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19.05.2026, 18:53:33
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Wettlauf gegen die Zeit in Görlitz
Görlitz. Die Suche nach den Vermissten in dem eingestürzten Haus in Görlitz gleicht einem Wettlauf gegen die Zeit. Die Einsatzkräfte sehen bei den möglicherweise drei Verschütteten eine Überlebenschance für bis zu 72 Stunden. »Wir sprechen immer noch von einer Vermisstensuche und nicht von einer Bergung«, sagte ein Polizeisprecher. Auch fast 24 Stunden nach dem Einsturz fehlte von zwei Frauen und einem Mann jegliches Lebenszeichen.
Bei der Suche nach den drei Vermissten nach dem Einsturz des Gründerzeithauses werden auch spezielle Spürhunde eingesetzt. »Die Hunde schlagen bei Lebenszeichen an, was sie gestern auch gemacht haben«, erläuterte der Einsatzleiter der Feuerwehr Görlitz, Remo Kölzsch.
Auch am Tag nach dem Einsturz schlugen sie an. Dies lasse allerdings keine Rückschlüsse auf den Zustand der Vermissten zu, erklärte die Leiterin der Feuerwehr in Görlitz, Anja Weigel. »Die Anzahl der Stellen sagt nicht aus, wie viele Menschen da liegen.« Weil eine Explosion angenommen wird, müsse immer auch davon ausgegangen werden, dass einzelne Körperteile gefunden werden.
Die Einsatzkräfte aus Deutschland und Polen, darunter auch Ehrenamtliche, arbeiten sich mit Schaufeln und bloßen Händen durch den Trümmerberg. »Der Einsatz von großen Baggern würde die verschütteten Menschen mehr gefährden«, betonte Kölzsch. Eine große Gefahr bei der Rettungsaktion sei, dass sich nach wie vor Gas in Hohlräumen befinden könnte. Am Dienstag nachmittag wurde dann auch ein Kran eingesetzt, der größere Holzbalken bewegte.
Das Haus stürzte am frühen Montag abend ein. Vermisst werden noch zwei rumänische Touristinnen im Alter von 25 und 26 Jahren und ein 48 Jahre alter Mann mit bulgarischer und deutscher Staatsangehörigkeit, der sich aus beruflichen Gründen in Görlitz aufgehalten hatte. Zwei der ursprünglich fünf Vermissten waren kurz nach Mitternacht aufgetaucht – die beiden Feriengäste waren noch auf der Anreise. In dem eingestürzten Haus befanden sich nach Angaben der Polizei Miet- und Ferienwohnungen.
Die gesamte James-von-Moltke-Straße unweit des Görlitzer Bahnhofs ist abgesperrt, zahlreiche Einsatzfahrzeuge des THW und der Feuerwehr stehen bereit. Die vor dem Einsturz dort noch geparkten Autos sind mit einer feinen Staubschicht bedeckt. Ein Bagger mit einem langen Greifarm zieht vorsichtig Trümmer an die Seite und mehrere Einsatzkräfte des THW graben mit Schaufeln und bloßen Händen die Trümmer zur Seite.
Die genaue Ursache des Unglücks steht noch nicht fest. »Aber es sieht nach einer Gasexplosion aus«, sagte der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu. »Es war eine lange und herausfordernde Nacht. Die Lebensrettung steht an erster Stelle«, betonte der CDU-Politiker. Insgesamt waren am Vortag 140 Einsatzkräfte am Unglücksort. Unterstützung komme von allen Seiten. Zudem seien Höhenretter im Einsatz.
Die Arbeit der Einsatzkräfte wurde dadurch erschwert, dass Gas austritt. Die Stadtwerke hatten eigenen Angaben nach am Dienstagnachmittag die Gaszufuhr in dem betroffenen Bereich abgestellt, einer Polizeisprecherin zufolge werden die Arbeiten dadurch allerdings weiter eingeschränkt. »Das Problem besteht immer noch.«
In der Nacht waren fünf Hunde im Einsatz – nach Feuerwehrangaben krochen sie in kleinste Höhlen. Die Tiere wurden am Dienstagmorgen abgelöst. Der Einsatz werde mindestens den ganzen Tag, zur Not auch die kommende Nacht andauern. Die Überlebenschance liege bei diesen Temperaturen bei 72 Stunden, sagte Raik Schulze, Leiter des Führungsstabes der Polizeidirektion Görlitz.
Baustatiker waren vor Ort, Häuser links und rechts der Einsturzstelle können später wieder bezogen werden, aber nicht, bevor die Personensuche abgeschlossen ist. Von den 54 Leuten, die von der Evakuierung betroffen sind, sind vier in einer städtischen Villa untergebracht.
Eine Anwohnerin beschreibt am Tag danach die Explosion und wieviel Rauch durch das gekippte Balkonfenster in ihre Wohnung zog. »Es war wie so eine Bombe«, sagte Kerstin Wauer. Ein anderer Anwohner sagte dem Sender Radio Lausitz, es habe einen großen Knall und eine große Erschütterung gegeben.
»Ich bin instinktiv erst mal unter den Tisch gekrabbelt und habe dann den Notruf gewählt«, betonte er. Vom Balkon aus habe er schreiende Menschen vernommen. »Als gelernter Klempner habe ich gleich an Gasexplosion gedacht.« Ein anderer Augenzeuge sagte: »Ich dachte schon, bei uns fällt ebenfalls das Haus ein, das hat so einen Hieb gegeben.«
Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands, sie liegt in der sächsischen Oberlausitz direkt an der Neiße und hat 57.000 Einwohner. Seit 1998 bildet Görlitz zusammen mit der östlich gelegenen polnischen Nachbarstadt Zgorzelec eine grenzüberschreitende Europastadt. Wegen der historischen unzerstörten Altstadtkulisse ist die Stadt auch ein gefragter Drehort für internationale Filmproduktionen. (dpa/jW)
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