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Selbstbestimmte Sexualität

»Sexualität für alle«

Leipziger Projekt für barrierearme Aufklärung und Gewaltprävention für Menschen mit Behinderung

Von Amelie E. Höcker
Foto: Michael Kappeler/dpa

Menschen mit Behinderungen sind besonders gefährdet, Gewalterfahrungen zu machen. Insbesondere sexualisierte Gewalt wird dabei oft tabuisiert. Mit dem Projekt »Sexualität für alle« möchte der Leipziger Verein Offene Dialog e. V. behinderten Menschen mit Gewalterfahrungen barrierearme Räume ermöglichen, um über das Erlebte zu sprechen, aber auch, um die sexuelle Selbstbestimmung behinderter Menschen zu entstigmatisieren. Um das umzusetzen, hat der Verein am 4. September eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Das Funding soll ermöglichen, dass die Angebote kostenlos und mit therapeutischer Begleitung zur Verfügung gestellt werden können, und baut damit auch die finanzielle Barriere ab, mit der behinderte Menschen häufig durch prekäre Beschäftigung in Werkstätten und unzureichende Sozialleistungen konfrontiert sind.

Innerhalb des Projektes sollen diverse Angebote ermöglicht werden. Darunter sind Workshops, Gruppengespräche und Einzelberatungen. Der Anspruch dabei ist intersektional und gesamtgesellschaftlich: Nicht nur Menschen mit Behinderung sind die Zielgruppe, sondern auch Angehörige, Partner und Fachpersonal. Dabei geht es auch darum, Grenzen zu erkennen und ziehen zu lernen oder in einem sicheren Raum über Gewalterfahrungen sprechen zu können. Auf der Website für das Crowdfunding schreiben die Initiatoren: »Wir vermitteln Wissen über Körper, Grenzen, Konsens und Rechte und stärken die Teilnehmenden darin, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, ›Nein‹ zu sagen und sich Unterstützung zu holen.«

Wie wichtig das ist, unterstreicht eine Studie des Institutes für empirische Soziologie, die im Jahr 2024 vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend beauftragt und veröffentlicht wurde: 22 Prozent der Frauen mit Behinderung gaben an, mindestens einmal in ihrem Leben sexualisierte Gewalt in einer stationären Einrichtung erlebt zu haben – 29 Prozent in einem ambulanten Setting. Bei den Männern sind es in den stationären Einrichtungen elf Prozent und ambulant sieben Prozent. Vor diesem Hintergrund ist es Michel Günther vom Projektteam »Sexualität für alle« wichtig zu betonen, dass der Grund für die Gewalterfahrungen nicht ist, dass sie Betroffenen behindert sind. Gegenüber der jungen Welt sagte er, es »sind vielmehr strukturelle Bedingungen wie Abhängigkeiten, soziale Isolation, Kommunikationsbarrieren und der eingeschränkte Zugang zu Informationen, Beratung und Hilfsangeboten. Wer bei intimen Handlungen wie Waschen oder Anziehen vollständig auf andere Menschen angewiesen ist, hat es viel schwerer, Grenzen zu setzen oder sich bei Übergriffen zu wehren.«

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Dabei richtet sich »Sexualität für alle« an behinderte Menschen aller Altersgruppen: seien es junge Erwachsene, die gerade ihre ersten Beziehungserfahrungen machen und sich mit Fragen über die Identitätsfindung und Verhütung beschäftigen, oder Personen ab 50 Jahren, die Themen wie Pflege und körperliche Veränderungen beschäftigen. Insbesondere Menschen, die in Wohngruppen oder anderweitig betreuten Einrichtungen leben, sollen in dem Projekt einen Raum zum Austausch finden, weil gerade unter solchen Umständen Partnerschaftlichkeit und Intimität mit Barrieren und dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Autonomie verbunden sind.

Das Recht auf Selbstbestimmung behinderter Menschen droht durch die aktuelle Kürzungspolitik der Bundesregierung eher eingeschränkt als gestärkt zu werden. Das betrifft nicht nur Mittelkürzung und Budgetierung bei der medizinischen Versorgung, sondern auch Kürzungen bei gemeinnützigen Unterstützungsangeboten. Das Projekt »Sexualität für alle« sei zwar nicht von der aktuellen Politik betroffen, so Günter gegenüber der jungen Welt, »dennoch sind sowohl unsere Zielgruppe als auch unsere Kooperationspartner eng mit den sozialen Unterstützungsstrukturen verbunden, die von sozialpolitischen Kürzungen und unsicheren Finanzierungen betroffen sind. Die Auswirkungen sozialpolitischer Kürzungen und des zunehmenden finanziellen Drucks im Sozialbereich betreffen sowohl die Lebenssituation der Menschen, die unser Projekt nutzen, als auch die Einrichtungen, mit denen wir kooperieren.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.09.2026, Seite 15, Feminismus

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