Ein geschickter Verkäufer
Knapp 20 Jahre nach seinem Tod widmet der Kunstpalast Düsseldorf dem Maler Jörg Immendorff eine große Retrospektive
Der Hans-Albers-Platz ist ein guter Ort für eine Bar Jörg Immendorffs, für eine Bar eines jeden Menschen, der diese »unendliche Lebensgier«, wie der Düsseldorfer Künstler in seinen letzten Jahren einmal über sich selbst sagen wird, spürt, denn kaum ein Ort in Deutschland verkörpert diese Gier aufs Leben so sehr, wie die Reeperbahn auf St. Pauli, an der der Hans-Albers-Platz liegt. 1984 eröffnet Immendorff die Bar »La Paloma« an eben jenem Platz, benannt nach dem Hamburger Volksidol, dem er gleich noch eine etwa drei Meter hohe Bronzestatue vor seinem Lokal spendiert. Damals, Mitte der 80er Jahre, ist Immendorff schon ein Star, der bereits viel hinter und noch viel vor sich hat.
Vor fast 20 Jahren, im Jahr 2007, erliegt der 61jährige der unheilbaren Nervenkrankheit ALS, und wie der Körper und Geist des Menschen Immendorffs verblasst über die Jahre auch das öffentliche Interesse an einem Mann, der nicht nur unstrittig zu den bekanntesten Künstlern der Nachkriegszeit in Deutschland gehört, sondern zu Lebzeiten weit über den Kunstkosmos hinaus ein Begriff ist. Mit der Ausstellung »Immendorff« holt der Düsseldorfer Kunstpalast den Namensgeber nicht nur zurück in die Gegenwart – die großangelegte Schau ist die erste Retrospektive über den ehemaligen Beuys-Schüler überhaupt.
Vorangestellt haben die Kuratorinnen Felicity Korn und Westrey Page der Ausstellung eines der ikonischsten Porträts Immendorffs überhaupt; gemacht hat es der Fotograf John McIver 1987 in Auckland, Neuseeland. McIver zeigt den Künstler mit Basecap, Lederjacke und Schnauzer, mit schweren Ringen an den Fingern, im Arm einen kleinen Hasen. Der Künstler als Macho, ein Image, das Immendorff gerade in den 80ern und 90ern selbst für sich wählt und kultiviert, als er im Boulevard mindestens genauso oft stattfindet wie in der Kunstszene. Ein Image, das ihm die Aufmerksamkeit einbringt, die es für den Erfolg braucht, eines, das geblieben ist. Im Kunstpalast wird das öffentliche Bild nicht eingerissen, die Ausstellung schickt sich an, es zu deuten, zu erklären, einzuordnen und durch die Facetten, die der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt und erst recht nicht in Erinnerung geblieben sind, zu ergänzen. Es geht auch um Weichheit, Zärtlichkeit, Zerbrechlichkeit, hier verkörpert durch den behutsam gehaltenen Hasen im Arm.
Ende der 60er Jahre tritt Immendorff als Künstler erstmals öffentlich in Erscheinung. Zusammen mit seiner ersten Ehefrau Chris Reinecke konzipiert er das Projekt »LIDL«, der Name soll vom Geräusch stammen, das eine Babyrassel macht. Erst fünf Jahre später eröffnet Dieter Schwarz in Ludwigshafen den ersten Discounter gleichen Namens. Immendorff ist da bereits Absolvent der Kunstakademie in Düsseldorf, er studiert zuerst in der Bühnenbildklasse von Teo Otto – ein Einfluss, der den Künstler in späteren Jahren immer wieder für Arbeiten an Theater und Oper führt. Im Anschluss bei Joseph Beuys, dessen Verehrung sich über Jahre in seinen Arbeiten spiegelt. Mit »LIDL« verlassen Immendorff und Reinecke die Räume des Kunstbetriebs und bringen ihre Aktionen an Orte außerhalb der Szene. Die aufsehenerregendste findet bereits 1968 statt, als sich Immendorff einen schwarz-rot-goldenen Holzklotz ans Bein kettet und vor dem damaligen Bundestag hin und herläuft – bis ihn die Polizei wegen Verunglimpfung nationaler Symbole festnimmt.
Das Künstlerpaar inszeniert Aktionen, veranstaltet politische Diskussionen, Lesungen, Filmvorführungen, lädt andere Künstler ein, mitzumachen. Immendorff entwirft für die den Plan einer »LIDL«-Stadt auf Papier und gründet die »LIDL«-Akademie in den Räumen der Düsseldorfer Hochschule. 1970 ist Schluss, die Retrospektive, die mit Artefakten aus jener Schaffensphase das »LIDL«-Konzept illustriert, kommt erst in Fahrt – Immendorff ist da bereits wegen seiner Aktionen der Akademie verwiesen worden. Er deradikalisiert sich in der Form, lässt Konzept- und Aktionskunst hinter sich und verstärkt gleichzeitig sein politisches Wirken. Kunst und Politik werden bei Immendorff nicht mehr getrennt, das zentrale Werk aus dieser Phase fehlt auch im Kunstpalast nicht. Während draußen der soziale Kampf in Form eines Protestzugs (»Lohnraub«, »Teuerung«, »Politische Unterdrückung«) vorbeizieht, sehen wir bei »Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?« aus dem Jahr 1973 einen Mann die Tür eines Ateliers eines Malers bei der Arbeit öffnen (»Pop-Art«, »Neuer Realismus«, »Conzept-Art«). Gerichtet an die Kollegen scheint er zu fragen: »Wo bleibt ihr?«
Doch der Fokus auf die politische Sache weicht bei Immendorff Ende des Jahrzehnts zunehmend der Prominenz der Person. Immendorff folgt beim Imageaufbau der »Anything goes«-Attitüde der 80er: Alles ist erlaubt, besonders wenn es extravagant, laut und bunt ist. Er inszeniert sich als Teil der Subkultur, der er nicht angehört, wie Popkritiker Roger Behrens Jahre später bemerkt, vielmehr gelingt es ihm geschickt, Mainstream als Subkultur zu verkaufen.
In seinem Werkzyklus »Café Deutschland« (ab 1977) nimmt er sich der deutschen Teilung an. Immendorff wird der Maler, der die Identitätsfrage von Millionen Deutschen öffentlich verhandelt, und zum Maler, an dessen Leben Millionen Deutsche dank der Boulevardmedien teilhaben können. Die »La Paloma«-Bar auf dem Kiez der 1980er ist öffentlicher Austobeort des Boulevardlebens und Gegenstück zur Karo-Viertel-Avantgarde in Hamburg um Alfred Hilsberg, Diedrich Diederichsen, Albert Oehlen oder Hilka Nordhausen einige Jahre zuvor. Die Einführung seines berühmten Maleraffens vollendet die Öffentlichkeitswerdung des Künstlers. Später kooperiert Immendorff mit der Bild-Zeitung, gestaltet für das Blatt eine Ausgabe der Bibel, von seinem Freund Gerhard Schröder verantwortet er das offizielle Kanzlerporträt. Ein Teil deutscher Geschichte anhand der Künstlerbiographie Immendorffs lässt sich jetzt im Museum Kunstpalast Düsseldorf nacherleben – ganz ohne Boulevard. Das macht Spaß – erhellend Neues oder gar Kritisches sollte man aber nicht erwarten.
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