Zum Inhalt der Seite

Brief aus Havanna: Jeder Tag, den wir überleben, ist ein Sieg

Foto: Norlys Perez/REUTERS
Wasserholen während eines Stromausfalls in Havanna (14.7.2026)

Auf der Solidaritätsveranstaltung von »Unblock Cuba« wurde am Mittwoch in der jW-Maigalerie ein Brief der in Havanna lebenden Redakteurin der deutschsprachigen Granma, Renate Fausten, verlesen:

(…) Die Fahrt vom Flughafen nach Hause war »spooky«, wie meine Kinder sagen würden. Alles war wie ausgestorben, kaum ein Auto unterwegs, und die Trostlosigkeit übertrug sich auch auf unsere Taxifahrerin, die ihre Verzweiflung über die Situation »unserer schönen Insel« zum Ausdruck brachte. (…) Auch über eine Woche danach ist es uns noch nicht gelungen, Brot ausfindig zu machen. (…) Wir suchen weiter und ernähren uns inzwischen von Crackern.

In derselben Woche ist das Stromnetz dreimal zusammengebrochen. 50 Stunden ohne Strom, Kühlschränke haben ihren Sinn verloren. Was vom Essen übrig bleibt, muss sofort weggeworfen werden. Es gibt viele Leute mit Magen-Darm-Problemen, weil sie Lebensmittel zu sich genommen haben, die eigentlich schon verdorben waren. Besonders katastrophal ist die Lage der Menschen, die in Hochhäusern wohnen, und davon gibt es in Havanna eine ganze Menge. Junge und körperlich fitte Leute können 28 oder 30 Stockwerke z. B. im Focsa hochsteigen. Aber was machen die anderen? (…) Besonders dramatisch ist die Tatsache, dass auch die Wasserversorgung vom Strom abhängt. Man wagt sich kaum vorzustellen, wie das ist, auch nur zwei Fünfliterkanister die ganzen Treppen hochschleppen zu müssen. (…)

Anzeige

Bei all dem ist es immer wieder faszinierend zu sehen, wie das Land trotz allem noch irgendwie funktioniert. Sicher sind viele Leute deprimiert, weil sie kein Ende der schwierigen Lage absehen können. Aber es singt und klingt weiter, Kulturveranstaltungen finden statt, sogar die Buchmesse versuchen sie irgendwie hinzukriegen, die Schulsportveranstaltungen, um die Kinder während der Ferien auch ohne Strom zu beschäftigen. Wer glaubt, alle würden sich in Verzweiflung die Haare raufen, liegt falsch, obwohl es natürlich Situationen gibt, in denen die Verzweiflung durchbricht. Auch bei uns an der Arbeitsstelle, wo wir ohne Strom bzw. mit dem bisschen Strom, den uns die Solaranlage liefert, sieben verschiedene Zeitungen herausbringen mussten, hatte ich die Hoffnung längst aufgegeben. Die kubanische Leitung strahlte aber weiter Optimismus aus und wirklich, irgendwie mit etwas Verspätung, klappte dann doch noch alles.

Aber die Leute machen sich nichts vor. Sie wissen instinktiv, dass Kuba trotz aller offiziellen Verlautbarungen der Regierung sehr wohl allein ist. Das betrifft nicht die Solidaritätsbewegungen, von denen einige wirklich Übermenschliches leisten. Denen bringt man große Dankbarkeit entgegen. Aber man sieht sehr wohl, dass sie das Problem nicht lösen können. Denn sie können uns keine Tanker schicken, und alle, die es könnten, kneifen aus Angst. Wunderschöne Worte in der UNO-Generalversammlung, die alle die Aufhebung insbesondere der Energieblockade fordern – aber es folgt nichts. Sie lassen uns alle verhungern und gucken zu. Für Angolas Unabhängigkeit und sein Recht auf die eigenen Ölressourcen haben Tausende Kubaner ihr Leben gelassen. Außer mitfühlenden Worten für unsere dramatische Lage kommt von Angola nichts. (…) Wichtige Ersatzteile für unser Kraftwerk lagern in einem Schiff in Frankreich. Die Reederei weigert sich, die bereits bezahlte Ware nach Kuba zu liefern. (…) Alle sind paralysiert wie das Kaninchen vor der Schlange. Keiner wagt es, die USA herauszufordern. (…) Unterdessen harren wir hier aus. Jeder Tag, den wir überleben, ist ein Sieg.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 17.07.2026, Seite 3, Abgeschrieben

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!