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Klassenkampf in Kuba

Erfolge und Widersprüche auf der sozialistischen Karibikinsel

Von Michel Torres Corona
Foto: jW

Zwei weise Männer haben es mit typisch genialer Einfachheit formuliert: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.« Für Kommunisten müsse dieser Klassenkampf, wie Marx selbst in seinem berühmten Brief an Joseph Weydemeyer schrieb, zur »Diktatur des Proletariats« führen, einem historischen Übergang zu einer klassenlosen, von Ausbeutung freien Gesellschaft. Er und Engels waren sich des Scheiterns der Pariser Kommune bewusst, erlebten jedoch nie die Entwicklung einer siegreichen Revolution, die den Trubel ihrer Entstehung überstand, wie es ihr brillantester Schüler, Lenin, tat. Der bolschewistische Anführer formulierte es in einem seiner berühmten Texte – »Der ›Linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus« – sehr deutlich: »Der Klassenkampf geht nach der Revolution weiter; er ändert nur seine Form.«

So müssen Kommunisten den Staat nutzen, um mächtige Kräfte innerhalb und außerhalb der gesellschaftlichen und nationalen Sphäre zu unterdrücken (wie es auch Fidel Castro in seiner Rede vom 1. Mai 2000 ausdrückte), und gleichzeitig das Bewusstsein und die materiellen Voraussetzungen für das Entstehen einer neuen Gesellschaft schaffen. Für Kubaner ist es nicht schwer, die Herausforderungen und Konflikte einer sozialistischen Umwälzung wie im bolschewistischen Russland zu verstehen. Auch in Kuba triumphierte ein revolutionärer Prozess, in dem der Klassenkampf die Form eines Arbeiterstaates annahm, der sich sowohl der nationalen Bourgeoisie als auch dem ausländischen US-Imperialismus entgegenstellte.

Es ist kein Zufall, dass die Agrarreform den Bruch zwischen dem kubanischen Volk und dem Großkapital erzwang. Die Konterrevolution versuchte mit Sabotageakten, Invasionen, der Finanzierung von Banditen, Terrorakten usw., den kubanischen Sozialismus mit Gewalt zu besiegen. Die Komplizenschaft des Imperialismus mit der besiegten Bourgeoisie und dem söldnerischen Lumpenproletariat scheiterte. Das bedeutete jedoch keine Abkehr von den Prinzipien der Unterdrückung. Antonio Gramsci bringt uns die Erkenntnis, wie sich der Klassenkampf von einem »Bewegungskrieg« (einem Frontalangriff auf die Staatsmacht) zu einem »Stellungskrieg« wandeln konnte – dem Versuch, das sozialistische Modell Kubas subtil ideologisch und kulturell zu unterwandern.

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Die ab den 1990er Jahren aus Notwendigkeit legitimierten Reformen wurden genutzt, um den »kapitalistischen Realismus« in der kubanischen Gesellschaft keimen zu lassen – die Idee, dass eine andere Welt unerreichbar sei. Auch Menschen mit den besten Absichten können sich diesen Diskurs zu eigen machen, in dem Glauben, so das Vaterland und den revolutionären Prozess zu retten. Die durch die US-Belagerung verschärften Versorgungsengpässe führen zu einer Verzweiflung, die selbst anständige und verantwortungsbewusste Menschen dazu bringt, eine Kapitulation oder ausländische Militärintervention zu fordern oder ihre »Träume von Gerechtigkeit für Kuba und die Welt« hinter sich zu lassen. Dies ist zweifellos der Hauptausdruck des Klassenkampfes im heutigen Kuba, wo eine Protobourgeoisie nicht nur wirtschaftliche und sogar politische Machtpositionen anhäuft, sondern deren Weltanschauung auch zu jenen durchdringt, die von einer kapitalistischen Produktionsweise kaum etwas erwarten können.

Von einer Restauration des Kapitalismus auf Kuba kann man aber nicht sprechen. Der ausdrückliche Wille der kubanischen Regierung und der Partei ist die Verteidigung des sozialistischen Kurses, und dies hat einen symbolischen und politischen Wert, der nicht unterschätzt werden darf. Zudem bestehen trotz allem die Vorstellungen von Gerechtigkeit und Souveränität fort. Es gibt weiterhin Menschen, die sich über die schwierigen Umstände der Gegenwart erheben und daran erinnern, dass der Sozialismus nicht die eigentliche Ursache unserer Not ist, sondern vielmehr die Bedingung unseres Überlebens.

Der Klassenkampf in Kuba dauert bis heute an. Er umfasst nicht nur den heldenhaften Widerstand des kubanischen Volkes gegen die US-Blockade, sondern findet auch im Bewusstsein jedes einzelnen und unter dem Einfluss seiner materiellen Lebensbedingungen Ausdruck, reproduziert sich in den Verhältnissen der Vermögensbildung und -verteilung. Es geht hier nicht um kindischen Purismus, wie Lenin sagen würde, sondern um das Verständnis, dass selbst dann, wenn die Umstände die Annahme reformistischer oder konservativerer Positionen gebieten, man den wahren Horizont der Emanzipation nicht aus den Augen verlieren darf, der jedem revolutionären politischen Projekt Sinn verleiht. Ohne das war jedes Opfer vergeblich und wird es in Zukunft auch sein.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.07.2026, Seite 6, Ausland

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