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Wilder als Balla

Bevor der »Bitterfelder Weg« erfunden wurde, war der Schriftsteller und Journalist Erik Neutsch schon da gewesen. 1961 legte er seine »Bitterfelder Geschichten« vor, die von jungen Chemiearbeitern handeln, weil sie die ihm vor Ort erzählt hatten. Neutsch bekam in der DDR dreimal den Literaturpreis des FDGB, beschäftigte aber auch insgesamt 15 IMs, wie sich später herausstellte. 1964 veröffentlichte er »Spur der Steine«, das auch als Buch einem Ziegelstein ziemlich nahekam. Es handelt unter anderem davon, wie der Zimmermann Balla Kommunist wird. Raus aus der Subkultur (der Gesellengebräuche), rein in die Partei, die ist potentiell nämlich wilder als er selbst: Sie will nicht nur Häuser, sondern eine ganz und gar neue Welt errichten. Der berühmte Widerspruch Individualismus–Kollektiv wurde 1966 in der Verfilmung von Frank Beyer, die wie ein Ost-Western angelegt ist, verstärkt. Manfred Krug spielt als Balla die Rolle seines Lebens, sieht dabei ein bißchen aus wie der Räuber Hotzenplotz (der sich ja ebenfalls läutert) und meint zum Beispiel zum neuen, ignoranten Parteisektretär: »Warum sagst du nicht schlicht und einfach: Ich habe die Welt nicht verstanden und ich verstehe die Welt immer noch nicht, weil ich ein Arschloch bin!«. Das war der Partei etwas zu viel Coolness, drei Tage nach Uraufführung wurde der Film verboten. Noch 2001 ärgerte sich der Kommunist Neutsch in der Berliner Zeitung über die »scheißparteidisziplin«. Eine der Pointen seiner Novelle »Zwei leere Stühle« (1979) besteht darin, daß der Karrierefunktionär nicht zum Klassentreffen kommen kann, weil er längst in den Westen abgehauen ist. Wie barbarisch es im Westen für alle zugeht, führte Neutsch 1994 in »Totschlag« aus. Heute wird er 75 Jahre alt. (jW)
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Erschienen in der Ausgabe vom 21.06.2006, Seite 12, Feuilleton

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