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»Tatort« Stammheim

TV

Auf allen Kanälen pädagogisieren Experten zum »Deutschen Herbst ’77« – sogar der »Tatort« beteiligt sich am Geschichtsunterricht. Im Zeitraffer: Ein Kommando der RAF entführt den Industrieboss Hanns Martin Schleyer. Palästinenser kapern eine Lufthansa-Maschine, die im somalischen Mogadischu von der »GSG 9« gestürmt wird. Am nächsten Morgen, am 18. Oktober, werden die RAF-Gründer tot oder verletzt in der JVA Stuttgart-Stammheim aufgefunden. Schleyer liegt erschossen im Kofferraum eines Pkw nahe Mulhouse.

40 Jahre später. Für den Südwestrundfunk (SWR) ist Regisseur Dominik Graf ein »Tatort« gelungen, der den Empörungskorridor weit aufreißt. Die Folge heißt »Der rote Schatten« und läuft am Sonntag abend in der ARD. Sie handelt von »Ruheständlern« der RAF, die Tageseinnahmen von Supermärkten rauben, von den toten Stammheim-Gefangenen und von einem unter Mordverdacht stehenden Kronzeugen. Der Stoff basiert auf den Recherchen eines Stuttgarter Journalisten. Er forschte ursprünglich zum Tod einer Frau, sprach mit ihrer Tochter und landete bei einem RAF-Spitzel der Polizei als Tatverdächtigem.

Mit GEZ-Gebühren wurde der Stammheim-Trakt eins zu eins nachgebaut. Graf greift in den Kampf um die Deutung der Todesnacht ein. Er lässt einen früheren LKA-Beamten auftreten, der sagt: »Das war Selbstmord unter Staatsaufsicht.« Der Trakt in Stammheim sei verwanzt worden, und Ermittler hätten mitgehört. Es folgt diese Szene: Eine Todesschwadron stürmt in den 7. Stock des Gefängnisflügels, reißt die Zellentüren auf, liquidiert Andreas Baader und Jan-Carl Raspe mit Schusswaffen, stranguliert Gudrun Ensslin am Gitter des Zellenfensters und verletzt die schlafende Irmgard Möller durch Messerstiche schwer. Tabubruch pur.

Hier hätte der Vorhang fallen müssen, und der TV-Skandal wäre perfekt gewesen. Aber Graf filmt weiter, drosselt das Tempo und sendet eine bizarre Schlussszene: Die Kamera schwenkt auf eine Tüte mit einem skelettierten Hamster, dem Lieblingstier der Tochter der mutmaßlich vom RAF-Spitzel ermordeten Mutter. Den verblichenen Hamster hatte die Tochter mit dem Verräter hinter dessen Gartenlaube verbuddelt. Rührend.

Die Attacke auf die Staatsräson der alten BRD und das fulminante Finale werden vom Regisseur in den letzten 15 Sendeminuten aufgeweicht. Sonst würde das auch nicht gesendet werden. Ein Beinahe-Skandal zur Primetime. Immerhin.Oliver Rast

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD: »Tatort: Der rote Schatten«

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.10.2017, Seite 11, Feuilleton

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