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Leben am seidenen Faden
Athen: Die Menschen in der besetzten Nachbarschaft Prosfygika sind von Vertreibung bedroht. Doch der Widerstand ist groß – zwei Bewohner sind in den Hungerstreik bis zum Tod getreten
Er kann nicht mehr laufen. In einem Video wendet sich Aristotelis Chantzis, sichtlich angestrengt und erschöpft, an seine Mitstreiter. Aristotelis, von allen nur »Aristos« genannt, hat fast die Hälfte seines Körpergewichts verloren. Am Montag musste der Bewohner der besetzten Athener Nachbarschaft Prosfygika ins Krankenhaus eingeliefert werden. Doch trotz seines kritischen Zustands hält Aristos an seinem Entschluss fest. Seit dem 5. Februar befindet er sich im »Hungerstreik bis zum Tod«. Seine Botschaft ist klar: Er wird nicht aufgeben, solange die Zukunft von Prosfygika ungeklärt bleibt.
Mitten im Herzen Athens, zwischen Betonfassaden und vielbefahrenen Straßen, liegt eine der bekanntesten Besetzungen Europas. Acht Wohnblöcke bilden die Gemeinschaft von Prosfygika. Rund 400 Menschen leben hier – Geflüchtete, politisch Verfolgte, Aktivisten, Familien, Kranke und sozial Benachteiligte. Mehr als 20 Sprachen werden gesprochen, Menschen aus 27 Ländern und Regionen teilen sich diesen ungewöhnlichen Ort.
Doch: Laut den griechischen Behörden sollen die Gebäude saniert werden. Die Bewohner sehen das jedoch als Vorwand, um sie zu vertreiben. Die Gemeinschaft wirft dem Staat vor, unter dem Deckmantel der Sanierung eine Räumung vorzubereiten. Das würde, so die Bewohner, die Gentrifizierung Athens weiter vorantreiben und eine über Jahrzehnte gewachsene, selbstverwaltete Nachbarschaft zerstören.
Aber Aristos kämpft nicht allein. Seit dem 1. Mai befindet sich auch die Bewohnerin Suzon Doppagne im Hungerstreik. Gemeinsam versuchen sie, die Räumungs- und Sanierungspläne aufzuhalten und die Zukunft der Gemeinschaft zu sichern. Wer durch Prosfygika läuft, versteht schnell, warum der Ort für die meisten Bewohner mehr ist als ein paar Gebäude. Die Wände sind bedeckt mit politischen Botschaften, Solidaritätsaufrufen für Palästina und Kurdistan und Erinnerungen an vergangene Kämpfe. Besonders auffällig ist ein großes Wandbild von Haukur Hilmarsson, einem Anarchisten aus der Gemeinschaft, der als Kämpfer des Internationalen Freiheitsbataillons im Krieg gegen den »Islamischen Staat« in Syrien ums Leben kam.
»Es geht nicht nur um ein paar Häuserblocks«, sagte Aristos bereits Mitte April in einem Interview, als sein Gesundheitszustand noch deutlich stabiler war. Prosfygika sei ein Ort des Widerstands in einer Zeit, in der viele Menschen glaubten, gesellschaftliche Veränderungen seien nicht mehr möglich. Während sich Aristos’ Zustand weiter verschlechtert, wächst auch der politische Druck. Die Gemeinschaft macht die Regionalregierung Attikas und die Europäische Union für die Entwicklung verantwortlich. Sollte der Hungerstreik tödlich enden, sehen viele Bewohner die politischen Entscheidungsträger in der Verantwortung.
Am 12. Juni meldete sich Athens Bürgermeister Haris Doukas öffentlich zu Wort. In einer Erklärung rief er die Regierung und alle beteiligten Institutionen dazu auf, in einen Dialog mit den Menschen in Prosfygika zu treten. Ziel müsse es sein, über die Zukunft und mögliche Sanierung der Nachbarschaft zu sprechen und dabei zu verhindern, dass die Hungerstreikenden mit dauerhaften Schäden oder gar ihrem Leben bezahlen. Die Gemeinschaft begrüßte die Erklärung, reagierte jedoch zurückhaltend. Worte allein, so die Bewohner, reichten nicht aus. Solange keine konkreten Schritte erfolgen und die Forderungen der Hungerstreikenden unbeantwortet bleiben, seien politische Bekundungen wertlos.
Aristos’ Tod würde weitreichende Konsequenzen haben. Es wäre der erste Sterbefall durch einen Hungerstreik seit Jahrzehnten. Gleichzeitig bereitet sich die Gemeinschaft auf eine mögliche Räumung vor. Die Erinnerung an frühere Polizeieinsätze ist präsent. Bewohner berichten von harter Repression, gewaltsamen Festnahmen, Androhung sexualisierter Gewalt und Zusammenarbeit mit Nazis. Entsprechend groß ist die Sorge vor einer erneuten Eskalation.
Während die politischen Auseinandersetzungen weitergehen, läuft bereits eine internationale Solidaritätskampagne. Unter dem Hashtag #saveprosfygika werden Aktivisten dazu aufgerufen, den Sommer in der besetzten Nachbarschaft zu verbringen und die Gemeinschaft zu unterstützen. Die Möglichkeiten reichen von Bau- und Restaurierungsarbeiten über die Versorgung der Gemeinschaft bis hin zur Unterstützung sozialer und politischer Strukturen. Denn für die Menschen in Prosfygika steht weit mehr auf dem Spiel als Wohnraum. Hier existieren selbstverwaltete Frauen- und Jugendstrukturen, ein Kindergarten, die Berkin-Elvan-Bäckerei, Gesundheitsangebote und zahlreiche solidarische Projekte.
Über den Innenhöfen und Fassaden hängt derzeit eine spürbare Anspannung. Während Aristos im Krankenhaus um sein Leben kämpft, wartet die Gemeinschaft auf politische Entscheidungen. Doch eines hat sich in den vergangenen Monaten nicht verändert: die Entschlossenheit der Bewohner. »We will win or we will win« – wir werden gewinnen, oder wir werden gewinnen. Dieses Motto begleitet ihren Widerstand.
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