Historischer Umbruch
Der Soziologe und Publizist Ignacio Ramonet hat auf einer Konferenz in Mexiko eine Analyse der gegenwärtigen Umwälzungen vorgelegt
Die Welt steht vor einem Epochenwechsel, der ein neues historisches System einleitet: Mit dieser These begann der spanische Publizist und Medienwissenschaftler Ignacio Ramonet am 9. Oktober auf einer internationalen Konferenz der mexikanischen Arbeiterpartei (PT) seine Analyse, dass bisherige Erklärungsmuster der Linken heute nicht mehr ausreichten. Auf dem Treffen in Mexiko-Stadt mit Vertretern von mehr als 100 progressiven Organisationen und Parteien aus Lateinamerika, Afrika, Asien und Europa gehörten seine Ausführungen zu den meistbeachteten Beiträgen.
Ramonet zufolge sind viele Menschen angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen verunsichert, von Besorgnis und sogar Angst erfüllt. Die verfügbaren Informationen böten kaum Orientierung, vielmehr erschwerten sie das Verständnis. Auch die bisherigen analytischen Kategorien reichten immer weniger aus, um die Veränderungen in der Gesellschaft und der Welt zu deuten. Das sei normal, da das gegenwärtige Geschehen nicht nur eine weitere internationale Krise sei, eine neue Phase der Rivalität zwischen Großmächten oder lediglich eine technologische Revolution, sondern einen tiefgreifenderen Umbruch markiere.
Das besondere an der gegenwärtigen Situation sei das Zusammentreffen mehrerer grundlegender Umbrüche im selben historischen Moment, die sich zudem gegenseitig beeinflussten. Dazu zähle die Transformation des geopolitischen Systems und der Weltwirtschaft, die technologische Revolution und die Energiewende. Hinzu kämen tiefgreifende Umbrüche der Produktionsweisen, der Kommunikation und der gesellschaftlichen Organisationsformen. Während die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene internationale Ordnung einer multipolaren Welt weiche, schritten künstliche Intelligenz, demographischer Wandel und Klimakrise voran. Diese Gleichzeitigkeit erzeuge extreme Ungewissheit.
Vor diesem Hintergrund warnte Ramonet vor zwei Fehleinschätzungen: Zum einen dürfe man die zahlreichen Konflikte und Krisen – von Kriegen und Inflation über Energieprobleme bis zu den Spannungen zwischen den USA und China – nicht als voneinander unabhängige Ereignisse betrachten. Zum anderen sei es verfehlt, all dies für einen vorübergehenden Betriebsunfall oder für Störungen eines im Grunde unveränderten Systems zu begreifen.
Vielmehr gehe es um den Übergang eines historischen Systems zu einem neuen, dessen Konturen noch unklar seien. Ramonet nennt das einen »gramscianischen Moment«: Wenn Regeln einer Epoche ihre Gültigkeit verlören, ohne dass sich neue Paradigmen bereits durchgesetzt hätten, gewinne die Politik grundlegende Bedeutung. Es beginne ein Ringen um die Definition und Durchsetzung der Regeln, nach denen die kommende historische Epoche gestaltet werde. Um diese tiefgreifende Transformation verständlicher zu machen, stellte Ramonet 20 »Denkanstöße« vor, die eine Orientierung in der neuen historischen Konstellation erleichtern sollten.
Dabei versteht er die folgenden Punkte als miteinander verflochtene Bestandteile einer großen Transformation, die alle Bereiche gleichzeitig erfasst. Ausgangspunkt ist der Übergang von der nach dem Zerfall der Sowjetunion US-dominierten unipolaren Welt zu einer Ordnung mit mehreren Machtzentren.
Unipolar zu multipolar: Die Ära der einzigen Supermacht USA ende, China, Russland, Indien, Brasilien, Mexiko und Länder wie Indonesien, Türkei, Iran oder Südafrika seien im Begriff, an Gewicht zu gewinnen. Multipolarität bedeute aber nicht automatisch Kooperation, sondern mehr Akteure, Rivalitäten und Blockaden – paradoxerweise wachse der Bedarf an Zusammenarbeit, während sie zugleich schwieriger werde.
Rückkehr der Geopolitik in die Wirtschaft: Die neoliberale Vorstellung, wirtschaftliche Interdependenz werde Konflikte entschärfen, sei unvollständig. Staaten subventionierten strategische Sektoren, kontrollierten Exporte, sicherten Lieferketten. Effizienz und Sicherheit stünden in permanenter Spannung.
Fragmentierte Globalisierung: Die Globalisierung verschwinde nicht, sondern werde neu organisiert – Produktionsstätten würden ins benachbarte oder verbündete Ausland verlagert und regionalisiert. Der Anteil strategischer Sektoren an internationalen Investitionsprojekten stieg von 16 (2020) auf 44 Prozent (2025). Die Frage laute jetzt: Zusammenarbeit der Regionen oder Wettbewerb der Blöcke?
Technologie als Schlachtfeld: Der Kampf um Macht werde zunehmend über Chips, künstliche Intelligenz (KI), Quantencomputing, Biotechnologie, Satelliten und Daten ausgetragen. Technologische Überlegenheit werde zur geopolitischen Machtfrage.
KI als disruptive Revolution: KI sei kein bloßes IT-Werkzeug, sondern könne das Verhältnis von Wissen, Arbeit und Kapital verändern. Ihre Entwicklung konzentriere sich auf wenige Länder und Sektoren – eine neue technologische Kluft drohe.
Vom Erdöl zu Daten, Chips und Rechenleistung: Macht basiere zunehmend auf Daten, Rechenleistung, Algorithmen und KI. Souveränität werde technologisch und digital: Wer kontrolliert Daten, Rechenzentren, Chips, Plattformen und Standards?
Neuer Kampf um Energie: Die Energiewende beseitige die Ressourcengeopolitik nicht, sie verändere sie. Die Nachfrage nach Lithium, Kupfer, Nickel, Kobalt und seltenen Erden werde sich bis 2030 verdreifachen. Lateinamerika müsse die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren, nicht nur Rohstoffe exportieren.
Globaler Süden: kein homogener Block, aber eine historische Realität. Länder würden mehr Autonomie, diversifizierte Märkte, eigene Währungen und Bündnisse fordern. Die institutionelle Machtverteilung von 1945 entspreche nicht mehr der wirtschaftlichen Realität.
Paradox von Interdependenz und Fragmentierung: Materielle Vernetzung wachse, politisches Vertrauen sinke. Globale Probleme – Klima, Pandemien, KI, Finanzkrisen – machten nicht an Grenzen halt, doch die politischen Reaktionen blieben national.
Widerspruch der technologischen Revolution: Technologie steigere Produktivität, aber nicht automatisch Wohlstand. Entscheidend sei, für wen Technologie eingesetzt wird und wie ihre Vorteile verteilt werden. Die soziale Frage werde dadurch komplexer, nicht obsolet.
Neue soziale Frage: Automatisierung, Plattformen und Algorithmen veränderten das Verhältnis von Kapital und Arbeit. Die sozialen Kategorien des 20. Jahrhunderts beschrieben die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts nicht mehr exakt.
Kampf um Information: Die Produktion von Informationen sei einerseits demokratisiert, während ihre Verbreitung zugleich extrem konzentriert sei. KI erzeuge synthetische Inhalte in unbegrenztem Umfang. Demokratie müsse überprüfbare und transparente Informationsökosysteme schützen.
Veränderte militärische Frage: Drohnen, Cyberangriffe, autonome Systeme und KI veränderten den Krieg. Militärische Überlegenheit hänge zunehmend von technologischer ab. Zivile und militärische Technologien würden verschwimmen.
Ökologischer und technischer Wandel: KI könne Klimaschutz unterstützen, verbrauche aber Energie und Wasser. Digitaler Wandel und Energiewende liefen zusammen. Wer Energie, Mineralien, digitale Infrastruktur und Technologie kontrolliere, habe strategische Vorteile.
Epoche der Ungewissheit: Multipolarität, Globalisierungsfragmentierung, Technologiewettbewerb, KI-Revolution, Energiewende, Rohstoffkampf, Klimakrise, Demographie, Aufrüstung und technologische Ungleichheit seien kein Bündel getrennter Krisen, sondern Teil eines Systems. Sie müssten als Ganzes begriffen werden.
Bedeutung für Parteien: Parteien können sich im 21. Jahrhundert nicht auf Löhne, Steuern, Wohnen oder Bildung beschränken, ohne Geopolitik, Technologie, Energie und Klima zu verstehen. Sozialpolitik und Geopolitik, Industriepolitik und Außenpolitik, Technologie- und Bildungspolitik lassen sich nicht mehr trennen.
Souveränität neu definieren: Souveränität bedeute nicht Isolation, sondern die Fähigkeit, selbst zu entscheiden – über Produktion, Technologien, Daten, Infrastrukturen, Bündnisse, Energie, Bildung und Verteilung. In einer interdependenten Welt heiße das: nicht alle Entscheidungen anderer Mächte akzeptieren zu müssen.
Kampf um Verteilung: Technologische Revolutionen bestimmten die Zukunft nicht von selbst. Die Dampfmaschine habe nicht automatisch die Arbeiterbewegung hervorgebracht, das Internet nicht automatisch Demokratie. Die Politik entscheide, wer profitiert. Wer kontrolliert KI, Daten, Rechenleistung, Rohstoffe, Plattformen und Regeln?
Neue politische Kultur: Parteien müssten die Welt von morgen durchdenken – Arbeitswelt, Bildung, Demokratie, Souveränität, Mensch-Maschine-Verhältnis, KI und Macht, Gleichheit im Zeitalter der Algorithmen. Die Herausforderung sei enorm, die Chance ebenso.
Schlussfolgerung: Die Welt trete in ein neues historisches System ein, dessen Gestalt offen sei. Der zentrale Kampf gelte der Kontrolle über Ressourcen, Technologien, Daten, Infrastrukturen und Regeln der künftigen Weltwirtschaft – und damit der Frage, wer über die Gesellschaft der Zukunft entscheidet. Wenn die Politik darauf keine Antwort gäbe, würden andere die Richtung bestimmen: Konzerne, Märkte, Technologieplattformen und mächtige Staaten. Die wichtigste politische Aufgabe bestehe deshalb darin, alternative Zukunftsentwürfe zu entwickeln.
Ramonet plädiert für eine Gesellschaft, in der technologischer Fortschritt auch Rechte stärkt; eine Energiewende, die alte Abhängigkeiten nicht reproduziert; eine Globalisierung ohne Unterordnung; eine multipolare Welt ohne neuen Blockwettlauf; eine KI, die der Menschheit nützt statt allein der Kapitalakkumulation; und eine Demokratie, die den Wandel der Informationswelt bewältigen kann. Sein Schlussappell: Man solle nicht passiv auf die Transformation reagieren, sondern gemeinsam aktualisierte Vorstellungen einer künftigen Gesellschaft entwickeln.
→ Quelle der Rede (spanisch): jornada.com.mx/noticia/2026/10/11/opinion/un-nuevo-sistema-historico
→ Eine ausführliche Fassung der Rede in deutscher Übersetzung findet sich unter dem Titel »Ein neues historisches System« in der Onlineausgabe der jW.
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