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Unia nach Übergriffen in der Kritik

Zürich. Roman Burger, Sekretär der größten Schweizer Gewerkschaft Unia, ist vergangene Woche von seiner Arbeit freigestellt worden. Der bisherige Leiter der Unia-Sektion Zürich-Schaffhausen soll einer weiblichen Beschäftigten anzügliche SMS geschickt haben. Das wurde bereits vor zwei Wochen bekannt. Burger selbst erklärte in einer internen E-Mail, die ebenfalls öffentlich wurde, er habe mit seinen Textnachrichten eine Grenze überschritten. »Das tut mir leid, und dafür gibt es keine Rechtfertigung.«

Am 15. September veröffentlichte die WOZ – das Schweizer Äquivalent zur deutschen taz im Wochenformat – den Artikel »Und für einmal hält das Schweigen nicht«. Darin werden der Sektion »sektiererische Methoden« nachgesagt. Es wird über interne Abläufe berichtet, etwa Zusammenkünfte der Sekretäre, zum Zweck, sich besser kennenzulernen. Mit persönlichen Informationen sollen dann einzelne Beschäftigte unter Druck gesetzt worden seien. Dem Unia-Geschäftsführungsmitglied Nico Lutz wird vorgeworfen, versucht zu haben, den Vorfall um Burger unter dem Deckel zu halten. In eine ähnliche Richtung geht auch die Berichterstattung der bürgerlichen Presse.

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Am vergangenen Freitag hielt die Gewerkschaft dann eine Pressekonferenz ab, auf der Unia-Präsidentin Vania Alleva Veränderungen in der »Führungskultur« ankündigte. Die Vorwürfe gegen die Unia-Leitung würden von einer externen Fachstelle untersucht werden, die bereits im April, als die Beschwerden gegen Burger gewerkschaftsintern geäußert wurden, eingesetzt wurde. Nico Lutz habe frühzeitig gehandelt.

Unabhängig von Burgers Übergriffen dürfte ein Hintergrund der Medienkampagne die Ausrichtung der Unia-Sektion Zürich-Schaffhausen sein. Innerhalb der kämpferischen Gewerkschaft setzt sie besonders stark auf die Aktivierung der Mitglieder. Noch unter Burgers Führung wurde etwa 2013 im Kanton Schaffhausen ein Ausstand der Gartenarbeiter organisiert, der durch eine außergewöhnlich hohe Streikbeteiligung auffiel. Die Arbeiter hatten mit ihrem Anliegen Erfolg, ihre Mindestlöhne wurden um mehrere hundert Franken erhöht. Lutz organisierte zuletzt den Widerstand der Bauarbeiter gegen eine Verschlechterung ihrer im Tarifvertrag festgelegten Rentenansprüche. Auch dieser Kampf wurde gewonnen. (jos)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.09.2016, Seite 15, Betrieb & Gewerkschaft

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