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Debatte über Multipolarismus

Keine automatische Verbesserung

Eine ISW-Broschüre versammelt Beiträge zur Diskussion über Globalisierung und Multipolarität

Foto: Yang Shiyao/XinHua/dpa
Lenkung der Warenströme (Tangshan, 18.4.2026)

Das neue Heft der Schriftenreihe des Münchner Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (ISW) dokumentiert unter der Überschrift »Globale Umbrüche, neue Allianzen« drei Redebeiträge des 31. ISW-Forums, das im November 2025 in München stattfand. Sie beschäftigen sich mit »Machtverschiebungen in der multipolaren Welt« und der Frage, was die Herausforderung der »westlichen Vorherrschaft« durch »neue Machtzentren« bedeutet: »Entsteht wirklich etwas Neues – oder nur eine multipolare Variante desselben ausbeuterischen Systems?«

Leo Mayer fragt, »ob das Ende der Globalisierung erreicht« ist. Der Weltmarkt reiche inzwischen »bis in die letzten Winkel«. Selbst Industrien, die nicht für den Weltmarkt produzieren, produzieren »unter Weltmarktbedingungen«. Viele Kommentatoren hätten bereits die Finanzkrise als »Abgesang auf die Globalisierung« gedeutet. Auch während der ersten Trump-Adminis­tration hätte es diese Stimmen gegeben. Allerdings sei schon damals ersichtlich gewesen, dass die Handelskriege Trumps »entgegen der Rhetorik keinen Protektionismus« anstrebten, »der auf die Einschränkung des Freihandels« ziele. Es gehe Trump vielmehr um die Beseitigung von Handelsschranken für US‑Exporte. »Aber nicht nur der Freihandel zum Vorteil der US-Konzerne wurde vertieft, auch die internationale Kapitalverflechtung und die internationale Produktion nahmen zu«, so Mayer.

Mayer entwickelt den Begriff einer »staatskapitalistischen Geopolitik«. Ein Prozess der »Deglobalisierung« sei nicht festzustellen. Die »staatskapitalistische Geopolitik« beschleunige nicht das Ende der Globalisierung, sondern gestalte die Weltwirtschaft neu: »Der Handel und die Kapitalströme bleiben hoch. Diese Ströme werden jedoch zunehmend durch staatliche Eingriffe in Richtungen umgelenkt, die direkten geostrategischen und sicherheitspolitischen Zielen dienen.«

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Bafta Sarbo beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit »Afrika in der multipolaren Ordnung«. Ihr Befund: »Während die verschärfte Konkurrenz zwischen den Großmächten neue Handlungsspielräume eröffnet, stellt sich die Frage, wer von diesem neueröffneten Handlungsspielraum profitiert. Während die neokoloniale Verschuldung die Ausgangsbedingungen für die Kämpfe der Arbeiterklasse in den unterentwickelten Ländern schwächt, bedeutet Multipolarität keine automatische Verbesserung für die Arbeiter:innen.« Afrikanische Regierungen seien durchaus in der Lage, »die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Länder voranzutreiben, ohne Zugeständnisse an die lokale Arbeiterklasse zu machen«. Es fehlten reale sozialistische Alternativen, und so bleibe afrikanischen Ländern »aktuell vor allem die Orientierung innerhalb der Multipolarität«. Die Autorin betont außerdem, dass die Debatten, die etwa in Deutschland »unter dem Begriff Dekolonisierung laufen«, an der Realität der Entwicklungen in Afrika »völlig vorbei« gingen.

Ingar Solty diskutiert in seinem Beitrag Schauplätze der »Krise des Systems« in den vergangenen fünf Jahren. Über die von dieser Krise profitierende politische Rechte schreibt er: »Die Rechte gibt sich antisystemisch. Sie ist aber zweifellos eine Pseudorevolte. Die Rechte sagt, sie will Migration stoppen, fördert aber gleichzeitig alle Bedingungen des Klimawandels und auch durchaus Freihandelsabkommen, die millionenfach Fluchtbewegungen ins Werk setzen.« (jW)

→ ISW-Report, Nr. 143, 22 Seiten, 3 Euro, Bezug: Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e. V., Johann-von-Werth-Str. 3, 80639 München, E-Mail: isw_muenchen@t-online.de

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 15, Politisches Buch

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