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Nachruf

Geschichte als Gegenwart

Zum Tod des Politikwissenschaftlers Jörg Becker

Von Mandy Tröger
Foto: profjoergbecker.de
Jörg Becker stellte kluge Fragen: Wie entstehen Feindbilder? Wie funktioniert Kriegspropaganda?

»Meine liebe Mandy, wie schön, von dir zu hören.« So begrüßte mich Jörg Becker jedes Mal am Telefon – mit einer Wärme, die kaum zu dem Bild des streitbaren, unbequemen Intellektuellen passen wollte, als den ihn viele kannten. Nun werden wir diese Stimme nicht mehr hören.

Jörg Becker ist am 23. August 2026 gestorben, zwei Wochen vor seinem 80. Geburtstag. Im Juni erschien sein letztes großes Buch, »Der spätere Spion. Richard Sorge 1918–1924.« Bis zum Schluss blieb Jörg ein politischer Mensch, historisch denkender Wissenschaftler und unbequemer Zeitgenosse. Er passte nie recht in eine Kategorie, saß zwischen den Stühlen.

Jörg promovierte 1977, habilitierte sich 1981, wurde 1987 Honorarprofessor in Marburg und lehrte später als Gastprofessor in Innsbruck. Einen eigenen Lehrstuhl hatte er nie. Und doch arbeitete er sein Leben lang kritisch, unabhängig und ohne sich intellektuell passend zu machen.

Wie viel ihm eine neue Generation kritischer Wissenschaft bedeutete, erlebte ich 2017 auf der Gründungstagung des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft (Krikowi). Jörg saß im Publikum, stand am Ende auf und hatte Tränen in den Augen. Das Netzwerk, sagte er sinngemäß, habe geschafft, was seiner Generation nicht gelungen sei: kritische Kommunikationswissenschaft wieder sichtbar zu machen und zu organisieren.

In Deutschland bewegte er sich oft am Rand des etablierten Wissenschaftssystems, international war seine Arbeit Teil wichtiger Debatten über Medien, Macht, Krieg und politische Ökonomie. Wer Jörg zu Hause besuchte, verstand auch schnell, dass Bücher für ihn keine Dekoration waren. Er war selbst eine wandelnde Bibliothek. Sein Denken war historisch, aber nie antiquarisch. Geschichte war für ihn kein Museum, sondern Material der Gegenwart.

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Vielleicht konnte ihn die Gegenwart deshalb so aufwühlen. Seine Stimme brach, wenn er über menschenunwürdige Bedingungen im Alter sprach, über die Heuchelei deutscher Nachkriegsgeschichte, über wiederkehrenden »Nazidreck« und über Gaza. Noch im März 2026 fragte er: »Stehen wir politisch am gleichen Punkt wie 1933?« Das war typisch Jörg: zuspitzen, historische Linien ziehen, beunruhigen – und sich mit beruhigenden Antworten nicht zufriedengeben.

Auch Solingen war für ihn ein politischer Ort. Er war Gewerkschafter, engagierte sich gegen Privatisierung und saß von 2014 bis 2020 für die Linke im Stadtrat. Das Lokale und das Internationale gehörten für ihn zusammen.

Den neuen Rüstungswahn und die Rhetorik rund um den Krieg in der Ukrai­ne betrachtete er mit Sorge. Nicht, weil er Russland verherrlichte, das tat er nicht. Sondern weil er an Fragen festhielt, die ihn seit Jahrzehnten beschäftigten: Wie entstehen Feindbilder? Wie funktioniert Kriegspropaganda? Welche Interessen strukturieren öffentliche Kommunikation? 2024 erschien die erweiterte Neuauflage von »Medien im Krieg – Krieg in den Medien«, nun auch mit einem Kapitel zur Propaganda im Ukraine-Krieg. Im Zentrum standen Feindbildproduktionen und die strukturellen Bedingungen medial vermittelter Kriege – verbunden mit einer ausdrücklich friedensorientierten Perspektive.

Ein passender Schlusspunkt ist wohl sein letztes Buch über Richard Sorge. Jörg interessierte sich für den Menschen vor dem Mythos und setzte sich von Legendenbildungen ab. Das war mehr als Methode. Es war Haltung: Jörg wusste, dass Menschen selten in die Geschichten passen, die wir später über sie erzählen.

Auch Jörg lässt sich nicht leicht einsortieren. Er konnte schroff sein, fordernd, eigensinnig und unerbittlich. Ein konfliktfreier Nachruf würde ihm nicht gerecht. Gleichzeitig zeichneten ihn sein Scharfsinn, seine unbeirrte politische Haltung und sein scheinbar unbegrenztes Mitgefühl aus.

In den letzten Jahren fragte er mich manchmal, warum er all die Jahrzehnte in seine Arbeit gesteckt habe, wenn wir heute wieder dort seien, wo wir seien. Darauf wusste ich keine gute Antwort. Vielleicht liegt der Sinn kritischer Arbeit nicht darin, Geschichte ein für alle Mal in die richtige Richtung zu zwingen. Vielleicht liegt er darin, dass Menschen da sind, die widersprechen, Archive öffnen, verdrängte Geschichten erzählen und den Mächtigen und Mitläufern lästig fallen. Auf der Krikowi-Gründungstagung 2017 glaubte Jörg für einen Moment zu sehen, dass etwas weitergegeben worden war. Vielleicht war das eine Antwort.

»Meine liebe Mandy, wie schön, von dir zu hören.« Nun wird Jörgs Stimme ruhen. Seine Fragen bleiben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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