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Soziale Frage und Imperialismus

Lenin 1916: Die Neuaufteilung der Welt unter die Kolonialmächte hat ­ökonomische und sozialpolitische Ursachen. Die sind der Bourgeoisie bewusst

Foto: Cola Images/imago
Andere Völker unterjochen, um die sozialen Probleme im »Mutterland« zu lösen. Britischer Soldat auf einem Kolonialmarkt in Indien (undatierte Aufnahme)

Das Charakteristische dieser Periode (ist) die endgültige Aufteilung der Erde, endgültig nicht in dem Sinne, dass eine Neuaufteilung unmöglich wäre – im Gegenteil, Neuaufteilungen sind möglich und unvermeidlich –, sondern in dem Sinne, dass die Kolonialpolitik der kapitalistischen Länder die Besitzergreifung unbesetzter Länder auf unserem Planeten beendet hat. Die Welt hat sich zum erstenmal als bereits aufgeteilt erwiesen, so dass in der Folge nur noch Neuaufteilungen in Frage kommen, d. h. der Übergang von einem »Besitzer« auf den anderen, nicht aber die Besitzergreifung herrenlosen Landes.

Wir leben folglich in einer eigenartigen Epoche der kolonialen Weltpolitik, die aufs engste verknüpft ist mit »der jüngsten Entwicklungsstufe des Kapitalismus«, mit dem Finanzkapital. (…)

Die kolonialen Eroberungen Englands nehmen am gewaltigsten in den Jahren ­1860–1880 zu und sind auch in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts sehr beträchtlich. Die kolonialen Eroberungen Frankreichs und Deutschlands fallen hauptsächlich gerade in diese zwei Jahrzehnte. Wir haben bereits gesehen, dass die Periode der höchsten Entwicklung des vormonopolistischen Kapitalismus, des Kapitalismus mit vorwiegend freier Konkurrenz, in die sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fällt. Jetzt sehen wir, dass gerade nach dieser Periode ein ungeheurer »Aufschwung« der kolonialen Eroberungen beginnt und der Kampf um die territoriale Aufteilung der Welt sich im höchsten Grade verschärft. Unzweifelhaft ist daher die Tatsache, dass der Übergang des Kapitalismus zum Stadium des Monopolkapitalismus, zum Finanzkapital, mit einer Verschärfung des Kampfes um die Aufteilung der Welt verknüpft ist.

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In seinem Werk über den Imperialismus hebt Hobson die Periode von 1884–1900 als Periode verstärkter »Expansion« (Erweiterung des Territorialbesitzes) der wichtigsten europäischen Staaten hervor. Seiner Berechnung nach erwarb England während dieser Zeit 3,7 Millionen Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 57 Millionen; Frankreich 3,6 Millionen Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 36 Millionen; Deutschland eine Million Quadratmeilen mit 14,7 Millionen; Belgien 900.000 Quadratmeilen mit 30 Millionen und Portugal 800.000 Quadratmeilen mit neun Millionen Einwohnern. (…)

Zur Zeit der höchsten Blüte der freien Konkurrenz in England, in den Jahren 1840–1860, waren die führenden bürgerlichen Politiker Englands Gegner der Kolonialpolitik und hielten die Befreiung der Kolonien und ihre völlige Lostrennung von England für unvermeidlich und nützlich. Max Beer weist in seinem 1898 erschienenen Artikel über »den modernen englischen Imperialismus« darauf hin, dass 1852 ein solcher englischer Staatsmann wie Disraeli, der im allgemeinen durchaus imperialistisch eingestellt war, geäußert hat: »Die Kolonien sind Mühlsteine um unseren Hals.« Gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber waren in England die Helden des Tages Cecil Rhodes und Joseph Chamberlain, die offen den Imperialismus predigten und mit dem größten Zynismus eine imperialistische Politik trieben!

Nicht uninteressant ist es, dass der Zusammenhang zwischen den sozusagen rein ökonomischen und den sozialpolitischen Wurzeln des modernen Imperialismus schon damals für diese führenden Politiker der englischen Bourgeoisie klar war. Chamberlain predigte den Imperialismus als die »wahre, weise und sparsame Politik« und verwies besonders auf die Konkurrenz Deutschlands, Amerikas und Belgiens, der England jetzt auf dem Weltmarkt begegnet. Die Rettung liegt im Monopol – sagten die Kapitalisten und gründeten Kartelle, Syndikate und Trusts; die Rettung liegt im Monopol – sekundierten die politischen Führer der Bourgeoisie und beeilten sich, die noch unverteilten Gebiete der Welt an sich zu reißen. Cecil Rhodes hat, wie sein intimer Freund, der Journalist Stead, erzählt, 1895 über seine imperialistischen Ideen gesagt: »Ich war gestern im Ostende von London (Arbeiterviertel) und besuchte eine Arbeitslosenversammlung. Und als ich nach den dort gehörten wilden Reden, die nur ein Schrei nach Brot waren, nach Hause ging, da war ich von der Wichtigkeit des Imperialismus mehr denn je überzeugt … Meine große Idee ist die Lösung des sozialen Problems, d. h., um die vierzig Millionen Einwohner des Vereinigten Königreichs vor einem mörderischen Bürgerkrieg zu schützen, müssen wir Kolonialpolitiker neue Ländereien erschließen, um den Überschuss an Bevölkerung aufzunehmen, und neue Absatzgebiete schaffen für die Waren, die sie in ihren Fabriken und Minen erzeugen. Das Empire, das habe ich stets gesagt, ist eine Magenfrage. Wenn Sie den Bürgerkrieg nicht wollen, müssen Sie Imperialisten werden.«

⇒ Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. ­Gemeinverständlicher Abriss. Petrograd 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 22. Dietz-Verlag, Berlin 1960, Seiten 258–261

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.04.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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