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Was sagen die Völker?

Von Antonín Dick
Im Traum begegnete mir meine Mutter, naziverfolgte Jüdin aus dem Berliner Proletariat, und sie fragte mich, als ich ihr angsterfüllt von der akuten Kriegsgefahr in Nahost erzählte, die der europäischen in den achtziger Jahren während des atomaren Wettrüstens verdammt ähnlich ist: »Was sagen die Völker? Das israelische, das iranische Volk?«

»Sie fangen an, sich Briefe zu schreiben über mögliche Frontlinien hinweg.«

»Was für Briefe?«

»Junge Leute beider Seiten, die nicht ins Gras beißen wollen, schreiben sich, obwohl sie sich noch nie im Leben begegnet sind, daß sie sich mögen, sich lieben.«


»Wie viele Menschen beteiligen sich daran?«

»Hunderte, wenn nicht Tausende. Und es werden täglich mehr.«

»Selten haben Regierungen den Krieg mit ihrem Blut bezahlt, stets die Regierten. Überlaßt die Frage Krieg oder Frieden nicht der Logik der Militärs!«

Diese Sprengt-die-Fronten-Korrespondenz führt doch zu einer ganz anderen Logik, der des Vertrauens, beispielsweise zur Einberufung eines Jugendtreffens, wie ich es vorschlagen würde. Iraner, Israelis, Exil­juden, Exiliraner, Araber, Palästinenser, Exilpalästinenser, Türken, Amerikaner, Russen, Franzosen, Briten, Afrikaner, Asiaten, Indianer, Kurden, Roma und Sinti, Beduinen, Deutsche usw., kurz, junge Menschen aus aller Welt treffen sich zu einem Friedensratschlag. Es werden keine Reden gehalten, sondern Gruppen mit höchstens 15 Mitgliedern gebildet, die alle verschiedenen Ethnien angehören und praktische Vorschläge zur Kriegsverhinderung ausarbeiten.
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Erschienen in der Ausgabe vom 10.04.2012, Seite 13, Feuilleton

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