Zum Inhalt der Seite
Fußballrealität

Die Macht der Hürden

Schlaglichter auf die Geschichte der Fußball-WM (Teil 6)

Von Carlos Gomes und Glenn Jäger
Foto: IMAGO/Sven Simon
Bitte recht fröhlich: Pelé und das Mexiko-WM-Maskottchen Juanito

→ Alles schon mal gehabt? Mutmaßliche Korruption bei der WM-Vergabe? Ein demütigender Umgang gegenüber Mannschaften aus dem globalen Süden? Ein Rückblick.

Sechsunddreißig Jahre nach Diego Maradona führte Lionel Messi Argentinien 2022 endlich wieder zum Titel. Nach einem der spektakulärsten WM-Endspiele der Geschichte bezwang die Albiceleste Frankreich im Elfmeterschießen – und die umstrittene Katar-WM endete mit einer argentinischen Party. Doch selbst die Siegerehrung sorgte noch für Kontroversen: Messi bekam vor der Pokalübergabe einen traditionellen katarischen Bischt umgelegt. Für die einen ein Akt der Gastfreundschaft, für die anderen eine politische Instrumentalisierung des ikonischsten Moments des Turniers. Wieder andere erinnerten an den Sombrero, den – gleichwohl feiernde Fans – Pelé anno 1970 im Aztekenstadion von Mexiko aufgesetzt hatten.

Die Kontroverse um Katar hatte schon lange vor dem Turnier begonnen. Genauer: im Dezember 2010 mit der Doppelvergabe der WMs 2018 und 2022 an Russland und Katar. Rund um die Abstimmungen tauchten immer neue Hinweise auf mutmaßliche Bestechung und Stimmenkauf auf. Zu den Gewinnern zählten vor allem deutsche und französische Unternehmen, denen Großaufträge für Infrastrukturmaßnahmen am Golf winkten.

Die USA, die im Rennen gegen Katar den Kürzeren gezogen hatten, wollten ihre Niederlage nicht hinnehmen. Es folgte eine bemerkenswerte Abfolge von Ereignissen: Kurz nach der Vergabe leitete die US-Justiz umfassende Korruptionsermittlungen gegen die FIFA ein. Ende Mai 2015 wurden auf Antrag der Vereinigten Staaten bei einer FIFA-Tagung in Zürich mehrere Funktionäre festgenommen und angeklagt. In der Folge erhielten ausgerechnet die USA, gemeinsam mit Kanada und Mexiko, den Zuschlag für die WM ’26. Die meisten Verfahren gegen FIFA-Funktionäre verliefen anschließend im Sande. Belege für ein gezieltes Erpressungsmanöver gegenüber der FIFA gibt es nicht. Gleichwohl bot die zeitliche Abfolge reichlich Stoff für Spekulationen. Zusätzliche Nahrung erhielten sie durch US-Präsident Trump, der vor der Vergabe drohend erklärt hatte, er werde sich die Entscheidung des FIFA-Kongresses »ganz genau anschauen«.

Anzeige

Ob umstrittene Vergaben, fortschreitende Kommerzialisierung, Demokratiefragen eines Gastgebers oder ein demütigender Umgang gegenüber Mannschaften aus dem globalen Süden: All das ist bekannt. Neu ist vielmehr: Bei der WM ’26 treffen nahezu alle bekannten Konfliktlinien zusammen – so deutlich wie selten zuvor.

Dabei reicht der Blick weit zurück. Schon 1938 bekam das heutige Indonesien – damals noch unter dem Kolonialnamen Niederländisch-Indien – den Rassismus des westlichen Gastgebers zu spüren. Frankreich hatte allen Teilnehmern die Übernahme der Reisekosten zugesagt, wollte die Überfahrt der Mannschaft aus Südostasien zunächst jedoch nicht finanzieren. Im Organisationskomitee galt ein Team aus Asien als unerwünscht. Erst nach Protesten lenkte Paris ein und stellte widerwillig Schiffstickets der dritten Klasse zur Verfügung. Die französische »Équipe« war acht Jahre zuvor zur WM in Uruguay noch in der ersten Klasse eines Luxusdampfers gereist.

Fast neun Jahrzehnte später war die Geschichte zwar eine andere, das Grundmuster jedoch verblüffend vertraut. Die iranische Auswahl durfte ihr Quartier nicht in den USA beziehen und musste von Tijuana im mexikanischen Grenzgebiet zu jedem Spiel pendeln. Mehrere Spieler wurden bei der Einreise stundenlang verhört, Delegationsmitgliedern die Einreise verweigert. Ähnliche Erfahrungen machten Vertreter anderer Verbände. Selbst der somalische Schiedsrichter Omar Artan, 2025 als Afrikas bester Unparteiischer ausgezeichnet, durfte trotz FIFA-Nominierung und gültigem Visum nicht in die USA einreisen.

Für Fans vieler Mannschaften aus dem globalen Süden machten die US-Behörden den WM-Besuch ebenfalls nahezu unmöglich, so dass Partien wie Norwegen gegen Senegal zu gefühlten Heimspielen für die »westlichen« Teams gerieten – mit Tausenden eigener Anhänger und oft nur wenigen Dutzend gegnerischer Fans.

Auch Michel Nkuka Mboladinga bekam es bei der Einreise mit Hürden zu tun. Im Kongo längst als Kultfigur gefeiert und in der Quali zum Glücksbringer avanciert, steht Nkuka Mboladinga während der Spiele regungslos auf einem Podest – und verkörpert Patrice Lumumba. Dieser führte den Kongo 1960 in die Unabhängigkeit, wurde zum ersten Premierminister des Landes und widersetzte sich der neokolonialen Einflussnahme. Gut ein halbes Jahr später wurde er mit Unterstützung der CIA und belgischer Akteure ermordet. »Er hat sein Leben für unsere Freiheit geopfert. Deshalb ist er unser Held«, so Nkuka ­Mboladinga.

Wenig überraschend erhielt Nkuka Mboladinga keine Einreiseerlaubnis in die USA und konnte nur jenes eine Spiel des kongolesischen Teams im Stadion verfolgen, das in Mexiko stattfand. Ein treffender Ausdruck für die Abschottungslogik des Hauptgastgebers und zugleich der symbolische Sieg einer antikolonialen Geste, die die FIFA-Beschwörungen von der Einheit der Welt vom Kopf auf die Füße stellte.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 09.07.2026, Seite 16, Sport

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!