Durch die rosa Brille
Von Andreas Müller
Das mit 48 Teilnehmern zweitgrößte bundesdeutsche Team, das je an paralympischen Spielen teilnahm, belegte im Medaillenspiegel am Ende Rang elf und schnitt nach dem klassischen Maßstab schlecht ab wie nie. Die Wertung orientiert sich traditionell an den Goldmedaillen, von denen Team Deutschland nach 79 Entscheidungen lediglich zwei durch Monoskifahrerin Anna-Lena Foster gewann und damit im Ranking der Nationen deutlich hinter China (15 mal Gold), den USA (13), Russland (8), Italien, Österreich, Frankreich, Ukraine, Kanada, den Niederlanden und Schweden landete. Wie lautet nach einer solchen Pleite der erste Satz des Teamchefs? »Unsere Bilanz fällt positiv aus.« Behauptet Marc Möllmann, Vorstand Leistungssport im Deutschen Behindertensportverband (DBS). Schließlich hätten seine Athleten insgesamt 17 Medaillen gewonnen, der bloßen Anzahl nach Platz vier hinter China (44 Medaillen), den USA (24) und der Ukraine (19).
Einmal abgesehen von der Frage, wie es sein kann, dass Schwarz-Rot-Gold trotz Förderung und hochentwickelter Ingenieurskunst auch bei paralympischen Sportgeräten beim größten Ereignis im weltweiten Behindertensport weniger Podestplätze verzeichnete als ein seit vier Jahren von einem Krieg gebeuteltes Land, ist Möllmanns spezielle Analyse am sportlich-historischen Tiefpunkt bezeichnend. Im Schönfärben von ernüchternden, durchwachsenen oder inakzeptablen Resultaten sind Funktionäre und Verantwortliche hierzulande traditionell groß in Form. Die rosa Brille gehört für sie zur Grundausstattung. Umgehend werden eigenwillige, ja skurrile Betrachtungen angestellt und spezielle Blickwinkel kreiert, um Schwächen zu bemänteln und unangenehmen Erkenntnissen und Wahrheiten nicht ins Auge zu schauen.
Als bei den Olympischen Winterspielen von Mailand und Cortina kurz vor Ende klar war, dass »Team D« das selbstgesteckte Ziel verfehlen würde, gab Olaf Tabor als Vorstand Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eine Kostprobe. »Wir werden unser Ziel Platz drei, vermutlich, nicht erreichen.« Nett gesagt. Als längst feststand, dass Norwegen, die USA, Italien und die Niederlande im Medaillenspiegel unmöglich mehr überflügelt werden können, bemühte Olaf Tabor das verräterische Wörtchen »vermutlich«, statt ohne Wenn und Aber einzugehen: Vorgabe verfehlt. DOSB-Präsident Thomas Weikert sprach von einer »sehr guten Bilanz«. So sieht es aus, das analytische Grundverständnis der Protagonisten in einer Branche, wo oft nur Bruchteile von Sekunden oder Millimeter über »Gold oder Holz« entscheiden.
Ein Musterbeispiel von Verdrängung und ausbleibender Selbstkritik lieferte Felix Bitterling, seit 2022 Biathlonchef beim Deutschen Skiverband (DSV). Nach der mit nur einmal Bronze verheerenden Bilanz der Lieblingswintersportler des bundesdeutschen TV-Publikums gab der Verantwortliche folgendes zum Besten: Besonders bei den Männern zeige sich ein »strukturelles Defizit«, seit Jahren mangele es an Nachwuchs. »Uns fehlen ein bis zwei Generationen.« Dem zu wehren und gegenzusteuern, »das hätte früher passieren müssen«. Hat er’s als Chef vom Ganzen fatalistisch geschehen lassen oder sich energisch dagegengestemmt? Hat er ein schlechtes Gewissen oder womöglich Schuldgefühle? Wie er bei alldem seiner Verantwortung nachkam, das wurde der Biathlonboss nach diesem kläglichen Ergebnis vor laufender Kamera nicht gefragt.
Nun wechselt der Mann zur Internationalen Biathlon-Union (IBU), und Bernd Eisenbichler als sein Nachfolger darf ab dem 1. Mai die Scherben zusammenkehren. Zu Bitterlings Abschied gab ihm DSV-Vorstandssprecher Andreas Schlütter etwas mit auf den Weg: »Felix hat in den vergangenen Jahren mit großem Engagement und hoher Professionalität die sportliche und organisatorische Entwicklung im deutschen Biathlon entscheidend geprägt.« Nach dem olympischen Fiasko erinnert diese Lobhudelei an Verhältnisse in der Politik, wo SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil nach dem historisch schwächsten Bundestagswahlergebnis seiner Partei 2025 nicht etwa abdankte, sondern im Kabinett von Friedrich Merz zum gewichtigen Finanzminister und Vizekanzler avancierte.
Gern nutzen die talentierten Schönfärber auch gefällige Studien, selbst wenn dabei kaum mehr als 1.000 Menschen befragt wurden. Auf dieser eher dünnen Basis fand eine vom DOSB bei der Wiesbadener Agentur One-8-Y beauftragte Erhebung heraus, dass – auch weil Kriterien wie Teamgeist und das Auftreten der Mannschaft in die Wertung eingingen – 62 Prozent der Teilnehmer mit der Leistung der bundesdeutschen Olympioniken in Norditalien zufrieden gewesen seien. Nur zwölf Prozent hätten schlechte Noten verteilt. 44 Prozent bzw. 15 Prozent der befragten Personen gaben an, dass es ihnen »wichtig« bzw. »sehr wichtig« sei, dass Deutschland bei olympischen Spielen viele Medaillen gewinnt. Bei 69 Prozent der Befragten deckten sich achtmal Gold, zehnmal Silber und achtmal Bronze bei den jüngsten Winterspielen mit den persönlichen Erwartungen, für 38 Prozent lag die Edelmetallausbeute sogar noch darüber. Vor allem diese Menge an relativ anspruchslosen Freunden des Sports dürfte die Positivisten im hiesigen Leistungssportsystem zu weiteren Glanzleistungen ermuntern.
Wie so oft zeigt sich in der olympischen Analyse, im nüchternen Rückblick, der unabhängige Verein »Athleten Deutschland« (AD) mit unverstelltem Blick und drängt nach den Tagen von Mailand und Cortina energisch auf Reformen. »Die Diskussion über das Abschneiden im Medaillenspiegel hat erneut die Defizite der Spitzensportförderung offengelegt: zersplitterte Zuständigkeiten, steigende Kosten, Nachwuchsmangel sowie hohe Eigenbeteiligungen in einigen Sportarten für Athletinnen und Athleten«, hieß es in einer Stellungnahme. Die Bundesregierung, so AD-Geschäftsführer Johannes Herber, müsse zentrale Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einlösen. Dazu gehöre für die Athleten »der Ausbau der sozialen Absicherung und eine deutliche Erhöhung der Basisförderung, um professionell und fokussiert Sport auf Weltspitzenniveau zu betreiben«.
Apropos Weltspitze: Zum beliebten Stilmittel der rosa Brille gehört der Hinweis, fairerweise auch die Plazierungen knapp neben dem »Stockerl« zu würdigen. Immerhin 14 vierte Plätze verbuchte Team D jüngst bei Olympia, so viele wie keine andere Nation. Eine Bilanz, so recht geeignet als Steilvorlage für einen bundesdeutschen Sonderweg im globalen Spitzensport. Wir wollen nicht Medaillen, wir wollen bei olympischen Spielen fortan vor allem immer und immer wieder die meisten vierten Plätze ergattern! Welch tragfähiger Ansatz für eine bundesdeutsche Zukunftsstrategie. Kein Medaillendruck mehr für die Aktiven, und wer auf den Plätzen fünf, sechs, sieben oder acht einkommt, hätte das offizielle Ziel nur knapp verfehlt. Wen interessiert schon der Medaillenspiegel.
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