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Droste

Wahre Tierrechte (26)

Die Wirklichkeit war ein guter Traum an diesem Tag. Jochen fuhr im Schritttempo, Don Domi lag hinten im Korb, fühlte sich hörbar unwohl, blieb aber stoisch und tapfer, und die Fußgänger und die Tiere gingen, watschelten, hüpften und liefen so gut es ging mit. Es war ein kleiner, seltsam anmutender und eindrucksvoller Zug, der sich auf den Weg gemacht hatte, und manchen Anwohnern blieb jäh die Spucke weg. Während sie penibel ihre Vorgärten pflegten, die weniger als Gärten denn als Visitenkarten ihres »Ordnung ist das halbe Leben«-Lebens dienten, schüttelten sie, ob alt oder jung, ihre schrecklich zusammenondulierten Köpfe und tuschelten.

Dass der Ökobauer Jochen nicht alle Latten am Zaun, alle Steine auf der Schleuder, alle Tassen im Schrank und alle Gurken im Glas hatte, galt in dem Kaff, in dem er lebte, als ausgemachte Sache. Zwar kannten die Dorfinsassen ihn so gut wie gar nicht, aber das machte das Ratschen und Tratschen ja noch einfacher und reizvoller! Über Landwirtschaft wusste er alles besser; das hatte er zwar niemals behauptet, aber das war doch klar: Der arrogante Pinsel hatte studiert! Agrarwissenschaft, und natürlich hielt er sich deshalb für etwas Besseres! Und der alte Hof, den er geerbt hatte, sah ganz anders aus als früher. Sicher, er war jetzt schöner und gepflegter und stank auch nicht mehr, aber trotzdem! Tradition war nun mal Tradition, basta! Und seine Frau sollte ihm ja auch weggelaufen sein. Vielleicht hatte er ja auch noch etwas mit einer seiner Angestellten? Die Kerle waren doch alle ganz wild auf Frischfleisch, ereiferten sich die Kittelschürzentrinen genauso wie die ledernen Ergebnisse von Work- und Burnout und Schöner Klonen in ihrer grellbunten, sportiven Funktionskleidung. Für sie stand betonfest: Der Typ war ein ganz komischer Vogel. So einem war doch alles zuzutrauen, Punktum.

Fortsetzung folgt

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.11.2018, Seite 10, Feuilleton

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