- → Ausland
Tödliches Gefängnissystem
In den USA sterben immer wieder Inhaftierte durch verweigerte medizinische Hilfe
Der Gefangene war allen unter seinem Spitznamen »Silk« bekannt. Das war natürlich nicht sein offizieller Name. Sein Geburtsname lautete Todd White. Er arbeitete in der Küche und trainierte im Fitnessraum mit Gewichten. Am 26. Mai klagte er während der Arbeit über Schmerzen im Brustkorb. Die Küchenleitung alarmierte die medizinische Abteilung des Gefängnisses, die Silk zur Untersuchung auf die Krankenstation bringen ließ. Dort wurde bei ihm ein Elektrokardiogramm (EKG) durchgeführt, um seine Herzfrequenz und den Zustand seines Herzens zu kontrollieren.
Einige Zeit später gab ein Mitarbeiter des medizinischen Personals das Untersuchungsergebnis bekannt: Es seien keine Herzprobleme feststellbar. Somit wurde Silk wieder zur Arbeit in die Anstaltsküche zurückgeschickt. Dort überfielen ihn jedoch erneut die heftigen Schmerzen in der Brust. Als seine Kollegen sahen, wie schlecht es ihm ging, schickten sie ihn dieses Mal nicht wieder in die Krankenstation, sondern zurück auf seine Zelle.
Im Zellentrakt versuchte Silk, seine Familie vom Anstaltstelefon aus anzurufen, doch leider erreichte er niemanden. Daraufhin überließ er seinem Zellengenossen das Telefon und kehrte in die Zelle zurück, um sich hinzulegen.
Sein Zellengenosse erledigte zunächst selbst einige Anrufe auf dem Gang und ging dann nach draußen, weil die Häftlinge des Trakts zum Hofgang gerufen wurden. Als er vom Hofgang zurück in die Zelle kam, fand er Silk regungslos auf dem kalten Betonboden liegend vor. Er alarmierte sofort den Sanitätsdienst, doch es war bereits zu spät. Todd »Silk« White starb am Dienstag, dem 26. Mai 2026, im Alter von 62 Jahren an einem akuten Herzinfarkt.
→ Übersetzung: Jürgen Heiser
→ Seit seiner Verhaftung im Dezember 1981 bringt der Journalist und Bürgerrechtler Mumia Abu-Jamal in seinen Beiträgen auch das Problem der medizinischen Nichtversorgung im gefängnisindustriellen Komplex der USA ans Licht. Das gemeinnützige US-Newsportal The Marshall Project veröffentlichte im Dezember einen Bericht, in dem es eingangs hieß: »Jedes Jahr durchlaufen Millionen von Menschen die Haftanstalten der USA. Viele von ihnen kehren nie nach Hause zurück, da sie an den Folgen medizinischer Vernachlässigung sterben.« Die faktenreiche Analyse bestätigte, dass der von Abu-Jamal geschilderte Fall nicht selten ist, denn bei etwa 60 Prozent der diagnostizierten plötzlichen Todesfälle hingen die häufigsten Ursachen mit Herzerkrankungen zusammen.
Laut einem Bericht des britischen Guardian vom Februar 2024 stellte das Büro des Generalinspektors des US-Justizministeriums (OIG) dazu fest, dass es von 2014 bis 2021 einen Anstieg unnatürlicher Todesfälle gab. Das OIG führte »durchgängige Versäumnisse bei der Reaktion des Personals auf eine Reihe von medizinischen Notfällen« als Ursache an. Der Generalinspekteur dokumentierte »erhebliche Mängel«, darunter »mangelnde Dringlichkeit bei der Notfallreaktion« sowie das »Versäumnis, geeignete Notfallausrüstung mitzubringen oder einzusetzen«. Auch Probleme mit Defibrillatoren, bei denen das Personal die Geräte nicht zum Notfallort brachte, sie nicht finden konnte oder die Geräte nicht funktionierten, führten dem Bericht zufolge zum Tod von Gefangenen. (jh)
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