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Militärgeschichte

Wider die Legende von der »sauberen Wehrmacht«

Manfred Messerschmidt gilt als Nestor kritischer Militärgeschichte. Der oft angefeindete Historiker konfrontierte Deutschland mit schmerzhaften Wahrheiten über die Nazizeit. Anlässlich seines 100. Geburtstages ist ein Buch mit Texten von und über ihn erschienen

Von Helmut Donat
Foto: Donat-Verlag
Engagiert und nie einer Diskussion ausgewichen: Aufnahme Manfred Messerschmidts aus dem Jahr 1996

Er hat wie kein anderer Historiker und Jurist in der Bundesrepublik Zeitgeschichte geschrieben: Manfred Messerschmidt, dessen Wirken und Haltung noch heute viele beeinflusst. Doch sah es zunächst nicht danach aus. Am 1.Oktober 1926 in Dortmund geboren, war sein Leben vom Tod der Mutter im Kindbett überschattet. Der Vater, als Drucker bei einer Tageszeitung tätig und in große Nöte geraten, vertraute seinen Sohn einer befreundeten, sozialdemokratisch orientierten Bergarbeiterfamilie im Sauerland an. Sie und ihr kommunistisches Umfeld ersetzten dem Jungen das Elternhaus, ließen es ihm an nichts fehlen. Zum Alltag gehörte das Hören des Feindsenders. Später sagte Messerschmidt über seine Pflegefamilie: »Ihr verdanke ich eigentlich alles!«

Mit Schulbeginn holte ihn der Vater wieder zu sich. Auch in dessen Freundeskreis herrschte eine ablehnende Haltung gegenüber den Nazis vor. Nicht konforme Lehrer fanden indes große Wertschätzung. Mit 16 Jahren musste Messerschmidt als Flakhelfer die Schule verlassen. Schon damals wusste er: »Der Krieg ist verloren!« Nach Aufräumarbeiten beim Arbeitsdienst folgte im Juni 1944 seine Einberufung zur Wehrmacht. Als Pionier in einem Bataillon des Ersatzheeres nahm er an einem Lehrgang für Reserveoffiziersbewerber teil, landete schließlich im April 1945 in einer Alarmkompanie bei Minden zwecks Brückensprengungen an der Weser. Kein Soldat seiner Einheit hegte noch Zweifel daran, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Messerschmidt erinnert sich daran in seinem Rückblick »Meine Erfahrungen als Soldat 1944/45«: »Kurz vor Stadthagen, gegen Abend, sagte unser Leutnant, vielleicht am 10./11. April: ›Der Krieg ist zu Ende, Jungs, geht nach Hause!‹ Welch’ schönes Wort! Wir haben das gemacht, uns Zivil besorgt, überhaupt nicht daran gedacht, dass wir jetzt Fahnenflüchtige waren, dann wär’s passiert gewesen. Gottseidank waren es die Amerikaner, die uns geschnappt haben.« Das Erlebnis, »mit leutnantlicher Genehmigung« Deserteur geworden zu sein, hat Messerschmidt nie vergessen.

Nach seiner Gefangenschaft und dem nachgeholten Abitur studierte er Geschichte in Münster und Freiburg, wo er bei Gerhard Ritter mit einer Arbeit über »Deutschland in englischer Sicht« promovierte. Danach war er beim Versicherungskonzern Gerling tätig. Die Bearbeitung einer Reihe von Fällen führte ihm das Fehlen juristischer Kenntnisse vor Augen. Also studierte er erneut und legte 1962 seine zweite juristische Staatsprüfung ab. Charakteristisch daran für Messerschmidt war: Traf er auf Widerstände, wich er ihnen nicht aus, sondern suchte, ihrer Herr zu werden – auch wenn sich der Erfolg erst nach langer Zeit erreichen ließe. Ebenso kennzeichnend für ihn war – so die Erinnerung vieler seiner späteren Mitstreiter –, dass er sich ein besonderes Motto, das von George Orwell, zu eigen machte: »Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen!«

Nach seinem Zweitstudium bewarb sich Messerschmidt bei diversen Bundesministerien. Bei einem Gespräch im Verteidigungsministerium schlug man ihm das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) in Freiburg vor, wo man die Kombination Historiker/Jurist benötigte. Messerschmidt willigte ein, wurde Militärhistoriker und ließ sich damit auf ein »Abenteuer« ein, das ihm weit mehr abverlangte, als er es sich jemals hätte träumen können.

Große Ausnahmeerscheinung

Zunächst arbeitete er sich in die Militärgeschichte der Neuzeit ein, was 1964 in den Band »Offiziere im Bild von Dokumenten aus drei Jahrhunderten« Eingang fand. Danach begann er, sich mit der Wehrmacht in der Nazizeit auf der Grundlage des inzwischen vorliegenden Quellenmaterials zu befassen. 1969 publizierte er das Ergebnis seiner Forschungen in dem Buch »Die Wehrmacht im NS-Staat – Zeit der Indoktrination«, das rasch zu einem Standardwerk avancierte, aber nicht nur ungeteilten Beifall fand. So versah es General a. D. Johann Adolf von Kielmansegg, einst Generalstabsoffizier der Wehrmacht, mit einer umfassenden Einführung, in der er sich von wesentlichen Einsichten des Autors distanzierte und ihm vorhielt, sich nicht adäquat in den »Zeitgeist« eingefühlt zu haben.

Kielmanseggs Sohn – mit denselben Vornamen wie sein Vater und als Bundeswehr-Generalmajor ganz in dessen Fußstapfen – forderte schon 1991, also lange vor Boris Pistorius, in der Zeitschrift Truppenpraxis: »Auf die Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr ist (…) alles auszurichten, Ausbildung, Ausrüstung und Struktur, Ethos, Erziehung, Sinnvermittlung und Motivation müssen sie mit einschließen.« Derlei Verlautbarungen sind indes nicht neu. Dem Beitrag Messerschmidts in dem neuen Buch über »Das Verhältnis von Wehrmacht und NS-Staat und die Frage der Traditionsbildung«, im April 1981 als Beilage in der Reihe »Aus Politik und Zeitgeschichte« erschienen, ist zu entnehmen: Die hohen Ränge und Dienststellen der Bundeswehr orientierten sich bei deren Aufbau mit ihrem Vorschlag zur Herstellung der »Wehrbereitschaft des Volkes« an den Leitlinien der Endphase der Weimarer Republik und an der Nazizeit – verlangten also das, wo wir inzwischen angekommen sind: bei der Sonderrolle des Militärs in Staat und Gesellschaft. Oder, wie es der Volkshochschuldozent und Publizist Oskar Stillich in seinem Manuskript »Militarismus, Pazifismus und Völkerverständigung« ausgedrückt hat: »Militarismus ist (…) ein Zustand, bei dem das Primat des Militärs gegenüber dem Zivil als oberste Staatsräson gilt. Militarismus ist nicht das Vorhandensein von der Verteidigung des Landes dienenden Soldaten, sondern ein System der Vorherrschaft und Überbewertung des Militärischen.« Solche Absichten gab es, wie die Reaktionen auf Messerschmidts »Wehrmacht-Buch« zeigen, nicht zuletzt im MGFA. Und es ist auch nicht neu, dass Intellektuelle aus dem zivilen Lager die ärgsten und schlimmsten Militaristen und Bellizisten sind.

Als die 1968 neu etablierte und 1970 frei gewordene Stelle des im MGFA für die Forschung verantwortlichen »Leitenden Historikers« zu besetzen war, berief Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt Messerschmidt auf den Posten und ernannte ihn zum »Direktor und Professor«. Die Wahl, vor dem Hintergrund der 1969 auf Bundesebene gebildeten sozial-liberalen, reformorientierten Koalition gegen den Willen der konservativen Militärs zustande gekommen, sollte sich – so Wolfram Wette in seinem umfassenden und einfühlsamen Porträt Messerschmidts – als »große Ausnahmeerscheinung« und für die Demokratie in der BRD als »Glücksfall« erweisen. Kaum im Amt, packte er den Auftrag, die wissenschaftliche Qualität der militärgeschichtlichen Forschung zu steigern, beim Schopf und konzipierte das zehnbändige Projekt »Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg«. Indem er die geltende Sichtweise in Frage stellte, konstituierte er eine kritische Militärgeschichtsschreibung, die sich nicht auf eine Organisations- und Kriegshistorie beschränkte, sondern auch Aspekte der Sozial-, Bildungs- und Rechtsgeschichte einbezog. Damit trug er, dabei insbesondere von jüngeren, wissenschafts- und fortschrittsorientierten Kollegen unterstützt, maßgeblich zu dem bald national und international hochgeachteten Ruf des MGFA bei.

Doch längst nicht alle begrüßten es, dass der »Leitende Historiker« unabhängig gegenüber den Militärs war und nur dem Verteidigungsministerium unterstand. Schon bald war die Rede von einer »Roten Zelle Militärgeschichte« im MGFA. Behinderungen durch konservative und extrem rechte Historiker kamen hinzu. Als Messerschmidt und seine Mitstreiter die weitverbreitete Legende von der »sauberen« Wehrmacht, die unbefleckt durch die Zeitläufte marschiert sein soll, widerlegten, nahmen die Proteste der Widersacher zu. Doch Messerschmidt blieb, ungeachtet der Anfeindungen, seinen Einsichten, die längst Allgemeingut sind, treu und verdeutlichte: Die Wehrmacht sei als der »stählerne Garant des NS-Systems« zu betrachten, und der von ihr im Osten geführte Vernichtungskrieg ohnegleichen, der den Holocaust erst ermöglicht habe, müsse als »kriminelles« Ereignis bewertet werden.

Der Wahrheit verpflichtet

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Der erste Band des Reihenwerks, 1979 unter dem Titel »Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges« veröffentlicht, hob die Kontinuitätslinien vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik zum Zweiten Weltkrieg hervor. Selbst amtsintern stieß der von Messerschmidt vorgegebene Weg, die überkommene, »allein auf militärische Abläufe gerichtete Kriegsgeschichte« zu überwinden, auf heftige Kritik. Der militärische Amtschef warf den Verfassern vor, die Weltkriegsgeschichte »auf sozialistisch« umzuschreiben, und verweigerte die Druckerlaubnis. Den von ihm bestellten hauseigenen Gutachten stellte Messerschmidt die von renommierten Weltkriegsforschern aus diversen Ländern entgegen, so dass dem Amtschef nichts anderes übrigblieb, als den Druck freizugeben. Welche öffentliche Wirkung das Buch hervorrief, zeigt die Rezension von Karl-Heinz Janßen, Historiker und Redakteur des Wochenblattes Die Zeit, der am 16. November 1979 schrieb: »Ein großer Wurf, fast eine revolutionäre Tat in der militärgeschichtlichen Forschung. (…) Noch nirgends ist bisher in einer Gesamtdarstellung des Dritten Reiches so klar geworden wie hier, dass alle Politik unter den Nationalsozialisten von Anfang an auf Krieg ausgerichtet war, auch der Bau der Autobahnen, auch die erstrebte Vollmotorisierung (›Volkswagen‹), sogar die sozialpolitischen Leistungen, welche die Arbeiter bei Laune halten sollten.«

Noch mehr geschichtspolitische Auseinandersetzungen löste der vierte Band des Weltkriegswerkes aus, der sich mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion befasste. Ein erbittert ausgetragener Streit über die »Präventivkriegsthese« sowie über die Legende von der »sauberen Wehrmacht« erfasste das MGFA und traf die dortigen Vertreter der Kriegsgeneration ins Mark. Beide Bücher fanden internationale Anerkennung und kamen später in englischer Sprache heraus.

1976 veranlasste der Skandal um die sogenannte Rudel-Affäre Messerschmidt, sich zu Wort zu melden. Vorangegangen war die Einladung von zwei Luftwaffengenerälen an Hans-Ulrich Rudel, den höchstdekorierten Fliegerhelden der Nazizeit, zu einem Treffen ehemaliger Angehöriger eines »Schlachtgeschwaders« auf einem Fliegerhorst in der Nähe Freiburgs. Rudel war bekennender Altnazi und bei der Bundestagswahl 1953 als Spitzenkandidat der extrem rechten »Deutschen Reichspartei« aufgetreten. Als die Generäle Rudels Vergangenheit mit der des SPD-Politikers Herbert Wehner auf eine Stufe stellten, machte Verteidigungsminister Georg Leber die beiden Offiziere zu Frühpensionären. Der Fall warf ein grelles Licht darauf, dass Teile der Bundeswehr es mit ihrer Distanz zur Naziwehrmacht nicht sonderlich ernst nahmen. Im Mai 1979 hielt Messerschmidt in der Evangelischen Akademie Hofgeismar den oben bereits genannten Vortrag zur Traditionsbildung, den die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte und damit einem großen Publikum zugänglich machte. Deutlich verlautbarte Messerschmidt darin: »Kein gültiges Erbe – Weil die Wehrmacht Hitlers Regime überzeugt bejahte, verbieten sich die Jahre 1933–1945 für eine Traditionspflege der Bundeswehr!«

Zwei Jahre nach der Rudel-Affäre schlug der Filbinger-Skandal wie eine Bombe ein. Der württembergische CDU-Ministerpräsident Hans Filbinger hatte als Marinerichter an Todesurteilen für Deserteure und deren Vollstreckung mitgewirkt, unter anderem noch im März 1945. Er rechtfertigte sich mit dem Spruch: »Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein!« Eine höchst peinliche und dümmliche Erklärung, die die Affäre erst recht hochkochen ließ. Filbinger wandte sich an Messerschmidt mit dem Ansinnen, ihm ein entlastendes Gutachten zu schreiben, worauf dieser ihm, weil er dem Unrecht nicht die Hand reichen wollte, entgegenhielt: »Als Historiker bin ich der Wahrheit verpflichtet!«

Widerlegt wurde er nie

Eine besondere Rolle spielte Messerschmidt in der Waldheim-Affäre 1987/88 als Mitglied der internationalen Waldheim-Kommission, in der er, wie Walter Manoschek sich in seinem Beitrag »Manfred Messerschmidts Spuren in Österreich« erinnert, »die treibende Kraft war«. Es ging darum, aufzuklären, ob und inwieweit der österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim an kriegsverbrecherischen Maßnahmen und an der Judenverfolgung seitens der Wehrmacht, insbesondere in Griechenland, beteiligt gewesen war. Der »Waldheim-Report« gelangte zu dem Ergebnis, dass Waldheim zwar »keine Verbrechen begangen, aber Detailkenntnisse von Mordbefehlen, Deportationen und Morden in seiner Umgebung gehabt (…) sowie deren Ausführung einige Male erleichtert habe«. Dazu zählen die Überstellung ziviler Gefangener an die SS zur Ausbeutung als Zwangsarbeiter, die Massendeportation von Zivilisten in Konzentrations- und Vernichtungslager – darunter Juden von griechischen Inseln und der Stadt Banja Luka in Jugoslawien –, die Verbreitung antisemitischer Propaganda, die Misshandlung und Hinrichtung alliierter Kriegsgefangener sowie Vergeltungshinrichtungen von Geiseln und anderen Zivilisten. Ausführlich kommentierte die österreichische und internationale Presse den Fall und würdigte Messerschmidt als einen Historiker, dem die wissenschaftliche Aufklärung mehr bedeute als das Hinwegsehen über politische Fehlleistungen und das Verschweigen von Untaten.

Ebenfalls über Deutschlands Grenzen hinweg fand sein Bemühen um eine Rehabilitierung Carl von Ossietzkys viel Beifall. Wie die Juristen Ingo Müller und Eckart Rottka setzte er sich 1992 als Gutachter für eine Wiederaufnahme des Weltbühne-Prozesses von 1931 und für die Rehabilitierung des Pazifisten ein. Wie Messerschmidts Studie »Militärkritik in der ›Weltbühne‹«, nachlesbar in dem neuen Buch, zu entnehmen ist, wusste das Reichsgericht genau, dass Ossietzky keinen Landesverrat begangen hatte, weil die Aufklärung über geheime Rüstungen im Einklang mit der Reichsverfassung stand. Dennoch wurde er verurteilt. Messerschmidts Gutachten führte den entsprechenden Nachweis. Gleichwohl lehnte der Bundesgerichtshof (BGH) eine Wiederaufnahme des Verfahrens ab, bestätigte damit die Fehlleistung des Reichsgerichts, schützte das Militär und bestrafte den Pazifisten erneut. Maßgeblich für die Entscheidung des BGH war, so Ingo Müller in seinem Beitrag »Manfred Messerschmidt – Gutachter für Ossietzky«, das »damalige Rechtsverständnis«. Damit orientierte es sich 1992 – welche Fehlleistung! – an dem Filbinger-Spruch aus dem Jahre 1978.

Als Auftakt zu einer sich über Jahrzehnte hinweg streckenden Kontroverse erwies sich das von Messerschmidt und Fritz Wüllner 1987 publizierte Buch »Die Wehrmachtsjustiz im Dienst des Nationalsozialismus – Zerstörung einer Legende« – zugleich als ein vernichtendes Urteil über die mörderische Militärjustiz der Nazizeit. Die »Stahlhelm-Fraktion« im MGFA, bestehend aus ehemaligen Wehrmachtsoffizieren und Altnazis, wehrte sich vehement gegen das »Trojanische Pferd« in der Bundeswehr und warf ihm mitsamt seinen Mitstreitern vor, die Soldaten zu diffamieren und die Geschichte zu verfälschen, so im Deutschland-Magazin vom 1. Mai 1988, Organ der extrem rechten Partei »Die Deutschen Konservativen«. Messerschmidt galt als »Agitator gegen die deutsche Wehrmacht und gegen das Soldatentum schlechthin«. Zu der ihm »treu ergebenen« Gruppe »linker Ideologen« gehörten unter anderem Wilhelm Deist, Wolfram Wette, Gerd R. Ueberschär und Rolf-Dieter Müller. Sie »verleumden die deutsche Wehrmacht pauschal als Verbrecherorganisation, verunglimpfen den einstigen Reichswehrminister G. Noske, sehen jedes Traditionsbewusstsein bis weit in die Kaiserzeit hinein als verwerflich an und propagieren ein Geschichtsbild, das jede Verurteilung sowjetischer Verbrechen zu unterdrücken trachtet«.

Ins gleiche Horn stieß der »Verband deutscher Soldaten«, der in seinem Organ Volk und Staat Messerschmidt und seinen Mitarbeitern Lügen vorhielt und forderte, ihn des Amtes zu entheben, weil er unter anderem »das deutsche Soldatentum« beleidigt habe. Doch wie sehr seine Publikationen auch mit Kontroversen einhergingen, »alles, was der Historiker und Jurist schrieb«, betont Wolfram Wette, einer seiner engsten Mitarbeiter im MGFA, »hatte Bestand, weil es auf Primärquellen beruhte und damit ›wasserdicht‹ belegt war. Seine Kritiker mochten ihn verleumden, widerlegen konnten sie ihn damals bis heute nicht.«

Für die Opfer der Militärjustiz

1988 stimmte Messerschmidt seiner Frühpensionierung zu. Offenbar war er der Anfeindungen und des zermürbenden Zwistes müde. Doch die Hoffnung seiner Gegner und seiner vielen Feinde, endlich eine lästige Stimme los zu sein, erfüllte sich nicht. Von den Zwängen des Amtes befreit, wurde er, so Joachim Käppner, »für die Geschichtswissenschaft noch wichtiger als je zuvor« – sowie für den politisch-historischen Diskurs in wichtigen Fragen. Als Gutachter, Redner, Berater und Autor wirkte Messerschmidt mit noch mehr Elan weiter. 1990 gründete er mit Ludwig Baumann, einem der vielen verurteilten Deserteure, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verband, die »Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz« in Bremen. Ihr stand Messerschmidt als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats bis 2011, danach als dessen Ehrenvorsitzender bis zu seinem Tod im Dezember 2022 vor. Sein weitgespanntes Engagement für die Rehabilitierung der Opfer der Militärjustiz half den Parteien von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und PDS, auf diesem Gebiet schrittweise und gegen den zähen Widerstand von CDU, CSU und FDP Erfolge zu erzielen. Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) schreibt über Messerschmidt in dem neuen Buch: »Es besteht kein rechtlicher Zweifel mehr daran, dass die Nazigerichtsbarkeit in allen Ausprägungen Teil des verbrecherischen Unrechtssystems war. Das gilt besonders für die Wehrmachtsjustiz. Diese Erkenntnis und ihre Anerkennung verdanken wir in hohem Maße den Aktivitäten von Manfred Messerschmidt. Er war uns ein Vorbild und hat (…) uns stets unterstützt und ermutigt – und er wird mit Recht als eine der Lichtgestalten in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen.«

Im Rahmen der »Wehrmachtsausstellung« verteidigte er die Aussagen des Hamburger Instituts für Sozialforschung und von Hannes Heer zum »Vernichtungskrieg«. Der damalige Vorsitzende des Verbandes deutscher Soldaten, General Jürgen Schreiber, feindete Messerschmidt mehrfach an und bezeichnete ihn 1996 als »Vortragsreisenden in Sachen Wehrmachtsverleumdung«. Im Kontrast dazu stand sein internationaler Rang. Von 1973 bis 1988 war er Präsident der »Société Internationale de Droit Pénal Militaire et de Droit de la Guerre« (Internationale Gesellschaft für Wehrrecht und Kriegsvölkerrecht) sowie Generalsekretär des »Comité d’histoire de la Deuxième Guerre Mondiale« (Deutsches Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges). Zudem wirkte er als stellvertretender Vorsitzender der »Stiftung Deutsches Holocaust-Museum« in Hannover mit. Als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der »Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas« initiierte er die Wanderausstellung »Was damals Recht war … Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht«, die bislang in meist mehrwöchigen Präsentationen in Deutschland und den Nachbarländern gezeigt worden ist.

Nach langen Kontroversen und zähem Widerstand von CDU/CSU und FDP hob der Bundestag zunächst 1998 die Urteile gegen Kriegsdienstverweigerer, 2002 gegen Deserteure auf, und im September 2009 rehabilitierte er einstimmig auch die wegen »Kriegsverrats« verurteilten Opfer der Nazis. Messerschmidt hat in hohem Maße zu diesem Erfolg beigetragen!

Viele in Politik, Wissenschaft und Geistesleben sind von ihm, seinem Wirken, Mut und Durchhaltevermögen, seiner Geradlinigkeit und Überzeugungskraft, Wahrheitsliebe und Bescheidenheit beeinflusst worden. Einige von ihnen haben ihre Verbundenheit durch Beiträge in dem neuen Buch eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht; sie sehen in ihm einen Historiker und Menschen, der ihnen Vorbild gewesen ist. So etwa für Walter Manoschek, der an der Wiener Universität lehrte. Für ihn und seine »wissenschaftliche Laufbahn ist er neben Raul Hilberg am ausschlaggebendsten gewesen«. Dem Beispiel in der BRD folgend, entstand auch in Österreich eine Initiative, die es schließlich ebenfalls erreichte, dass alle Unrechtsurteile gegen Deserteure und andere Verfolgte der Wehrmachtsgerichte endgültig aufgehoben wurden. Am Wiener Ballhausplatz, einem der politisch prominentesten Plätze Wiens, zwischen dem Bundeskanzleramt, der Bundespräsidentschaftskanzlei und der Hofburg gelegen, erinnert seit 2024 ein überdimensionales Denkmal daran: »Aus heutiger Sicht ist die Desertion ein Stück Widerstand!« – so der Titel von Messerschmidts Rede für Ludwig Baumann 2011 im Bremer Rathaus.

Geschichtsvergessenheit

Die Auffassungen der »Stahlhelm-Fraktion« in Sachen »sauberer Wehrmacht« spielen, von Ausnahmen abgesehen, in der Geschichtsschreibung keine Rolle mehr. Fragt sich: Wie lange noch? Mit der Zeit der »Friedenskultur« ist es vorbei. Es geht um »Kriegstüchtigkeit«. Die Rüstungsindustrie schwelgt in Goldgräberstimmung. Das Denken in Gewalt- und Freund-Feind-Kategorien breitet sich weiter aus. Die Geschichtsvergessenheit greift immer mehr um sich. Im August 2026 hat die AfD »eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Erinnerungskultur« gefordert; sie und die bisherige Gedenkstättenkonzeption dürften nicht »länger einseitig« von der Erinnerung an den Nazi- und SED-Unrechtsstaat geprägt sein und dürften, so heißt es in ihrem Antrag an den Bundestag, der »Identifikation mit unserer schönen Heimat, seinen Menschen, unserer Kultur und Gesellschaft, nicht im Wege stehen«. Björn Höckes Verlangen aus dem Jahr 2017 nach einer »erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad« in der deutschen Gedenk- und Geschichtskultur und seine Rede von der Aufarbeitung des Hitlerfaschismus als »dämliche Bewältigungspolitik«, die das Volk lähme, brechen sich in neuem Gewand Bahn. Die Schlussstrichmentalität soll zum Gesetz erhoben werden. Ebenso lässt Alexander Gaulands Verharmlosung grüßen, der Nazizeit, den Naziverbrechen und der Nazivernichtungspolitik zu bescheinigen, nichts weiter als ein »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte zu sein. Von dem respekt- und würdelosen, fahrlässigen und undeutschen Umgang mit den Opfern, der mit einer solchen »Wende« – weg von der sogenannten Schuldkultur, hin zu einer Traditionspflege völkischer Machart – einherginge, wären auch die Einsichten Manfred Messerschmidts betroffen. Mehr als ein Grund, die Erinnerung an ihn und sein Lebenswerk wachzuhalten.

→ Wolfram Wette/Günter Knebel/Detlef Garbe (Hrsg.): Manfred Messerschmidt – Historiker, Aufklärer, Vorbild – Mit Beiträgen von und über Manfred Messerschmidt. Donat-Verlag, Bremen 2026, 336 S., 73 Abb., 29,80 Euro (Schriftenreihe Geschichte & Frieden, Bd. 56)

→ Helmut Donat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 23. März 2026 über den Friedenspfarrer Hartmut Drewes: »An der Seite der Schwachen«

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.10.2026, Seite 12, Thema

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