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25.04.2026
- → Der schwarze Kanal
Begriffloses Raunen
Einem Gegenstand ein ganzes Heft zu widmen, ohne sich ihm begrifflich zu nähern, signalisiert Versagen von der ersten bis zur letzten Seite. Doch in einem Land, in dem man schon lange keinen Begriff mehr vom Begriff hat, fällt so etwas gar nicht mehr auf. Der Spiegel macht sich Sorgen um die »Lage der Nation« und deshalb ein ganzes Sonderheft voll zum Thema »Demokratie«, denn die »ist in Gefahr«. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit erklärt die Zuständigkeit des Blatts und den Gratismut zur Grenzüberschreitung: »Obwohl wir den Spiegel als Schutzschild der liberalen Demokratie verstehen« – einstmals war offensiver, missionarischer und selbstbewusster von »Sturmgeschütz« die Rede – »und glühende Demokraten sind, hinterfragen wir sie in einigen Texten.«
Viel nun ließe sich erwägen und erfragen, was denn Demokratie eigentlich bezeichnet: Ist sie eine Bewegung (ja wessen denn eigentlich?) gegen überkommene Herrschaften, eine Form der Herrschaftsausübung, die bloße Gewährung von Wahlen und Plebisziten, die Emanzipation der Frauen, der Schutz der Unversehrtheit und die Erlangung der Souveränität über den eigenen Körper oder der reichlich allgemeine Umstand, dass ein entfesselter Kapitalismus bevölkerungsärmere Verbünde und träge Gemeinschaften einst in dynamische Massengesellschaften verwandelt hatte?
Fragen, die in der Redaktion an der Ericusspitze offenbar nicht oder bloß kaum von Interesse sind. Ebenso wenig solche danach, was diese im Heft gerade nicht terminologisch geklärte Demokratie in die Krise getrieben hat. Man könnte etwa darüber räsonnieren, dass der schwindende Finanzspielraum der Kommunen deren Selbstverwaltung auf der Grundlage der Partizipation ihrer Bürger mehr und mehr ausgehöhlt hat, Mitsprache bei der Gestaltung des engeren Lebensumfelds also weitgehend suspendiert ist. Darüber auch, dass ein Staat die wachsende soziale Ungleichheit nicht nur tatenlos geschehen lässt, sondern extremen Reichtum begünstigt und Verarmung mindestens in Kauf nimmt und so die materielle Voraussetzung für »demokratische Teilhabe« tendenziell abschafft. Ganz zu schweigen davon, dass »Demokratie« in einer Gesellschaft, die in Produktionsmittelbesitzer und Arbeitskraftverkäufer gespalten ist, noch regelmäßig am Werkstor endet.
Statt dessen stellt der Spiegel einen Artikel voran, in dem auf ganzen zwölf Seiten von einer Tagung auf Schloss Elmau berichtet wird, bei der »eine Gruppe Starintellektueller darüber nachgedacht« hat, »ob unsere Demokratie überleben kann«. Wo seitenlang schaudernd Faszination über die Teilnahme des reaktionären Scheusals Curtis Yarvin herrscht, fällt dem Autor der eklatante Widerspruch zum Thema des Heftes gar nicht auf: An einem exklusiven Ort, der dem durchschnittlich verdienenden Lohnabhängigen auf ewig verschlossen bleiben dürfte, werden dessen Angelegenheiten – seine Möglichkeit der Mitsprache und Gestaltung der öffentlichen Dinge (res publica) – von einer Polit- und Kulturelite über ihn hinweg verhandelt.
Ein matter Witz dann nur noch, dass ein Demokratiequiz die Sache auflockern soll. Frage: »Ihr vielversprechendes Startup muss leider Insolvenz anmelden.« Wie verhalten Sie sich? Passend, dass das Demokratieheft mit einer ganzseitigen Anzeige eines Königs, nämlich eines Schraubenkönigs, beschlossen wird. Der Milliardär und Kapitalist Reinhold Würth teilt darin mit, dass »unser Bundespräsident a. D. Joachim Gauck« zu Gast war »in unserem Unternehmen. Klar. Streitbar. Ermutigend«. Auch das passt. Kaum einer hat den öffentlichen Diskurs der bürgerlichen Demokratie dieses Landes so brutalisiert wie Gauck.
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