Gorki, Hindemith
Weil sie nicht nur über den »großen Bruder« informierte, sondern auch visuell gut aufgemacht war, nahmen Leser gern die Sowjetunion zur Hand. Von der Illustrierten, die von 1949 bis 1990 auch in der DDR erschien, wussten die wenigsten, dass sie 1930 als UdSSR im Bau von keinem Geringeren als Maxim Gorki in seiner Heimatstadt Nischni Nowgorod gegründet worden war. Die Vielseitigkeit des revolutionären Schriftstellers war enorm. Zeitschriften gingen auf sein Konto (Nowaja Schisn ab 1905), Romane (u. a. »Die Mutter«, 1906/07), Erzählungen (u. a. »Malwa«, 1897), Dramen (u. a. »Wassa Schelesnowa«, 1910/35), Satiren (»Das nationale Gesicht«, ca. 1914) und nicht zuletzt der autobiographische Roman »Meine Universitäten« (1923), der 1940 sogar verfilmt wurde. Dabei hatte er als Weltbürger viel Wechselvolles erlebt, wurde inhaftiert, musste mehrfach ins Exil gehen und sich bei der Rückkehr neuen Gegebenheiten anpassen. So wechselte sein Verhältnis zu Lenin, dem er nach der Revolution von 1905 erstmals begegnet war, zwischen Zustimmung im Grundsätzlichen und Kritik im Detail, die beispielsweise auf die Versöhnung von Christentum und Marxismus zielte. Er besuchte als politischer Werber Frankreich und die USA, lebte zeitweise in Italien und musste nach einer Tuberkuloseerkrankung nach dem Krieg eine Zeitlang in Deutschland verbringen. Im Schwarzwald, an der Ostsee, in Freiburg, aber auch in Berlin wird an ihn auch heute noch erinnert. Nachdem Stalin auf Lenin folgte, zögerte Gorki, in die Heimat zurückzukehren, wollte sich aber dem vielfachen Ruf 1928 nicht mehr verschließen und stellte sich dem sozialistischen Aufbau der Sowjetunion zur Verfügung. Als er am 18. Juni vor 90 Jahren starb, kamen Verschwörungstheorien auf, aber der 68jährige Alexei Peschkow (so sein bürgerlicher Name) war krank und hatte auch auf seinen Zustand nicht immer genügend Rücksicht genommen.
Auch Harry Hindemith, einer der prägenden Darsteller der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte, hat Gorki gespielt. In »Nachtasyl« war er 1957 als Falschspieler Satin dabei, und das im Maxim-Gorki-Theater. Regisseur Maxim Vallentin leitete es damals, dessen Vorname wiederum 1904 von Gorki inspiriert war. Hindemith wurde am 16. Juni vor 120 Jahren in Brüssel in einer Arbeiterfamilie geboren, war seit 1925 bekennender Kommunist und wurde in Würzburg zum Schauspieler ausgebildet. Die Nazis nahmen ihn in Haft und klopften ihn »weich«, so dass Hindemith 1937 der NSDAP beitrat. Dass er gegen seine Überzeugung handelte, machte ihm, der schon 1945 wieder Genosse wurde, bis ans Lebensende zu schaffen. Kollegen irritierte er mit seinem übereifrigen politischen Einsatz. Nichtsdestotrotz war der rettende Jäger in »Schneewittchen« (1961) ein sehr glaubwürdiger Charakterdarsteller, über den Dieter Wolf schrieb: »Immer wieder mußte er, oft mit kleinsten Auftritten, den ›typischen‹ Arbeiter geben, auch ein Tribut an massenhafte Identifizierungswünsche des Nachkriegspublikums und das herrschende Realismusbild der Zeit.«
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