Zum Inhalt der Seite

Superwitz (1)

Bin ich ein Nörgler? Natürlich. Ich bin nicht immer ein Nörgler, aber jetzt bin ich einer, weil verdammt nochmal, die Leute heute keinen Mumm mehr haben, weil es eine ganze Gesellschaft von Scheintoten ist, die auf cool machen, ob es nun die Kiffer vom College mit ihren Elton-John-Platten sind oder die Pubertierenden, die Downer schlucken, bevor sie sich auf dem Fußboden der Konzertsäle flachlegen«. Hat sich daran etwas geändert? Nein, nur der Mann, der das schon 1971 geschrieben hat, ist schon seit 26 Jahren tot.

Am letzten Sonntag wäre der Musikjournalist Lester Bangs sechzig Jahre alt geworden. In den USA war der manische Lou-Reed-Fan und Elvis- Presley-Kapierer neben Hunter S. Thompson der Turbomotor des Gonzo-Style, des gottgleichen Subjektivismus an der Schreibmaschine von Autoren, die sich so in ihre Themen rein-steigern, daß sie von ihnen beinahe aufgefressen werden – und kurz vorm Wahnsinn siegt dann doch der tolle Text. Wenigstens für fünf Minuten, wenn man ihn fertigeschrieben hat.
Anzeige

Heute abend wird Lester Bangs im Berliner Monarch gehuldigt, wo ab 20 Uhr sein Buch »Psychotische Reaktionen und heiße Luft Rock‘n‘Roll als Literatur und Literatur als Rock‘n‘Roll« vorgestellt wird. Es ist gerade in der Edition Tiamat erschienen und die erste deutsche Übersetzung (unter anderem von Peer Schmitt) der Bangs-Text-Sammlung »Psychotic Reactions and Carburetor Dung«, die Greil Marcus 1987 in New York herausgegeben hat.

Und was ist eigentlich Popmusik? »Es ist der stärkste, der widerstandfähigste, der unbesiegbarste Superwitz der Geschichte und nichts wäre in der Lage ihn zu zerstören, und der Grund dafür ist, daß s sich um einen Witz handelt, um einen Fehler, um eine Albernheit.«

heute, 20 Uhr, Monarch, Skalitzer Str. 134, Berlin


junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 18.12.2008, Seite 13, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!