Zum Inhalt der Seite
Fußballrealität

Imperien ausgeknipst

Schlaglichter auf die Geschichte der Fußball-WM (Teil 3)

Von Carlos Gomes und Glenn Jäger
Foto: WEREK/IMAGO
Dann hebt er ab: Diego Maradona übt sich im WM-Finale gegen Deutschland in einer spektakulären Technik theatralen Ausdrucks (29.6.1986)

→ Alles schon mal gehabt? Die Fußball-WM im Zeichen politischer Propaganda? Unter einer extremen Rechten, gar einer Junta an der Macht? Ein Rückblick.

Hans-Ulrich Rudel im WM-Quartier: Bei der WM ’78 folgte der einstige Wehrmachtsflieger einer Einladung des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger. Die Referenzen: Kurz vor Kriegsende höchstdekorierter Nazioffizier, später als »Auslandsvertreter« des Siemens-Konzerns in Argentinien und Paraguay; bei der Bundestagswahl 1953 Spitzenkandidat der Deutschen Reichspartei. Kritik am DFB-Besuch wäre laut Neuberger »einer Beleidigung aller deutschen Soldaten« gleichgekommen. Entsprechend wohlwollend äußerte sich die westdeutsche Auswahl gegenüber der Militärjunta. »Verschwindenlassen« von Oppositionellen, rund 30.000 Tote? DFB-Kapitän Hans-Hubert ›Berti‹ Vogts wollte »keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen« haben, Argentinien sei ein »Land, in dem Ordnung herrscht«. Und Bundestrainer Helmut Schön wird einmal sagen, er habe »nichts gesehen, von dem man sagen könnte, es handle sich um eine ausgesprochene Diktatur«. Mit Udo Jürgens hatte die Mannschaft im ZDF-»Sportstudio« vor der Abreise noch »Buenos Dias, Argentina« gesungen; doch nach dem 2:3 gegen Österreich, der »Schmach von Córdoba«, konnte der amtierende Weltmeister die Koffer packen.

Derweil brauchte Gastgeber Argentinien auf dem Weg zum Titel einen Kantersieg gegen Peru. Vor dem 6:0-Sieg tauchten Juntachef Videla und der US-Außenpolitiker Henry Kissinger, der bei dem Militärputsch von 1976 Pate gestanden hatte, in den Katakomben des Stadions auf. 2012 wurden Absprachen zwischen Videla und seinem peruanischen Amtskollegen Francisco Morales Bermúdez bestätigt.

Anzeige

Doch es gab auch das: Eine internationale Kampagne, die sich wahlweise in Boykottforderungen oder in einem Motto wie »Fußball ja, Folter nein« äußerte. Und einen César Luis Menotti, den »Che Guevara des Fußballs«: Nach dem Finalsieg über die Niederlande (3:1 n. V.) gab der argentinische Nationaltrainer zu Protokoll, seine Spieler hätten »die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt«.

Und Maradona? Der hatte zwar schon sein erstes Länderspiel hinter sich, wurde aber nicht nominiert – um ihn »zu schützen« (Menotti). Nach dem Gewinn der Junioren-WM (1979) dann 1982 seine erste »richtige WM«, bei der er in den Spielen gegen Belgien (0:1), Italien (1:2) und Brasilien (1:3) rüde von den Beinen geholt wurde. Gegen die Seleção revanchierte er sich – und sah Rot. Den Azzurri sollte es recht sein, am Ende stand ein 3:1-Finalsieg über die BRD. Auch die FIFA war zufrieden: An Spanien hatte sie die WM noch in der Ära Franco vergeben. 1982 war das Land im Wandel, das Turnier glich einem ausgelassenen Volksfest – mit der aufgestockten Teilnehmerzahl von 24 Ländern.

Keine WM stand derart im Zeichen eines einzelnen Spielers wie »Mexiko ’86«. Maradona führte die Albiceleste ins Finale – und mit dem 3:2 (n. V.) über die DFB-Auswahl zum Titel. Verdichten lässt sich das Turnier in jenem Viertelfinale, in dem Argentinien auf den Tag genau vor 40 Jahren mit 2:1 über England triumphierte. Mit zwei Toren für die Ewigkeit: dem einen mit der »Hand Gottes« – »als hätte ein neapolitanischer Straßenjunge einem reichen Engländer die Geldtasche gestohlen«, so der Delinquent selbst – und dem anderen mit dem Jahrhundertsolo über 60 Meter. »Die europäischen Imperien bauten auf eine doppelzüngige Kombination aus roher Gewalt und Rechtsstaatlichkeit. Maradona knipste an diesem Tag beides aus«, so das Portal Africa Is a Country. Die Begegnung war aufgeladen als Revanche für den Falklandkrieg. Und, ja: Militärjunta hin oder her, aber was hatte das Vereinigte Königreich dort zu suchen? Doch die Partie war mehr als das: Es war der »kreolische« Triumph über die englische Maschine – ein jahrzehntealtes Leitmotiv. Der Triumph des »pibe«, des undisziplinierten Jungen, über die Produktionslogiken des Weltmarkts. Ja, der Triumph eines »antikolonialen Rebellen« (Gerhard Dilger), gefeiert im globalen Süden. Noch die WM 2026 zeigt: Lionel Messi ist – nicht neben, aber auf dem Platz – der brillante Erbe.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 22.06.2026, Seite 16, Sport

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!