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TV-Junkie: Die Farbe der Saison

Hollow Skai

Anne Will war eine der ersten. Als sie am 16.September die Nachfolge von Sabine Christiansen antrat, wartete sie nicht nur mit der Kunst auf, trotz heruntergezogener Mundwinkel zu lächeln, sondern auch mit einem Studio, in dem die Atmosphäre nicht mehr von einer kalten blauen Deko dominiert wird, sondern von warmen, erdigen Brauntönen, die mit Kaminfeuern assoziiert werden und zum Kuscheln einladen.

Bei der braunen Deko beließ es die attraktive Moderatorin nicht. Auch ihre Hosenanzüge sind farblich darauf abgestellt, und mittlerweile kleiden sich fast alle ihre Gäste in Braun, als würden ihnen die Klamotten von der ARD zur Verfügung gestellt – was wahrscheinlich gar nicht mal so abwegig ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
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Anne Will ist aber beileibe nicht die einzige, die sich in Braun wandet. In der vergangenen Woche trug der Liedermacher Funny van Dannen bei seinem Auftritt in der NDR-Talkshow einen braunen Anzug. Die »Polylux«-Moderatorin Katrin Bauerfeind machte auch im braunen Kleid eine gute Figur. Bully Herbig lag voll im Trend, als er bei Schmidt & Pocher ein braunes Hemd anhatte. Selbst die Sekretärin vom Dicken trug eine braune Strickjacke. Und das Design des ARD-Morgenmagazins erinnert verdächtig an die Farbgestaltung von »Anne Will« – selbstredend trug auch die Moderatorin, deren Namen ich mir so früh morgens nicht merken will, ihre Klamotten auf.

Schuld daran, daß Braun zur Farbe der Saison avanciert ist, sind Merkel und Müntefering. Denn farbmetrisch wird eine Farbe als Braun wahrgenommen, wenn sie durch ein Abtönen einer warmen Farbe (Gelb, Orange, Rot) mit Schwarz entstanden ist. Und nichts anderes als eine abgetönte Version der Regierung Schröder stellt ja die jetzige große Koalition dar.

War Braun bislang verpönt, weil es die Kennfarbe der Nazis war, die damit ihre Verbundenheit mit der heimischen Scholle aufzeigen wollten, so wurden die neuen braun-goldenen Trikots des FC St. Pauli bei Saisonbeginn zu den modischsten der zweiten Fußball-Bundesliga gewählt. Und als hätte sich die ganze Welt gegen jegliche Blautöne verschworen, trägt plötzlich fast jeder was Braunes. Allein die abgetönte SPD hat mit der neuen Modefarbe noch ihre Probleme. So zog sich der stellvertretende Vorsitzende ihrer Bundestagsfraktion, Leopold Stiegler, einen extra grellen roten Pullover unter das braune Jackett, als er bei Anne Will zu Gast war, was einfach unmöglich aussah – im Vergleich mit Stiegler nimmt sich sogar Hans-Jochen Vogel wie ein Dressman aus.
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Erschienen in der Ausgabe vom 05.11.2007, Seite 12, Feuilleton

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