Wie setzen Sie sich für Dalit-Frauen in Nepal ein?
Interview: Thomas Berger, Kathmandu
In Nepal bilden die Dalit die unterste Kaste der Gesellschaft. Wie ist die Ausgangslage für den Kampf Ihrer Organisation um die Rechte von Dalit-Frauen?
Das hinduistische Kastensystem ist eine uralte Institution. In den 1990er Jahren gab es einen großen Aufbruch, viele zivilgesellschaftliche Organisationen wurden damals gegründet. Das Thema Dalit-Frauen wurde aber kaum berücksichtigt. Und in der Gesellschaft als Ganzes bestehen weiter Probleme mit Diskriminierung und Entrechtung, gerade in den vielen entfernten Regionen des Landes. In diese Lücke sind wir vorgestoßen, als wir uns 1994 als Feminist Dalit Organisation (FEDO) gegründet haben. Mittlerweile sind wir in allen sieben Provinzen aktiv, haben in 56 Distrikten konkrete Strukturen. Zumeist sind das lokale Frauengruppen, die aus 20 bis 30 Mitgliedern bestehen. Landesweit sind das etwa 3.000, in denen rund 80.000 Dalit-Frauen organisiert sind.
Worum geht es bei Ihrer Arbeit?
Unser Einsatz stützt sich auf mehrere große Säulen. Es geht um soziale Gerechtigkeit, verfassungsmäßige Rechte, aber ebenso ökonomisches Empowerment und Human Resources. Zudem haben wir gerade nach der Coronapandemie mit verschiedenen internationalen Partnern die humanitäre Hilfe in Notfallsituationen als weiteren Schwerpunkt enorm ausgebaut. Da geht es vorrangig darum, Schwangere, stillende Mütter und andere, deren spezielle Bedürfnisse bei anderen Unterstützern schnell in der Wahrnehmung untergehen, mit dem Notwendigen zu versorgen. Es ist eine Zusammenarbeit mit UN-Partnern, aber auch regierungsamtlichen Stellen. Und wir bieten technische Unterstützung, Fundraising ebenso wie Politikberatung.
Nepal hat seit 2008 eine demokratische Verfassung …
… in der auch Dalit- und Frauenrechte pro forma garantiert werden. Wir als FEDO haben selbst daran mitgearbeitet. Bei der Umsetzung sieht es aber bis heute noch ziemlich schwach aus. Deshalb haben wir etwa den »Dalit Empowerment Bill« als Gesetzesrahmen entwickelt, der nun schon in drei Provinzen umgesetzt wird. Bei den anderen arbeiten wir dran, dass die das auch übernehmen. Man darf nicht vergessen: Das Kastensystem ist noch immer präsent, kastenbasierte Gewalt keineswegs ausradiert. Da generell für Bewusstseinswandel zu sorgen, ist und bleibt unsere zentrale Aufgabe. Dazu gehört auch, Allianzen zu bilden, sei es eher mit männlich dominierten Gruppen innerhalb der Community oder auch Nicht-Dalit-Organisationen. Es gibt durchaus eine Reihe ökonomischer Erfolgsgeschichten von Dalit-Frauen auf lokaler Ebene – aber immer wieder Rückschläge. Jedes Jahr produzieren wir zusammen mit dem Frauenministerium eine Studie als aktuelles Lagebild. Und wir sind über das International Dalit Network in Genf und andere Verbände bis auf internationale Ebene aktiv, um unsere Stimme zu erheben.
Haben sich mit der sogenannten GenZ-Revolution vom September neue Chancen ergeben?
Da hat zumindest eine starke soziale Mobilisierung stattgefunden. Wir unterstützen das, etwa indem wir Safe Spaces für Debatten zur Verfügung stellen oder Kontakte vermitteln. Netzwerkarbeit ist für uns fast wichtiger als je zuvor. Und wir haben zum Beispiel ein Leadership Development Program aufgelegt, um die Entwicklung künftiger Führungspersönlichkeiten zu unterstützen. Vieles ist aber tatsächlich sehr komplex. Menschenrechtsarbeit allein reicht nicht, es braucht genauso direkte Hilfe mit einkommensschaffenden Maßnahmen, Bildungs- und Gesundheitszugang. Oder als spezielles Angebot Pakete für »finanzielle Alphabetisierung«, damit auch Dalit-Frauen kleine Firmen gründen.
Diese sind ja, als Dalit wie als Frauen, doppelt diskriminiert.
Tatsächlich ist es diese Intersektionalität, die unsere Kämpfe auszeichnet. Bei anderen Dalit-Organisationen spielen Frauenrechte keine große Rolle. In der nepalesischen Frauenbewegung fehlt zum Teil die spezielle Dalit-Perspektive. Und ja, Dalit-Frauen sind in aller Regel mehrfach benachteiligt. Doch genau am Bewusstsein dafür arbeiten wir in den lokalen Gruppen. Und daher kommt dann die Kraft für den Wandel insgesamt.
Rabina G. Rasaily ist Exekutivdirektorin der Feminist Dalit Organization (FEDO) und engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für Dalit- sowie Frauenrechte
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