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23.04.20264 Leserbriefe
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Der totale Wahnsinn
Vor 50 Jahren wurde der Palast der Republik eröffnet. Die neuen Herren des Landes wollten nach 1990 an seiner Stelle wieder ein Schloss
Der Palast der Republik an der Spreeseite des Marx-Engels-Platzes (heute Schlossplatz) gehörte zu den imposanten Wahrzeichen des Berliner Stadtzentrums. Das von namhaften Architekten der DDR entworfene 180 Meter lange und 85 Meter breite Gebäude wurde am 23. April 1976 mit einem Fest seiner Erbauer eröffnet, ab dem 25. April war der Palast für alle da. In den knapp 15 Jahren seines Bestehens besuchten etwa 70 Millionen Menschen diesen Ort – am 19. September 1990 wurde er in mindestens dubioser Weise geschlossen.
Trotz starker Proteste und kluger Nutzungsvorschläge mehr als ein Jahrzehnt lang, unterliefen und verhinderten der Berliner Senat, Kommissionen und die Abgeordneten des Bundestages jede erhaltende bauliche und gestalterische Alternative zum Abriss. 2003 beschloss der Bundestag das Aus.
Von 2006 bis 2008 wurde das Bauwerk endgültig aus Berlins Mitte gerissen. So einfach ist es mit guten Erfahrungen und Erinnerungen nicht. Sie bleiben und wandern in die Zukunft aus. Der Palast wurde Symbol für einen historischen Ort, für ein Land, das auf keiner Landkarte ist, aber in der Geschichte.
Zum Kotzen, einfach nur zum Kotzen. Ich erkläre das gern.
Als die Westmenschen vor 35 Jahren in den Osten kamen, wedelten sie mit Bananen, Kaffeepäckchen und blauen Scheinchen, mit Busreisen und Versprechen wie »Alles wird besser«. Sie brachten etwa 100 Krankenversicherungen, das Vielfache an Banken, Spielbanken, Konzerndependancen, neues »geschultes« Personal in die DDR-Gesellschaft. Die war kein Paradies, fand auch nicht genug Verteidiger mehr und wurde entsorgt.
Stunde der Hunde
Zunächst per Gesetz. In der Nacht zum 23. August 1990, kurz vor 3 Uhr – es ist die Stunde der Hunde –, beschließt die Volkskammer mit 363 Jastimmen gegen 62 Neinstimmen und sieben Enthaltungen ihren Beitritt zur BRD. Es ist wirklich ein historischer Vorgang im Palast der Republik: Ab dem 3. Oktober 1990 gehört die DDR dem Westen. Es klingt düster, als der damalige PDS-Chef Gregor Gysi die freudig johlenden Abgeordneten erinnert, dass »die DDR, wie auch immer sie historisch beurteilt werden wird, für uns das bisherige Leben (war)«. Das verändert sich damals täglich, gewissermaßen Schlag auf Schlag: Arbeitslosigkeit, Schließungen, Rausschmiss oder Abriss funktionieren mit dem Zauberwort Transformation.
1990 werden umgehend auch die Mitarbeiter des Palastes abgewickelt. Bezeichnend fürs Ganze und wie bei einem großen Gaunerstück: Im August 1994 wird schon mal verscheuert, was nicht niet- und nagelfest im Hause ist: Marmor- und Granitplatten, technische Ausrüstungen, Inventar wie Geschirr und Gestühl – immerhin klimpern circa 4,6 Millionen Mark in die Kasse des Bundes. Hokuspokus – alles weg. So ging das im ganzen Land. 36 Jahre her. Als Legitimation für westliche Selbstgerechtigkeit, Raffgier und Abwertung des bisherigen Lebens heißt es bis heute: »Sorry, das Zeitfenster.« Schon damals mit denkbar schlechten Ausblicken.
Aktuell setzen sich in der Welt inzwischen unverhüllte Drohungen mit Vernichtung der Zivilisation, Kidnapping von Staatspräsidenten, Politik mit genozidalen Zügen wie in Gaza, Libanon oder gegen Kuba durch. Die USA, Führungsmacht des »demokratischen Wertewestens«, praktizieren Faustrecht in atomaren Zeiten. Weltweit fast und besonders hierzulande bleibt der globale Machtwahn unwidersprochen.
Und wie schon 1914 im Berliner Schloss, als Kaiser Wilhelm II. Russland am 1. August den Krieg erklärte, meldet Deutschland nun deutlich den eigenen Anspruch auf Führerschaft an. Nicht ganz 100 Jahre nach 1933 und 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs treiben politische Zombies ihr Unwesen. Russische »Militäroperationen« und ukrainischer Kampfeswille führen zu immer mehr Toten – Deutschland mischt ab sofort mit »in strategischer Partnerschaft gegen Russland«, so ein Kanzler-O-Ton am 14. April zu Wolodimir Selenskij. Dem stetig gepamperten Kriegskameraden aus Kiew sichert Friedrich Merz unverbrüchlichen Beistand zu. Koste es, was es wolle: Menschenleben dort auf allen Seiten und Euros für die Kriegskasse. Leider immer weniger für deutsche Krankenkassen. Interessengeleitete Politik, die Angst macht.
Im Neufünfland reichte 1989 für die friedliche Okkupation – mit einheimischer Zustimmung – noch die softe Version: Freiheit und Demokratie wurden Passworte zum Besetzen und Einnehmen des Landes nach über 40 – pfui Teufel – sozialistisch verordneten Jahren. Das hat aber auch gedauert …, dachten sich damals die alten Herren des Westens, und freuten sich 1990 über die so leicht wie nie in den Schoß gefallenen Pfründe. Was nicht dem Profit diente, wurde liquidiert.
Da gab es einiges zu tun, was in der DDR der Kapitalverwertung entzogen worden war. Die neuen Herren im Osten hatten in den 40 Jahren seit 1949 Tabula rasa gemacht: »Kein Kapitalismus«, sagten die Kommunisten, und verordneten folgerichtig »Nie wieder Krieg« als Staatsräson und gründeten einen Arbeiter-und-Bauernstaat: die DDR. Fortwährend Aufbauzeit. Nie war es einfach, oft schwierig – dann aus.
Bis da machten sie alles Mögliche und auch Unmögliche für das Wohl des Volkes. Hier eines der Beispiele: Über 2.000 Kulturpaläste in Stadt und Land, auch Kulturhäuser genannt oder Haus des Friedens oder der Werktätigen oder nach Dichtern oder nach Widerstandskämpfern aus der Zeit des Faschismus, wurden über die Jahre in der DDR gebaut. Eine bemerkenswerte Kultur- und Sozialleistung in einem Land, in dem es an allem mangelte.
Gewollt, geplant, gebaut und finanziert von Betrieben, Städten und Gemeinden – heutzutage verkürzt und dümmlich als »DDR-Regime« bezeichnet. Mainstream produziert im Wortsinne Einheitsbrei.
Glänzende Augen
Zu gern würde ich nun all die Orte aufzählen, von Zigtausenden Unterhaltungsveranstaltungen, klassischen und Popkonzerten, über das international bekannte Festival des politischen Liedes, von Sport und Disco sprechen und seitenlang über Theateraufführungen, Dichterlesungen und Kabarettprogramme schreiben. Ganz zu schweigen von Spaß und Genuss für Millionen Leute. Schließlich hatten sie es aus der sogenannten zweiten Lohntüte bezahlt.
Der Palast der Republik steht heute als Symbol dafür – vor allem für den Furor, mit dem sich Politiker, Historiker und in deren Schleppnetz Journalisten über den Osten hermachten. Wie das geht, wird im TV-Schönsprech zur »wechselvollen Geschichte des geteilten und wiedervereinten Deutschlands« hochpalavert.
Wen ich auch für diesen Artikel frage: Einen x-beliebigen Passanten vor dem derweil verlumperten Kulturpalast in Zinnowitz, der hier als 17jähriger Boogie-Woogie getanzt hat, die Gesprächspartnerin, die für den privat vor sich hin gammelnden Kulturpalast der Maxhütte in Unterwellenborn früher Literaturabende organisierte, oder den ehemaligen Besucher des Kulturhauses »Völkerfreundschaft« in Frankfurt (Oder), heute als Lost Place bekannt, oder meine ruhige, freundliche Nachbarin aus dem 5. Stock, die sofort glänzende Augen kriegt, als sie von ihren Palastbesuchen erzählt – sie alle winken ab. Furchtbar, einfach nur furchtbar die Geschichte.
Eine Schweinerei, was da nach der »Wende« passiert ist. Andererseits: Wann hat man je gehört, dass Flick oder Krupp oder deren jeweilige Regierungen für Arbeiter oder Bauern oder Verkäuferinnen oder Lehrer Kulturhäuser finanziert haben?
Nee. Na also. Paläste fürs Volk! Das gab es nur im Osten.
Offenbar mögen die neuen Ideologen diese Art von Palästen nicht. Den in Berlin haben die in Berlin ja regelrecht gehasst. Deshalb Abriss.
Darüber und über Architektur in der DDR, über Traum und Wirklichkeit im Bauwesen, spreche ich mit Professor Dr. Wolf-Rüdiger Eisentraut. Zusammen mit dem Chefarchitekten Heinz Graffunder und dessen Stellvertreter Karl-Ernst Swora gehörte Eisentraut zum Palastteam: Er entwarf die Foyers, seine Kollegen Günter Kunert den Plenarsaal der Volkskammer, Manfred Prasser den sechseckigen Großen Saal (dessen Bühnentechnik für damalige Verhältnisse weltweit einzigartig war) und Heinz Aust die Spreeterrassen. Jeder mit seinem Kollektiv im Miteinander. In gewisser Weise war das Arbeit an einem Traum.
Sonderbar, einen Architekten nach dem Abriss seines Bauwerkes zu fragen: Warum? Wolf Eisentraut kennt die Frage und hat seine Antwort: Sieger vernichten schon immer die Kulturstätten des Gegners – die Abwertung von Leistung und Qualität soll sichtbar werden und das wohlfeile Urteil befördern wie: DDR taugt nichts. Kann weg. So wird ein Geschichtsbild implantiert. So wird Geschichte eliminiert. So werden Alternativen diskriminiert.
Von wegen Asbest
»Ich habe sehr oft festgestellt, dass man in der alten BRD überhaupt nichts wusste über Ostarchitektur. Vielleicht noch Stalinallee. Klar ging es überwiegend um typisierten Wohnungsbau, ja, das war monoton, aber auch eine Hauptaufgabe. Die ›Platte‹ wurde verteufelt, das konnten die buchstabieren. Sonst keine Ahnung davon, dass wir schon lange in der Moderne angekommen waren. Wer sehen wollte, konnte es aber sehen, zum Beispiel baute Hermann Henselmann (1905–1995, u. a. Entwurf des Berliner Fernsehturms) am Haus des Lehrers 1961 bis 1964 die erste Vorhangfassade in Ostberlin an. Das war modernes Bauen im Geiste der Zeit!
Das gilt auch für den Palast. Allerdings kam bei diesem Bau der Ostmoderne hinzu: Es durfte nicht sein, dass nach der Wende in der historischen Mitte der deutschen Hauptstadt der Palast steht. Ein repräsentatives Bauwerk, im Stadtraum harmonisch und kommunikativ zwischen Dom und Marstall eingebettet! Am Marx-Engels-Platz noch dazu. Akzeptiert von den Leuten – ein ›Palast des Volkes‹.
Die Parteitage fanden sowieso nur alle vier Jahre statt, und ›Erichs Lampenladen‹ oder ›Palazzo Protzo‹ haben wir nie gesagt. Ich glaube, das haben sich Journalisten ausgedacht.«
Nein, wegen Asbest gab es keinen notwendigen Handlungsbedarf für Abriss. Also kein Asbest? »Nein, nein, das war ideologisch begründet. Architektur spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse. Und vergessen Sie nicht, hier stand früher das Schloss – erst der Hohenzollern, die 1701 zu preußischen Königen und 1871 zu deutschen Kaisern aufstiegen. Da haben Sie es mit einer ganz anderen Geschichte zu tun als der nach 1945 in der DDR.«
Weg mit der Kommunistenbude
Weiß Gott, eine Geschichte von Unterdrückung, undemokratisch, kolonialistisch, kriegsfähig und kriegsbereit. Ein Blick zurück: Am 4. August 1914 findet im Reichstag die Debatte zu fünf Milliarden Mark Kriegskrediten statt. Aber zunächst verbreitet der Kaiser im Weißen Saal seines Schlosses hohles nationalistisches Pathos: »In schicksalsschwerer Stunde habe ich die gewählten Vertreter des deutschen Volkes um mich versammelt (…). Auf Sie blickt heute (…) das ganze deutsche Volk (…). Hier wiederhole ich: Ich kenne keine Partei mehr.« Dann fordert er die höheren, die gemeinen und die ganz niederen Untertanen auf, mit ihm »durch dick und dünn, durch Not und Tod« zusammenzuhalten. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg ergänzt: »Wir stehen in einem erzwungenen Kriege mit Russland und Frankreich (…). Meine Herren, wir sind jetzt in der Notwehr, und Not kennt kein Gebot!«
Drei Monate danach, am 2. Dezember 1914, wird der Kriegskredit um zehn Milliarden Mark verlängert. Karl Liebknecht stimmt als einziger Abgeordneter dagegen: »Dieser Krieg, den keines der beteiligten Länder selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Siedlungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital.«
Dafür krepierten bis zur Niederlage 1918 etwa 17 Millionen Menschen (Soldaten und Zivilisten), darunter über zwei Millionen deutsche Soldaten. Der Großvater der Autorin wurde zum Invaliden geschossen. Und ihre Großmutter soll später, 1950, bei der Sprengung des stark kriegszerstörten Schlosses, das seinen Sinn als Entscheidungszentrum längst verloren hatte, gesagt haben: Na und, so ein hässlicher Klotz. Versperrt einem jede Sicht. Barockbaumeister Andreas Schlüter hin oder her.
»Sicher war die Sprengung eine politische Entscheidung, eine unnötige Aktion, selbst angesichts der zerstörten Stadt, in der Wohnungen, Schulen, Betriebe erst wieder aufgebaut werden mussten. Ein Platz für Demonstrationen sollte auch sein.« Für Eisentraut eindeutig: Es war ahistorisch, so wie auch der Abriss des Palastes durch die BRD eine Kulturschande bleibt.
In einem damaligen Chat zum Abriss stellt ein anonymer Kommentator fest, dass es »in konservativen Kreisen eine späte Genugtuung (war), die widerliche Kommunistenbude abreißen zu können – um sich dann (…) eine imperiale Monstrosität von einer Pickelhaube in faux Baroque ›nachzubauen‹ (…). Die Stadt hat an ihrer markantesten Stelle eine Riesenchance verspielt.« Genau.
Im Herbst 1972 entstand der Vorentwurf für eine neue Bebauung. Das wurde bis heute, könnte man sagen, ein Thema für den jungen Architekten Eisentraut, der bei Hermann Henselmann in der Experimentalwerkstatt arbeitet und 1972 in die Entwurfsgruppe für ein »Mehrzweckgebäude am Marx-Engels-Platz« unter Heinz Graffunder berufen wurde. »So hieß das. Anforderungen waren: Vielfältigkeit und entsprechende Nutzung für die Volkskammer, über Kultur und Gastronomie bis hin zu Parteitagen. Zunächst hat ein kleines Kollektiv daran gearbeitet und die Grundform des Hauses entwickelt: Nach außen geschlossene Säle als Marmorkuben ablesbar und umlaufend zum Stadtraum geöffnete Foyers. Die Glasfassade mit neun Meter hohen Scheiben war von Anfang an klar. Wir wollten, dass Stadtraum und Gebäude zusammenfließen. Im Unterschied zum Schloss, das nach außen dicht war. Festungsartig. Unser Palast war zur Stadt offen, die Stadt kam hinein. Das Hauptfoyer war durchlässig und hell und hoch, hatte Weite. Das ist Architektur – die Leute merken das.«
Ein großes Projekt und »dann drei Jahre wie wild gearbeitet – alles anstrengend, aber schön«. Diese Momente vergisst er nicht, »als die Arbeit fertig war und die Leute hereinströmten ins Haus. Die Gesichter … und geguckt und geguckt und geguckt …, der beste Lohn.«
So war es für alle: in der Gemäldegalerie, im Großen Saal, im Theater, im Café, in der Bowlingbahn und so weiter. Ab dem 25. April begann dann im Palast der Alltag. Jeder Besucher erlebt ihn anders und vor allem anderes.
Meine Kollegin Kathrin ruft an: »Das musst du unbedingt schreiben« und erzählt vom Großen Ballett von Tahiti im Großen Saal, vom Temperament und von der Pracht der Aufführung. Die Karten für Loriot mit Evelyn Hamann im TiP, dem Theater im Palast, wären leider auch wahnsinnig schnell ausverkauft gewesen. Und wie eine Trumpfkarte dann: »Wenn du aufzählst, dann unbedingt die legendären beiden Konzerte von Carlos Santana.«
Ein kleiner Trost, aber immerhin: Wenn man nicht in die Welt konnte, so kam doch die Welt hierher – in den Palast der Republik in Berlin. Das war gut und ein Nachteil, wie sich heute zeigt. Wegen seiner Attraktivität im DDR-Alltag steht er in Debatten um Kahlschlag und Erinnerungskultur ganz vorn – vermutet wird eine besonders heimtückische Heimtücke der DDR.
Ja, ich denke auch, das war pure Absicht, als sozialistische Verlockung gedacht. Eine Visitenkarte des Landes.
Auch Ablenkung von den »Mühen der Ebene«, die kein Ende nahmen. Der utopische Anfang, der schwer erkämpft werden musste – oder scheiterte. Das verkörpert der Palast.
Sturm der Zuversicht
Beim Festival des politischen Liedes wurden Karten deshalb auch wie Goldstaub gehandelt: Musikalisch und politisch stimmten Künstler und Besucher überein – ziemlich einfach zu verstehen mit den Stichworten Südafrika, Chile, Argentinien, USA, Kuba, Griechenland oder auch: Miriam Makeba, Quilapayún, Inti-Illimani, Mercedes Sosa, Pete Seeger, Buena Vista Social Club, Mikis Theodorakis. Auf einen Begriff gebracht: internationale Solidarität. War praktisch Staatsräson der DDR.
Hartmut König, Musiker, Journalist und in seinen jüngeren Jahren Sekretär des FDJ-Zentralrats, erzählt dazu eine kleine Geschichte. Im Sommer 1970 lernt er bei einem Solidaritätskonzert während der Weltjugendversammlung der UNO in New York Mikis Theodorakis kennen. 1979 treffen sie sich zufällig in einem Berliner Hotel wieder, und König lädt den griechischen Freiheitskämpfer zum Festival des Politischen Liedes ein. Der zögert erst. Dann: Ich komme, wenn ich »Canto General« aufführen kann. König nutzt das Angebot und kümmert sich: Die Aufführung des Canto General (»Der große Gesang«, Gedichtzyklus des chilenischen Dichters Pablo Neruda über den Kampf Lateinamerikas gegen den Kolonialismus) dirigiert Theodorakis am 14. Februar 1980 im Großen Saal des Palastes. »Als die letzten Takte gespielt waren, war es einen langen Moment sehr still – dann brauste Beifall auf. Ein Sturm der Zuversicht.« Unvergesslich für alle im Saal, sagt König. Auf der Doppel-LP, die im Palast aufgenommen wurde, dankt Theodorakis in einer Widmung den »Kindern, die uns Tausende von gemalten Blumen in die Gefängnisse der Junta geschickt hatten. Erneut triumphierte die internationale Solidarität!« Vielleicht erinnern sich einige dieser Kinder heute noch daran.
Von der Arbeit an der Humboldt-Universität über die Linden rüber zu dem neuen Haus, war es gewissermaßen nur ein Katzensprung für Frau Strignitz – auf einen Kaffee oder nach Karten fragen für das nächste Schostakowitsch-Konzert im großen Saal. »Ich war auch ohne Grund gern dort«, erzählt die Historikerin. Die flache Treppe hoch hinein ins Foyer, der freie Raum hin zur Spreeseite. Mittendrin die Gläserne Blume. Keine Sensation, kein Spektakel – nur schön, die Farben, das Licht in den gläsernen Blättern der Blume. »Wunderschön.« Leute, die lächeln und umherspazieren.
Das Trauerspiel um den Palast und die politische Infamie, Intrige und Kabale drumherum, drücken sich – für mich – am deutlichsten darin aus, dass die Gläserne Blume mit großer Wahrscheinlichkeit zerspringen, zerbersten, zerbröseln wird. Jahrzehntelang lag sie in einem feuchten Depot in Stralau, wurde umgelagert an einen trockenen Ort. Was soll werden aus Kugel und den zehn gläsernen Blättern des 5,20 Meter hohen und insgesamt fünf Tonnen schweren Kunstwerkes? Restaurieren? Geht, sagen die einen, die anderen wollen offenbar nicht. Was respektloser Umgang mit dem Kunstwerk noch nicht geschafft hat, das bringt die Zeit zu Ende. Verwahrlosung, wohin man guckt. Wen kümmert das.
Schlimm für Richard O. Wilhelm, einer der beiden Magdeburger Glaskünstler, die die Blume kreiert haben. Ich freue mich, dass seine Gesundheit dieses Gespräch zuläßt. »Vom Depot wird es nicht besser«, sagt er, es wäre fast so schlimm wie Zerstörung. Sein Besuch im Berliner Depot ist schon eine Weile her – es schmerzt immer noch: »Schwierig und Wahnsinn« nennt er es im Rückblick. Seine Frau Leonore überlegt, ob das eventuell Absicht ist: Die Menschen vergessen so schnell, was war.
Dunkle Zeiten, wenn Kunst weggestellt wird. Oder zugeklebt, wie sein Werk »Gutes Wasser – Gutes Leben« – zwei großformatige, fast raumhohe Glas-Gestaltungen für die damaligen Fachschule für Wasserwirtschaft Magdeburg. Unwürdige Diskussionen nach der Wende, weil das DDR-Emblem künstlerisch verarbeitet war. Es wurde mit einer Art Betonmasse zugemauert und erst nach Protesten wieder in den Originalzustand versetzt. Es befindet sich jetzt im Landtagsgebäude.
Werden und Wachsen
Es ist seine künstlerische Spur, wie viele andere Werke, das bekannteste die Gläserne Blume im Palast, gemeinsam mit dem Künstler Reginald Richter geschaffen. Als die Arbeit im Entwurfsbereich Glasgestaltung begann, »gab es viele Vorschläge – das zog sich hin in demokratischer Ideenfindung.« Durch Wilhelm und Richter entstand dann das Kunstwerk als Symbol für Werden und Wachsen und Früchte tragen. »Ob Baum oder Blume …, Blume ist schöner« meint er. Erzählt vom Spaß an dieser Arbeit für den Palast und von der Mühe auch. »Es war eine große Lust, anderen Freude zu machen. Die Blume kommt wieder.« Hofft er.
Möglich, dass der Förderverein Palast der Republik mit seiner Idee etwas in Gang setzt, woran noch keiner gedacht hat. Sie wollen dazu beitragen, dass die architektonische Qualität, historische Integrität und Lebensqualität der Berliner Mitte langfristig wiederhergestellt werden.
Sie haben eine Idee.
Sie haben auch einen Plan. Den Fünf-Punkte-Plan. Es ist der totale Wahnsinn und wie oft bei Verrücktheiten überzeugend. Irgendwie.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr weht und wirbelt der Staub einer langen und alten, auch der gegenwärtigen Geschichte auf. Die Idee hinter dem Plan könnte – auf den Flügeln politischer Phantasie – in der Zukunft landen. Ich sag mal so: Nach Punkt vier dieses Planes beginnt 2050 der Abriss des Berliner Schlosses, dieser teuren Kulisse, veredelt mit Humboldts Namen. Danach – Punkt fünf – soll es mit Finanzierung und Konzeption eines Neubaus Palast Nummer 2 zügig weitergehen. Könnte sein … Wäre aber auch ahistorisch.
Wie gesagt: Es ist eine alte Geschichte, und die hört nie auf. In dieser Zeitung wird sie als Geschichte von Klassenkämpfen definiert, in Parlamenten ignoriert oder diffamiert, ansonsten mit konservativ-nationalen, pseudophilosophischen und kunstgeschichtlichen Narrativen krummgequatscht, in früheren Zeiten wahlweise als gottgegeben oder schicksalhaft benannt. Nicht wenige glauben das heute noch.
Mal sehen, wann und welche Geschichte sich die Menschen endlich selber machen.
Nachtrag: Leider fehlt in diesem Artikel aus Platzgründen einer der Künstler, die mit ihren großformatigen Werken die Gemäldegalerie zu einem bedeutenden und viel besuchten Ort im Palast der Republik gemacht haben. Der Maler Wolfram Schubert wird von unserer Autorin demnächst in der Serie »90plus« porträtiert.
Veranstaltungshinweis: Anlässlich des 50. Jahrestags der Eröffnung Palast der Republik zeigt die Mai-Galerie der jungen Welt (Torstraße 6, 10119 Berlin) eine Ausstellung zur Geschichte des Palastes (bis zum 12. Juni). Die Eröffnung findet am 30. April um 18.30 Uhr statt. Es sprechen: Dr. Gesine Lötzsch (ehem. Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke), Rudolf Denner (Sprecher Freundeskreis Palast der Republik) u. Vertreter der Bürgerinitiative »SEZ für alle!« Um Anmeldung unter Tel. 030 / 53635554 oder per E-Mail an maigalerie@jungewelt.de wird gebeten.
Burga Kalinowski schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. Mai 2025 über den 80. Jahrestag des Sieges über den Faschismus: »Ringsum Apfelblüten«.
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Martina Dost aus 15306 Vierlinden 25. Apr. 2026 um 06:40 UhrAngesichts dieses Schmuckstückes sozialistischer Baukunst auf dem Foto leuchteten meine Augen. Das war Architektur! Von allen Seiten, außen und innen, attraktiv, nicht von »Mäzenen« bezahlt, sondern vom Volk. Es war auch die gestalterische Qualität aller seiner Elemente, von den Räumen über die Kunstwerke bis zu den Lampen, durch die man sich wohlfühlte. Vor drei Jahren schlenderte ich an einem frühen Aprilmorgen durchs Nikolaiviertel. Die wenigen Geschäfte hatten noch geschlossen. In den Türnischen nächtigten Obdachlose. Ebenso in der Unterführung zur fensterlosen Rückseite des Schlosses. Diese fensterlose Fassade symbolisiert den Geist der neuen Herren, die unsere Heimat ruinier(t)en: engster Horizont, vom Sieg berauscht alles zertrampelnd, was irgendwie an Kultur erinnert, die sie selber nicht kennen und sich abschirmend vom Plebs. Allerdings: Es ist die Ostseite, von da kommt demnächst »der Russe«. Die »johlende Menge«, die den Abriß des PdR beschloß, waren die neuen Mitglieder der damaligen »Volks«kammer (1990), nicht qualifiziert für dieses Amt. Es gab noch einen, der wie Frau Strignitz mal schnell von der HUB ins neue Haus kam: Hartmut Dorgerloh, »Generalintendant« des Humboldt-Forums, geboren 1961 in der DDR: »Zu den großen Kulturveranstaltungen bin ich nie gegangen. Was mich interessierte, fand nicht in Mitte und schon gar nicht im Palast der Republik statt« (Berliner Zeitung, 3.2.2020). Sein Higlight» fürs Humboldt-Forum soll die Stahltür einer Westberliner Techno-Disko mit «Kultstatus» sein ... Auf dem zweiten Foto sieht man hingegen Teile der Gemälde von Kurt Robbel und Hans Vent, die zur Palastgalerie gehörten. Während der Entstehung des Siegerbaus hoffte ich, dass dieser dank des Schwemmsandes in den Fluten der Spree versinkt. Hat nicht geklappt. Wirklich zum Kotzen. Danke für die Erinnerung an den PdR und weitere 2000 zerstörte Kulturhäuser. Schade, daß der Fünf-Punkte-Plan des Freundeskreises Illusion bleibt, solange uns das «Schloss» nicht gehört.
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Onlineabonnent*in Christel H. aus Aschersleben 23. Apr. 2026 um 19:01 UhrNach der feindlichen Übernahme der Deutschen Demokratischen Republik hätte man wissen können, was auf uns – die Bevölkerung der DDR – zukommt. Allerdings hätte ich nicht erwartet – und das war naiv –, dass man ein in jeder Hinsicht großartiges Gebäude wie den Palast der Republik vernichten würde. Bei den Bestimmern dieser Unkultur Achtung für eine architektonisch hervorragende Leistung vorauszusetzen, unterschätzt ihren Hass auf alles, das in der DDR geschaffen wurde. Ich war als Nichtberliner viele Male im Palast der Republik und habe Konzerte im Großen Saal, Restaurantbesuche oder einfach nur den Aufenthalt dort genossen. Immer wird mir die einzigartige Atmosphäre in diesem Kulturpalast in Erinnerung bleiben.
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Onlineabonnent*in Michael M. aus Berlin 23. Apr. 2026 um 17:20 Uhr»Mit einheimischer Zustimmung« – diese Zustimmung wurde nicht eingeholt. Die dazu erforderliche Volksabstimmung wurde nicht durchgeführt. Herr Meier, Arbeiterveteran, Berlin-Prenzlauer Berg
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
In Anlehnung an den obigen drastischen Ausdruck und eingedenk der Worte Goethes »Auf groben Klotz ein grober Keil« traue ich mich jetzt einfach mal zu sagen: Zum Kotzen finde ich auch das Lächeln des Heiligen Wolodimir und das der ihn umgebenden Kriegstreiber auf dem Foto von Seite 9 der jW vom 24. April. Welche Freude in den Gesichtern über das in Händen gehaltene Mordwerkzeug. Das sehen zu müssen ist einfach nur abstoßend!