Aus Leserbriefen an die Redaktion
Vor 77 Jahren I
Am vergangenen Mittwoch jährte sich zum 77. Mal die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Sie ist Geschichte. Leider. Beim Anschluss der DDR an die BRD hat man das für mich Wichtigste der DDR absichtlich nicht übernommen, das unumstößliche Friedensgebot. Wie hieß es doch in der Nationalhymne: »Lasst das Licht des Friedens scheinen, dass nie eine Mutter mehr, ihren Sohn beweint.« Die Armee der DDR, in der ich freiwillig diente, hat nicht einen Schuss im Krieg abgegeben. Was man von der Bundeswehr nicht sagen kann. Diese soll die stärkste Armee Europas werden.
Warum, wer bedroht uns? Oder will die BRD, wie zwei deutsche Staaten vor ihr, erneut gegen Russland marschieren? Mit der Einheit wurde gleichfalls eine weitere für mich sehr wichtige Eigenschaft der DDR nicht übernommen: der Zusammenhalt in der Gesellschaft. Heute steht die Singularisierung der Gesellschaft im Mittelpunkt. Es bleibt nur, mit dafür Sorge zu tragen, dass das große Deutschland friedlich und besser wird.
Wilfried Schubert, Güstrow
Vor 77 Jahren II
Man sagt, richtig tot sei erst und überhaupt nur der (oder die), von dem/der weder an seinem/ihrem Geburtstag noch an seinem/ihrem Todestag noch jemand spricht. Geht man in diesen Tagen von meiner Zeitung aus, trifft das wohl nun für die DDR zu. Dazu absolut passend vollzieht sich mit diesem Wahlseptember der lautlose Zusammenbruch des Bonner Parteiensystems aus zwei großen Volksparteien, die entweder stets durch einen leider notwendigen kleinen Koalitionspartner daran gehindert werden, sozial Gutes für das Volk zu tun, oder sich gegenseitig daran hindern, weil sie doch leider durch größere Ziele und Verbündete verpflichtet sind, Deutschland gegen die Gefahr aus dem Osten zu verteidigen. Dass diese, bis dato Großmacht, ihnen den Zögling und kleinen Verbündeten DDR kampflos überlassen hat, konnten sie nur als Zeichen totaler Schwäche, keineswegs als Signal für Frieden, Verständigung und gegenseitig vorteilhafte Wirtschaftsbeziehungen nehmen. Das sind ja nicht die Begriffe, die für Imperialisten kennzeichnend sind – wo ein politisches Vakuum zu sein scheint, da muss man kühn hineinstoßen. Stößt man auf Widerstand, zieht man alle Register der Empörung über eben diese anwachsende Gefahr aus dem Osten. So als stünde wieder wie 1945 die Rote Armee vor den östlichen Zugängen zur Reichshauptstadt. Während sich in der Tat doch das Schicksal des Reichskommissariats Ukraine wiederholt – schnell ging sie verloren, so wie 1941, mühsam muss sie zurückerobert werden wie 1943–44.
Dazu gekommen aber ist es im Grunde durch die Aufgabe des kleinen Verbündeten, der angeblich in das neue »Haus Europa« nicht passe. Und je toter dieser »Vorposten des Weltsozialismus an Elbe und Werra« nun ist, desto mehr fehlt er dringend. Nur durch seinen Untergang war dieser Weg der Anti-Russland-Kriegshetze, der Militarisierung, des Sozialabbaus und der Überrüstung bis zur »stärksten konventionellen Armee Europas« möglich. Aber die Menschen aus dem verreckten kleinen deutschen Friedensstaat haben ihn nicht vergessen. Deshalb dort die immer weiter zunehmende Ablehnung des politischen Systems, das ihnen übergestülpt wurde, seiner angestrebten »Kriegstüchtigkeit«, seiner »Kanonen statt Butter«-Losungen. Daher dort die zunehmend »unerwünschten« Wahlergebnisse. Man sollte auch in der jungen Welt diese Zeichen der Zeit noch stärker beachten. Dann liegt auch eine Art »Würdigung« des untergegangenen Staates des Friedens in Europa mal wieder nahe – Richtiges kann man getrost auch mehrfach sagen.
Volker Wirth, Berlin
Gedenken demontiert
→ Zu jW vom 30.9.: »Stopp für ›Stolpersteine‹«
Diese ganze Diskussion ist so dermaßen verlogen, weil zum einen die Stolpersteine keine offiziellen Gedenkorte, sondern eine (durchaus ehrenwerte) Aktion einer Privatperson sind. Das heißt, sowohl Staat als auch Gesellschaft haben sich seit Kriegsende jahrzehntelang kein bisschen um die Opfer des Faschismus vor Ort gekümmert. Ganz zu schweigen von den ausländischen Opfern, denen solange Anerkennung und Entschädigung verwehrt wurden, bis sie irgendwann von selbst gestorben sind. Zum anderen sind gerade im Osten Anfang der Neunziger Tausende Gedenktafeln für Antifaschisten entfernt worden, einfach weil sie der falsche Staat angebracht hatte. Gekommen sind dafür jede Menge fragwürdige Gedenksteine »für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft«, womit natürlich die toten Täter mit eingeschlossen wurden – was den Politikern der beiden rechten Parteien jetzt vorgeworfen wird, ist seit über 30 Jahren übliche Praxis. Das hätte die jW zumindest mal erwähnen können.
Carsten Glienke, Leipzig
Was verlorenging
→ Zu jW vom 30.9.: »Mit sich selbst im reinen«
Als Nordlicht sind mir Wolfram Schubert und Helmut Sakowski nahestehend. Sie haben bildnerisch und malerisch meine Heimat so richtig zu meiner Heimat gemacht. Das, was sie sahen und hörten, ging durch sie hindurch und wurde zu etwas Einzigartigem. Der Realismus ist die Kunstform des Sozialismus, beide können mit Fug und Recht von sich behaupten, den Beweis dazu mit erbracht zu haben. Das Werk beider Künstler zeigt wieder einmal, was mit der DDR verlorenging (trotz ihrer mannigfachen Fehler).
André Möller, Berlin
Die letzten Tage der Menschheit
→ Zu jW vom 29.9.: »Schauspiel und Diagnose«
Vielen Dank an Karl Wimmler für die Erinnerung an den großen Helmut Qualtinger. Wer dessen wirkmächtige Lesung – eigentlich eher ein geniales Ein-Mann-Dutzende-Stimmen-Hörspiel – der »Letzten Tage der Menschheit« noch nicht kennt, dem sei diese Version des beklemmenden Stücks von Karl Kraus anheimgestellt. Aber Obacht: Unüberhörbare Parallelen zur derzeitigen Stimmungslage könnten bei entsprechend veranlagten Gemütern zu Fatalismus führen.
Ralph Scheuermann, Gießen
›Lasst das Licht des Friedens scheinen, dass nie eine Mutter mehr, ihren Sohn beweint.‹ Die Armee der DDR, in der ich freiwillig diente, hat nicht einen Schuss im Krieg abgegeben. Was man von der Bundeswehr nicht sagen kann. Diese soll die stärkste Armee Europas werden.
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