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Brüllt fast

Foto: Henning Kaiser/dpa

Am Mittwoch stellte Friedrich Merz die Wirtschaftswissenschaft auf den Kopf: Er kann als erster Mensch einen Euro zweimal ausgeben. Zitat: »Kein Euro, der in die Ukraine fließt, fehlt bei den Sozialausgaben und den Bildungsausgaben in unserem Land. Kein Euro fehlt!« Das griff zwar kein deutsches Qualitätsmedium auf, dennoch erlebte der Kanzler ein Wochenende der Undankbarkeit.

Vor seinem Auftritt beim »Deutschlandtag« der Jungen Union in Bonn ätzte der Spiegel Samstag früh: »Showdown für den Kanzler in der ›Merz-weg-Halle‹«. Bild.de kündigte an: »Wieder wird’s ungemütlich für Merz«, berichtete aber am Nachmittag von seiner Attacke auf die Sondierungen von Berliner Linkspartei, Grünen und SPD: »Merz brüllte es fast in den Saal: ›Hört auf damit, was ihr da in Berlin auf dem Wege seid, anzuzetteln. Hört auf damit, diesen Weg zu gehen!‹ Tosender Beifall, Jubel. SO wollen die JUler ihren Kanzler erleben.« Weniger Getöse gab es für den Jungunioner Jan Pfadenhauer (Bayern), »der Merz zwar zunächst attestierte, die ›richtigen Dinge gesagt‹ zu haben, ›wie so häufig‹. ›Ihre Reden sind eigentlich immer sehr gut, und die Ankündigungen, die Sie darin machen, sind auch immer sehr gut. Die Frage ist nur, was machen Sie dann am Ende?‹ Und da sehe er wenig.« (…) »Wenn Ihnen Ihr Land und Ihre Partei so am Herzen liegt, nehmen Sie Ihren Dienstwagen, fahren Sie zum Bundespräsidenten – und bitten um Ihre Entlassung.« Einer, dem kein Euro fehlt, muss sich nicht beeindrucken lassen.

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Erst am späten Samstag abend fiel im Bundeskanzleramt oder direkt bei Bild jemandem auf, dass das mit der Euro-Vermehrung Fragen aufwerfen könnte. Also klärte bild.de um 22.42 Uhr: »Aber stimmt die Behauptung des Kanzlers, dass die Ukraine-Hilfe kein Geld für Schulen, Straßen oder Sozialleistungen kostet? Nur wenn man außer Acht lässt, dass wir dafür Schulden machen müssen.«

Am Sonntag folgte allerdings allgemeine mediale Dresche. Die Wirtschaftswoche präsentierte als Rechnung: »Die Bilanz der schwarz-roten Koalition lässt sich schon heute in zwei einfachen Sätzen zusammenfassen: Friedrich Merz wusste nichts mit seinem Aufstieg zur Macht anzufangen. Die SPD nichts mit dem Land. Merz belastete sein Regieren durch strategische Dummheit, handwerkliches Ungeschick und demonstrative Empathielosigkeit, noch bevor er auch nur eine Minute regiert hatte.« Sein »Kernversagen« habe dabei vor seiner Amtsübernahme gelegen: »Die politkulturell verheerende Abstimmung mit der AfD über einen folgenlosen Beschluss in der Migrationsfrage« sowie »seine lügenhafte Schuldenbremsen-Scharade«. So werden Messer gewetzt. (as)

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.10.2026, Seite 2, Ansichten

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