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06.05.2026
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Industrie 5.0
Unterzeile
Seit ein paar Jahren wabert ein neuer Begriff durch den Debattenraum. Einige deutsche Unternehmen und Behörden wollen eine »Industrie 5.0« ins Leben rufen. Dabei ist schon der Vorgängerbegriff schwammig. Dessen Konzept beruht darauf, verschiedene industrielle »Revolutionen« durchzuzählen: Die erste Stufe war die Einführung von Wasser- und Dampfkraft Ende des 18. Jahrhunderts, die zweite die industrielle Massenfertigung mit Fließbändern und elektrischen Maschinen ab Ende des 19. Jahrhunderts und die dritte die Automatisierung der Produktion durch elektronische Datenverarbeitung ab den 1970er Jahren. Die »Industrie 4.0« sei schließlich durch eine noch umfassendere Vernetzung aller digitalen Steuerungselemente gekennzeichnet, was viele Experten aber bereits für eine sinnlose Steigerungsform halten.
Wie immer man es mit solch Aufzählungen hält, so ist doch unbestritten, dass es sich bei den bisherigen Stufen um objektive technologisch-wirtschaftliche Umbrüche handelt, die Produktionsprozesse neu ausrichten und sich nicht nur auf Arbeiter, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganze auswirken. Anders verhält es sich mit der »Industrie 5.0«, die sich auf nichts stützt, was nicht schon technisch möglich ist, und eher ein politisches Wunschprojekt bzw. eine Zielvorgabe darstellt. Die Europäische Kommission, die das Konzept seit 2022 propagiert, fasst es kompakt zusammen: »Dieser Ansatz vermittelt eine Vision der Industrie, die über Effizienz und Produktivität als einzige Ziele hinausgeht und die Rolle sowie den Beitrag der Industrie zur Gesellschaft stärkt. Er stellt das Wohlergehen der Arbeitnehmer in den Mittelpunkt des Produktionsprozesses und nutzt neue Technologien, um Wohlstand über Arbeitsplätze und Wachstum hinaus zu schaffen, wobei die Produktionsgrenzen unseres Planeten berücksichtigt werden.«
Aufbauend auf der umfassenden digitalen Vernetzung durch KI, Big Data, Clouds und das sogenannte Internet der Dinge in der »Industrie 4.0« soll jetzt der Fokus auf Arbeitssicherheit, kreative Prozesse, Resilienz und Nachhaltigkeit gelegt werden. Statt autonomer Roboter sollen verstärkt »Cobots«, Maschinen, die mit einem Menschen zusammenarbeiten, eingesetzt werden. An diesem sehr schwammigen Konzept übt der Forschungsbeirat »Industrie 4.0« der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften deutliche Kritik. Der neue Begriff sei »weder notwendig noch hilfreich, denn er umfasst keine neuen Inhalte, suggeriert aber, die vierte industrielle Revolution sei abgeschlossen«, heißt es auf ihrer Webseite. Und eine im Mai 2023 im Journal of Industrial and Production Engineering erschienene Studie resümiert, das Konzept stecke »noch in den Kinderschuhen« und sei empirisch nicht klar definiert.
Besser kommt das wohlklingende Programm bei den Konzernen an. So wirbt das Softwareunternehmen SAP auf seiner Webseite offensiv für die »Industrie 5.0«, bei der es darum gehe, die »digitale Transformation durch eine aussagekräftigere und effizientere Zusammenarbeit zwischen Menschen und den Maschinen und Systemen innerhalb ihres digitalen Partnernetzes zu verstärken«. Dabei sollen »menschliche Kreativität und das Wohlbefinden in den Mittelpunkt der Branche gestellt werden«. »Anstatt zu fragen, was Arbeitnehmer mit neuer Technologie tun können«, heißt es auf dem Höhepunkt der Phrasendrescherei, »fragt Industrie 5.0, was die Technologie für Arbeitnehmer tun kann.«
Solche Floskeln entlarven am besten, dass es sich vor allem um eine Marketingshow handelt. Der Wunsch, den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, klingt dabei stellenweise wie eine Parodie auf strategische Leitlinien der KP Chinas, die zwar auch oft abstrakt, aber doch bewusste Zielvorgaben für eine gesamtgesellschaftliche Ausrichtung sind. Im Gegensatz zur Volksrepublik können EU-Kommission, SAP und Co. mit ihrem Konzept, das in den vergangenen zwei Jahren ohnehin schon wieder vernachlässigt zu werden scheint, auch keine konkreten Erfolge vorweisen. Wo die Rede darauf kommt, was die »Industrie 5.0« leistet, bleibt der Konjunktiv König.
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