichte der ideologischen Produktion. Die ersten bürgerlichen Literaturen«) erschienen, das zwar ein Werk im Geiste Althussers, aber auch eine Kritik an ihm sei. Rodríguez hatte dem Franzosen das Buch zugeschickt, doch weder in Althussers Privatbibliothek noch im Archiv der ENS konnte es gefunden werden, auch Notizen Althussers zu dem Werk fehlen. Moreno Pestaña war es noch wichtig zu erwähnen, dass die Rede im akademischen Diskurs bis heute nicht vorkommt, obwohl in ihr grundlegende Fragen auftauchen, die Althussers Denken verändern sollten – ganz zentral die nach einer nichtabstrakten, nichtakademischen und materialistischen Philosophie im Gegensatz zur idealistischen Philosophie von Platon bis Hegel. Althusser hatte seinem Vortrag passend den Titel »Die Transformation der Philosophie« gegeben (für Dezember ist die deutsche Übersetzung in den Neuen Deutsch-Französischen Jahrbüchern angekündigt).

Radikale Historizität

In einer langen, in Kennerkreisen berüchtigten Fußnote in »Teoría e historia« findet sich Rodríguez’ frühe Kritik an Althussers Philosophieverständnis, so der Herausgeber. Gelegentlich verfalle der französische Marxist unbewusst in die Ideologie des bürgerlichen Denkens, eine Art akademischer »Evolutionismus«, wenn er in »Lenin und die Philosophie« (1971) behauptet, die Philosophie sei ein und dieselbe Sache von Platon bis Husserl, schreibt Rodríguez da. Sein Beispiel ist Thomas von Aquin und dessen Aristoteles-Interpretation des 13. Jahrhunderts, die nicht dem wirklichen Aristoteles entspreche, da sie die Logik der Sklavenhaltergesellschaft ausblende. Eine »theoretische Ideologie« müsse aber immer vor dem Hintergrund der spezifischen Produktionsweise verstanden werden, zu der sie gehöre. Rodríguez drückt damit aus, dass man kein Werk von den Produktionsverhältnissen abtrennen kann. So gesehen hat jede historische Konstellation ihren eigenen Aristoteles. Fredric Jamesons Motto »Always historicize!« (»Immer historisieren!«) hätte auch dasjenige von Rodríguez sein können, doch er sprach lieber von »radikaler Historizität«. Da die in Althussers Rede formulierten Überlegungen genau an diese Kritik von Rodríguez anschlossen, er dessen Buch jedoch nicht erwähnte, wandte sich Moreno Pestaña an Althussers ehemaligen Mitarbeiter Étienne Balibar, um zu erfahren, ob der Philosoph »Teoría e historia« rezipiert habe. Balibar zufolge hätte man in Althussers Kreis Rodríguez hochgeschätzt und auch vorgehabt, sein Werk zu übersetzen. Verlegerische Schwierigkeiten seien dazwischengekommen, eine französische Übersetzung gibt es bis heute nicht.

Malcom K. Read, ein mittlerweile emeritierter britisch-amerikanischer Hispanist der State University of New York, hat Rodríguez’ Erstlingswerk ins Englische übersetzt und auch umfänglich zu dessen Werk publiziert. Unter anderem erschien von ihm in der renommierten Buchreihe »Historical Materialism« des Brill-Verlags »On the Theory and History of Ideological Production. Juan Carlos Rodríguez and His Contemporaries« (»Zur Theorie und Geschichte der ideologischen Produktion. Juan Carlos Rodrí­guez und seine Zeitgenossen«, 2023). Vor allem der US-Amerikaner Fredric Jameson und der Brite Terry Eagleton sind mit den Zeitgenossen gemeint. Beide sind als marxistische und in ihren Anfängen ebenfalls althusserianisch inspirierte Literaturwissenschaftler im globalen Wissenschaftsbetrieb zu einflussreichen Intellektuellen geworden, während Rodríguez – der ihnen, was »intellektuellen Rang, Ambition und Produktivität« anging, in nichts nachstand – eine weitaus bescheidenere Karriere erwartete. Zwar erlangte er eine »beachtliche lokale Bekanntheit innerhalb seiner eigenen Akademie und eine nicht unbedeutende Gefolgschaft«, dennoch blieb ihm der Sprung in die internationalen Kreise zu Lebzeiten verwehrt.

Der kürzlich eröffnete Erweiterungsbau der Bibliothek der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Granada trägt jedenfalls seinen Namen, wie auch der Lehrstuhl für kritische Theorie. Im Gegensatz zu seinen beiden berühmten Kollegen, so Read weiter, sei Rodríguez über die Jahrzehnte ein loyaler, jedoch alles andere als unkritischer »follower of his master« geblieben. Moreno Pestaña sieht das Lehrer-Schüler-Verhältnis nüchterner. Rodríguez habe bereits mit seinem ersten Buch die Tradition, in die er sich einschrieb, kritisch befragt, schreibt er im Vorwort zu dessen lange erwartetem und erst 2022 posthum erschienenem Buch »Freud: la escritura, la literatura (inconsciente ideológico e inconsciente libidinal)« (»Freud: die Schrift, die Literatur (ideologisches Unbewusstes und libidinöses Unbewusstes)«). Rezeptionsgeschichtlich lässt sich festhalten, dass Rodríguez dank der Umtriebigkeit Reads wenigstens post mortem kein Unbekannter im angloamerikanischen Universitätsbetrieb mehr ist. In deutschsprachigen Zusammenhängen ist sein umfängliches, vielfältiges, anspielungsreiches und bis in die Fußnoten hinein gelehrt wucherndes Werk – außer in Kreisen der Hispanistik, aber auch da nur am Rande – bislang nicht zur Kenntnis genommen worden.

Das ideologische Unbewusste

Juan Carlos Rodríguez (im Folgenden JCR, das von ihm selbst verwendete Kürzel) ist sein Leben lang (1942–2016) immer wieder auf sein erstes Buch zurückgekommen. Egal, ob er über Cervantes, Góngora, Lorca, Borges, Heidegger, Foucault, Marx, Althusser, Brecht, Freud, die hispanoamerikanische Literatur, die moderne Dichtung, das Theater, die Musik oder das Kino schrieb, in »Teoría e historia« hatte er das konzeptuelle Fundament seines Denkens bereits gelegt. Ganz zentral gehört dazu der Begriff des ideologischen Unbewussten. Ohne den Umweg, diesen Begriff mit dem erst sechs Jahre später in Umlauf gebrachten Konzept des politischen Unbewussten von Jameson zu vergleichen, wie Read es tut, soll hier – nicht ohne eine gewisse Waghalsigkeit angesichts der Größe und Dichte seines Werks – die Kategorie von JCR direkt in Augenschein genommen werden (das Tollkühne des Versuchs mag sich aus dem Umstand erklären, dass die Autorin dieses Textes vor mehr als 40 Jahren bei JCR in einem Seminar saß und dort unter anderem Bram Stokers »Dracula« las. Dass sie dabei zum ersten Mal leibhaftig einer marxistischen Spielart der Dekonstruktion begegnet war, wusste sie damals noch nicht). Das Konzept des ideologischen Unbewussten könnte jedenfalls heute für ein aktualisiertes Verständnis der Stabilität kapitalistischer Verhältnisse und auch für die Frage ihrer möglichen Destabilisierung gut zu gebrauchen sein. Ein kurzer Umweg über Althusser ist trotzdem notwendig.

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Am meisten geirrt habe sich Althusser in Sachen Ideologie, schreibt JCR in seinem vorletzten, 2013 noch zu Lebzeiten erschienenen Buch »De qué hablamos cuando hablamos de marxismo« (»Wovon reden wir, wenn wir von Marxismus reden«), eine Sammlung von Texten, einer davon eine kritische Hommage an Althusser. In dessen berühmtem Aufsatz »Ideologie und ideologische Staatsapparate« (1970) sieht er die auch von anderen kritisierte Ahistorizität des Philosophen »voll entfaltet«. JCR dagegen hat in seinen eigenen Arbeiten von Beginn an auf der »radikalen Historizität« von Literatur, Philosophie, Subjektivität, Unbewusstem, Ideologie bestanden. Es gibt eben nicht nur einen Aristoteles, sondern viele, und genau darauf kommt es an. Allerdings hätte Althusser Marx und Lacan zusammengedacht und Ideologie an einer Stelle auch als »imaginäre Beziehungen zu den realen Existenzbedingungen« bestimmt, was die beste Definition von Ideologie sei, die sich bei ihm finden lässt, doch am Ende sei es ihm nicht gelungen, die von Friedrich Engels geprägte Auffassung von Ideologie als »falschem Bewusstsein« abzustreifen. Demgegenüber hat JCR mit seinem Konzept des ideologischen Unbewussten die unbewusste Funktions- und Wirkungsweise der Ideologie in eine theoretische Form gebracht. In den unterschiedlichsten »materiales«, wie er seine eigenen Sachen lakonisch nannte, hat er jahrzehntelang außerordentlich produktiv mit diesem Begriff gearbeitet.

Schon in den 1970er Jahren trieben ihn nicht nur die Literatur und der Marxismus um, sondern auch Freud und Lacan. Es heißt, er sei seit dem Spanischen Bürgerkrieg der erste in Granada gewesen, der überhaupt wieder von der Psychoanalyse gesprochen habe. Ihm ist es auch zu verdanken, dass die von der ENS herausgegebenen Cahiers pour l’analyse in der Fakultätsbibliothek landeten und Granada zu einem bedeutenden Ort der lacanianischen Psychoanalyse wurde. In »Freud: la escritura, la literatura« ist die Rede von den »Leichen« von Marx und Freud, die nur mehr als Simulakren in den Biblio­theken stünden, ohne die es aber gerade heute unmöglich wäre, »unsere Leben« zu entziffern. »Als lebende Tote habe ich sie geliebt, so wie ich auch die Vampire immer geliebt habe, vor allem die in den britischen Hammer Films. Am Ende starben Marx und Freud in London. Alles, was ich geschrieben habe, habe ich aus ihrer Perspektive geschrieben. (…) Die beiden Leichen waren von der ersten Seite an da. Und es muss gar nicht gesagt werden, wer ihr wirklicher Mörder war, sein Name ist Ausbeutung, und er ist ein unsichtbarer Schatten. (…) Marx widmete sein Leben dem Reinigen von Abwasserkanälen. Das Reinigen von Abwasserkanälen war auch die Devise der Psychoanalyse von Freud.« Der eine legte so die ökonomische, politische und ideologische Infrastruktur der Ausbeutung offen, der andere die verdrängten Triebe. Aber, so JCR weiter, es muss präzisiert werden: »Die Welt von Marx war nicht die Welt von Freud. Als man in den 1930er Jahren versuchte, beide unter dem Begriff des Freudomarxismus zusammenzubringen, entpuppte sich das als totales Fiasko. Es konnte gar nicht anders sein: Beide sprachen zwar von Abwasserkanälen und von Ratten, es waren aber nicht dieselben Abwasserkanäle und nicht dieselben Ratten. (…) Für Freud waren die Abwasserkanäle ein ›transhistorischer‹ theoretischer Gegenstand. Für Marx dagegen war dieser theoretische Gegenstand ›radikal historisch‹. (…) Zwei verschiedene Perspektiven (…), zwei Inconscientes (zwei Modalitäten des Unbewussten, B. E.), die miteinander verflochten sind.«

Mit den beiden Modalitäten des Unbewuss­ten – à la Freud und à la Marx – bezieht JCR sich zuallererst darauf, dass der Mensch einerseits von Trieben und andererseits von Ideologien bestimmt ist. Triebe und Ideologien, das sind also die Ratten der Abwasserkanäle. Das bedeute aber keinesfalls, dass Freud sich mit der Sphäre des Privaten (Sexuellen) und Marx mit der des Öffentlichen (Ökonomischen) beschäftigt hätte. Dieser Irrtum sei die Grundlage des Freudomarxismus gewesen. Das Einzige, was Marx und Freud verbindet, sei das Studium des Lebens, das Leben sei aber weder privat noch öffentlich, weder ökonomisch noch sexuell. Es lasse sich vielmehr durch zwei Linien beschreiben. Die eine: der transhistorische Weg des Menschen vom Tier ohne Seele zum seelischen Lebewesen. Die andere: der radikal historische Weg des Menschen vom seelischen zum ideologischen Lebewesen. In der auch von Heidegger inspirierten Terminologie von JCR heißt es dann, Freud habe das »Ich« und Marx das »Ich bin« untersucht. Das »Ich« lässt sich aber nur durch das »Ich bin« verbalisieren, denn »das ›Ich-bin‹ ist immer schon konstruiert, hergestellt durch gesellschaftliche Verhältnisse (ökonomische, politische und ideologische)«.

Das Ich historisch denken

Die historische Konstitution bürgerlicher Subjektivität, sie in ihren jeweiligen diskursiven Erscheinungsformen dingfest zu machen, war sein Projekt: in seinem Frühwerk, indem er das ideologische Unbewusste jeweiliger historischer Konstellationen herauspräparierte, in seinem Spätwerk, indem er stärker auf die Verschränkung beider Modalitäten des Unbewussten eines Werks abstellte. Die Autorin erinnert, wie er, seinen Borsalino tief über die Stirn gezogen, hinter seinem Pult saß und in verrückten gedanklichen Pirouetten den Vampir als Figur desjenigen ideologischen Unbewussten dekonstruierte, das den Übergang von der feudalen in die bürgerliche Gesellschaft markiert; in einer der vielen Wendungen rief er ihn als modernen Teufel auf, dessen Schlechtigkeit nicht mehr in der Aneignung göttlichen Wissens (»saber mal«), sondern im Leben selbst zu finden war (»vivir mal«). Einige, die bei ihm studierten und offenbar seinen Vorlesungen auf Augenhöhe folgen konnten, erinnern in ihren Nachrufen daran, dass die Begegnung mit JCR wie eine Art intellektuelle Epiphanie auf sie gewirkt habe.

In seinem Freud-Buch zitiert JCR eine wenig bekannte erhellende Anekdote aus dem ersten Band des »Kapitals«, wo Marx die von Edward Gibbon Wakefield, einem zeitgenössischen Theoretiker des Siedlerkolonialismus, erfundene Figur des Herrn Peel benutzt, um zu zeigen, dass es nicht ausreicht, einzig und allein die Produktionsmittel in die Kolonie zu transportieren: »Unglücklicher Herr Peel, der alles vorsah, nur nicht den Export der englischen Produktionsverhältnisse nach dem Swan River (ein Fluss in Westaustralien, jW).« JCR schlussfolgert: »Ohne kapitalistische Verhältnisse gibt es keinen Kapitalismus – das scheint offensichtlich zu sein –, aber es gibt auch keine kapitalistische Subjektivität, also die Beziehung Ich – Ich bin als Abbild eines vermeintlich ›freien Subjekts‹.« Als die englischen Arbeiter und Hausangestellten, die Peel in die Kolonie transportiert hatte, die Indigenen sahen, fingen sie an, Bananen zu essen und sich am Strand auszustrecken; schließlich weigerten sie sich sogar zu arbeiten. JCR: »Der Arbeiter/das freie Subjekt schreitet nicht in die Natur und lässt die Kultur hinter sich, er stellt vielmehr fest (…), dass diese Produktionsverhältnisse sein Leben verkaufen, und das möchte er jetzt zurückhaben. Einen anderen Raum und eine andere Zeit schaffen für das Leben des Körpers, für das ideologische/libidinöse Unbewusste.« JCR scheint zu merken, dass er hier ins Schwärmen gerät, denn er fügt sogleich hinzu, dass weder Marx noch Peel Idioten waren, am Ende der Geschichte kamen britische Soldaten, um die Ordnung wiederherzustellen und die Fabrik von Peel zum Laufen zu bringen. Was dieses und unzählige andere Beispiele im Werk von JCR jedoch belegen: »Der Kapitalismus hat das freie Subjekt geschaffen, um es ›frei‹ auszubeuten, hat damit aber auch den Traum einer Freiheit ohne Ausbeutung geschaffen.«

An einer anderen Stelle in »Freud: la escritura, la literatura« heißt es: »Die Ideologie ist das jeweiliger gesellschaftlicher Verhältnisse eigene Unbewusste.« Und auch: »Die Ideologie ist das, was uns produziert, die Ideologie entfaltet sich, damit wir uns als Individuen denken und leben. Die historischen Figuren der ideologischen Individualität hängen von der jeweiligen Produktionsweise ab. (…) Eine ihrer ideologischen Konstituierung vorgängige Individualität gibt es nicht. (…) Heute werden wir kapitalistisch geboren (so wie man in anderen Zeiten feudal geboren wurde). Es gibt nichts, kein Ich vor (...) oder außerhalb der Geschichte. Das Individuum ist das, wozu es sein ›triebbasiertes/ideologisches Unbewusstes‹ jeweils macht.« Frei geboren ist es jedenfalls nicht. Freud und Marx wussten das, und jeder brach auf seine Weise mit der bürgerlichen Ideologie einer frei geborenen menschlichen Natur, die, wie JCR insistiert, auch heute noch unsere Leben im Kapitalismus bestimmt.

In »De qué hablamos« widmet JCR die Einleitung dem aus seiner Sicht zentralen Problem der Gegenwart, nämlich »unser ›Ich‹ historisch zu denken«. Er zitiert den spanischen Philosophen Ortega y Gasset, der angesichts von Velázquez’ »Las Meninas« bemerkte: »Aber wo ist das Gemälde?« Unsere Verwunderung heute müsste lauten: Aber wo ist der Kapitalismus? Dem Kapitalismus sei es gelungen, seine Infrastruktur der Ausbeutung unsichtbar zu machen. Wir können ihn nicht mehr erkennen. »In einem Wort: Dieses Verschwinden der Infrastruktur und der Produktionsverhältnisse (ich bemühe das einfachste Beispiel: Früher sah man die Fabriken, heute sieht man sie nicht) impliziert auf komplexe Weise das Auftauchen eines in der Leere hängenden Überbaus, fast wie das Ende von Joyces ›Finnegans Wake‹. Erinnern wir uns: ›A way a lone a last a loved a long the (...)‹ Wenn wir also statt vom Marxismus zu reden, uns entschließen würden, vom Marxismus her zu sprechen, würde das bedeuten, dieses ›the‹ zu verstehen? (…) Ist es schlicht und einfach das Leben? (…) Wenn die Leere das Einzige ist, was existiert, gibt es nur zwei Strukturen, die über das Leben entscheiden: Ausbeuten oder Nichtausbeuten.« Marxismus bedeutet für JCR, gegen die Ausbeutung denken, denn Freiheit kann es nur ohne Ausbeutung geben; in anderen Worten steht das auch im »Kommunistischen Manifest«. Dass an seiner Alma Mater der Marxismus in den Geisteswissenschaften am Leben ist, das ist gewiss auch sein Verdienst.

Zurück zu Althusser

Im Nachwort zur zweiten spanischen Auflage seines Erstlingswerks »Teoría e historia« von 1989 dankt JCR allen, die ihn unterstützt haben. Er zählt dazu auch »die ständige Gegenwart von Louis Althusser, der durch sein Schweigen hindurch nicht aufhört zu sprechen. (…) Ich schrieb dieses Buch, und es war er, der mich gemacht und mir beigebracht hat, den Weg zu vergessen, ›den ich hätte einschlagen sollen‹.« Nachdem er Althusser kennengelernt hatte, vernichtete JCR seine Dissertation und fing noch einmal von vorne an. Dass er dabei seinen ganz eigenen Weg fand, beweist sein Werk. In seinem Althusser-Aufsatz schreibt er, dass sie sich 1979 das letzte Mal getroffen hätten, dass er ihn in den »Kliniken der Wahnsinnigen« nicht besucht habe und auch nicht zu seinem Begräbnis gekommen sei. Dass Althusser 1980 seine Frau Hélène Rytmann tötete, erwähnt JCR nicht. Er möchte sich, heißt es nur, nicht an diese »verfluchte Zeit« erinnern, sondern an die seiner »vollen Freundschaft« mit beiden: Hélène und Louis.

→ Barbara Eisenmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. September 2026 über den chinesischen Theoretiker und Literaturwissenschaftler Wang Hui: »Von Grund auf verändert«

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.10.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 25. Okt. 2026 um 17:10 Uhr
    Das Geschriebene mag komplett richtig sein. Aber was soll der Arbeiter mit diesem Artikel anfangen, wenn er nach einer anstrengenden Schicht beginnt, in der jW zu lesen? Denkt ihr ab und an an jene unter uns, die dringend mehr Antworten auf die Fragen unserer Zeit brauchen? Es ist möglich, dass uns akademische Diskurse da helfen können. Aber ein wenig leichter könnt ihr uns die Suche nach Erkenntnis schon machen. Denn dafür schlagen wir die jW ja Tag für Tag auf.
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