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Polymarket, Kalshi

Wetten auf die nächste Bombe

»Prediction Markets«: Spekulation mit Krisen, Wahlen, Kriegen. Trotz Versuch der Regulierung bleibt grundlegender Mechanismus unberührt

Foto: Olga Fedorova/AP/dpa
»Wetten, dass …?« auf Crack: Polymarket ermöglicht allumfassende Spekulation (New York City, 4.11.2025)

Unsicherheit ist das Signum unserer Zeit geworden. An allen Ecken brennt die Welt – und wer weiß schon, wo morgen die nächsten Bomben fallen. Reaktionäre Krisenverwaltung und erratische Politiker erzeugen täglich neue Risiken. Doch auf den Finanzmärkten bedeutet Unsicherheit auch Gelegenheit, Risiko bedeutet Rendite.

Wo einst auf Fußballspiele gewettet wurde, wird heute auf Wahlen, geopolitische Eskalation, militärische Operationen und Kriegsverläufe spekuliert. Gewettet wird auf sogenannten »Prediction Markets« wie Polymarket und Kalshi. Auf beiden zusammen werden wöchentlich Summen von mehr als sechs Milliarden US-Dollar bewegt.

Darauf wetten, wen der US-Imperialismus als nächstes ins Visier nimmt – ist das die totale Entfremdung? Zynismus? Zerfall? Irgendwie schon. Vor allem aber ist es die radikale Zuspitzung eines kapitalistischen Prinzips. Kapital sucht Verwertung, auch und gerade unter Bedingungen von Unsicherheit und Zerstörung. »Prediction Markets« beschreiben weniger einen Randbereich des Kapitalismus als die logische Ausweitung dessen, was Finanzmärkte immer schon tun: Irgendwelchen Erwartungen ein Preisschild anhängen.

Es dürfte kaum überraschen, dass auf diesen Märkten systematische Informationsasymmetrie herrscht. Wie die Financial Times berichtet, weisen sogenannte »long-shot bets« auf militärische und sicherheitsrelevante Ereignisse eine ungewöhnlich hohe Erfolgsquote auf: mehr als 50 Prozent, deutlich über dem Marktdurchschnitt. Gleichzeitig konzentriert sich die Preisfindung auf eine sehr kleine Gruppe von Akteuren – nur ein Bruchteil der Accounts generiert den Großteil der prognostischen Qualität. Kurz gesagt: Eine informierte Minderheit setzt Informationsvorsprünge in Gewinn um.

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In der jüngeren Vergangenheit wurde wiederholt auf militärische Operationen und politische Entscheidungen gewettet, die zeitlich eng mit sensiblen Entwicklungen korrelierten. Am 28. Februar im Zusammenhang mit der Tötung von Ali Khamenei, am 3. Januar im Zusammenhang mit der Entführung von Nicolás Maduro. Und im April vergangenen Jahres wurden nur Minuten vor Trumps Ankündigung, geplante Zölle auszusetzen, über Optionen Millionenbeträge auf steigende Aktienkurse gesetzt.

Die Grenze zwischen Prognose und Informationsvorsprung wird verwischt. So geraten Märkte in Bereiche, die Staaten eigentlich unter sicherheitspolitischer Kontrolle halten möchten – deshalb reagieren sie zunehmend restriktiv. Spanien etwa hat kürzlich den Zugang zu Plattformen wie Polymarket und Kalshi wegen fehlender Glücksspiellizenzen eingeschränkt. Parallel dazu richtet sich politische Aufmerksamkeit – etwa im US-Kongress – auf die Frage, wie Plattformen Insiderhandel verhindern, Nutzer identifizieren und Marktmanipulation erkennen.

Reguliert wird vor allem dort, wo es juristisch und administrativ am einfachsten ist: über Glücksspielrecht, Lizenzpflichten und Verbraucherschutz. Denn »Prediction Markets« bewegen sich in einer Grauzone zwischen Finanzmarkt, Wette und Prognoseinstrument. Die schwierigere Ebene – potentieller Insiderhandel oder die Nutzung politischer Informationen aus Regierungsnähe – bleibt schwer greifbar, da die Märkte global, undurchsichtig und regulatorisch uneinheitlich sind.

Finanzmärkte behandeln Unsicherheit als handelbares Gut, während Staaten bestimmte Formen dieser Kommerzialisierung politisch sensibler Ereignisse begrenzen wollen. Die Regulierung von »Prediction Markets« ist der Versuch, einen Markt einzuhegen, der politische Entwicklungen unmittelbar in finanziellen Gewinn übersetzen will.

Kann das gelingen? Die Regulierung von »Prediction Markets« mag einzelne Auswüchse begrenzen. Sie lässt jedoch den grundlegenden Mechanismus unberührt. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob auf Kriege, Wahlen oder Krisen gewettet werden darf, sondern warum gesellschaftliche Unsicherheit überhaupt zum Gegenstand privater Verwertung wird. Das Aufkommen von Polymarket oder Kalshi markiert keinen Bruch mit der Logik der Finanzmärkte, sondern deren konsequente Fortsetzung: Zukunftserwartungen werden bepreist, politische Ereignisse werden zu Assets und Unsicherheit selbst zur Quelle von Rendite.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.06.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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