In Aufbruchstimmung
Von Andreas Müller
Die Politik scheint begriffen zu haben, wie peinlich es wäre, olympische Heimspiele auszurichten und keine ansehnliche Mannschaft mehr auf die Beine zu bringen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund initiierte die Sportministerkonferenz (SMK) am 19. März auf Norderney einen langfristig angelegten »Nationalen Aktionsplan zur Förderung des Kinder- und Jugendsports«.
Ziel sei, die Heranwachsenden täglich mindestens 60 Minuten lang zu bewegen. »Die Generation der heute Fünf- bis Fünfzehnjährigen soll die aktivste sein, die wir jemals hatten«, erklärte Hamburgs Innen- und Sportsenator Andy Grote. »2040 sollen viele von ihnen auf dem Treppchen stehen, wenn wir Olympia in Deutschland haben.« Den Impuls, Kindern und Jugendliche mehr Bewegung zu verschaffen, bezeichnete der SPD-Politiker als »wichtigstes Ergebnis« der jüngsten dieser regelmäßigen Zusammenkünfte der Sportminister. Andy Grote sprach von einer »Aufbruchstimmung«, die erzeugt werden solle. Christiane Schenderlein (CDU), die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, nannte die stärkere Hinwendung zum Thema einen »Handlungsauftrag« an die Politik. »Dort wollen und müssen wir besser werden.« Das gleiche gelte für die Sichtung sportlicher Talente.
Eine Stunde Bewegung täglich für Kinder und Jugendliche entspricht haargenau einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die hierzulande lediglich von etwa jedem vierten Heranwachsenden erfüllt wird. Ein Befund, der jüngst in Frankfurt am Main beim »Dialogforum Sportentwicklung« – einem Symposium zur Zukunft des Sports vor allem an der Basis – »mit Erschrecken« zur Kenntnis genommen wurde. Besonders dramatisch sieht es bei den 14- bis 17jährigen Mädchen aus, von denen aktuell über 92 Prozent diese eine Stunde Sport pro Tag verfehlen.
Die SMK war sich einig, diesen Zustand möglichst schnell zu verbessern. Wie die avisierte und zum Mindeststandard ausgerufene Bewegungsstunde täglich für den Nachwuchs verbindlich und in der Praxis zu realisieren sein könnte, dazu hielten sich die Fachminister bedeckt. Sie verwiesen auf das Potential der circa 86.000 Sportvereine bundesweit sowie auf den ab dem nächsten Schuljahr überall »verpflichtenden Ganztag als guten Anknüpfungspunkt«. Während die Hoffnungen der SMK für mehr Sport und Bewegung bei Kindern und Jugendlichen vornehmlich auf dem »schulischen Kürprogramm« ruhen, wurde das Pflichtprogramm kaum erwähnt. Auf die jW-Frage, wann die Länder endlich offenlegten, wie viele Stunden des Sportunterrichts ausfallen bzw. fachfremd abgehalten würden, zog es Theresa Schopper (Grüne) als aktuelle SMK-Vorsitzende vor, lediglich etwas über ihr »Ländle« zu sagen.
In Baden-Württemberg werde der Unterricht – und zwar über alle Fächer hinweg ohne spezielles Augenmerk auf den Sportunterricht – regelmäßig und stichprobenartig evaluiert. Demnach würden insgesamt vier Prozent des Unterrichts ausfallen. Auf die Verhältnisse in den anderen Ländern ging die baden-württembergische Kultus-, Jugend- und Sportministerin lieber nicht ein. Aus gutem Grund: Seit Jahren dürfen die Schulsportreferenten der einzelnen Länder die unangenehmen Daten nicht öffentlich machen. Einem Insider nach laute die allgemeine Sprachregelung für den Maulkorb in Sachen ungenügender wie unbefriedigender Sportstunden an den Schulen wie folgt: »Fachbezogene Angaben zu Unterrichtsausfall und fachfremd erteiltem Unterricht werden nicht erhoben.«
Allein im Freistaat Sachsen sollen von den rund 5.000 Lehrkräften im Schulsport etwa 800 keinerlei Ausbildung für das Unterrichtsfach mitbringen. Zustände, die untragbar sind und spätestens nach dem Startschuss des »Nationalen Aktionsplanes zur Förderung des Kinder- und Jugendsports« beendet werden sollten.
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