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09.05.2026
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Labour Party im freien Fall
Kommunal- und Regionalwahlen in Großbritannien. Sozialdemokraten und Konservative mit herben Verlusten. Rechtspartei Reform UK mit erheblichen Zugewinnen
Krasse Zugewinne für die ultrarechte Partei Reform UK, verheerende Einbrüche bei Labour, dramatische Verluste auch bei den Tories und einige bemerkenswerte Erfolge für die Grünen: Die wesentlichen Ergebnisse der Kommunal- und Regionalwahlen am Donnerstag in Großbritannien standen am Freitag nachmittag bereits fest, auch wenn bei weitem noch nicht alle Stimmen in allen Wahllokalen ausgezählt waren. Nur in Teilen des Landes wurde gewählt. Insgesamt wurden mehr als 5.000 Sitze in Kommunal- und Regionalparlamenten in 136 Gebietskörperschaften sowie sechs Bürgermeisterposten in und bei London vergeben. Bis zum Mittag konnte sich Reform UK knapp 30 Prozent der bis dahin ausgezählten Parlamentssitze sichern, Labour fiel sogar etwas hinter die Tories und die Liberal Democrats zurück und brachte kaum mehr als die Hälfte der Sitzzahl von Reform UK zustande. Die Partei, die vor nicht einmal zehn Jahren unter Jeremy Corbyn noch ihre stärksten Ergebnisse seit Ende der 1990er Jahre eingefahren hatte, befindet sich im freien Fall.
Dabei bestätigen die Ergebnisse der Wahl vom Donnerstag, dass die traditionelle Labour-Wählerschaft sich in unterschiedliche Richtungen bewegt. Im Londoner Stadtteil Hackney etwa, einst Arbeiterviertel, heute stark gentrifiziert, wurde erstmals eine Kandidatin der Grünen zur Bürgermeisterin gewählt; die finanziell oft gutgestellten linksliberalen Milieus des Bezirks hatten vor vier Jahren noch einem Labour-Politiker 60 Prozent verschafft. Ein ähnliches Bild ergab sich in den schickeren Gegenden in Manchester. Anders lief es in verarmten, politisch abgehängten Arbeiterbezirken wie dem benachbarten Salford: Bei den dort vergebenen 21 Sitzen stürzte Labour von 16 auf drei ab, Reform UK sprang von null auf 13. Parteichef Keir Starmer, in den meisten Spektren der bisherigen Labour-Klientel verhasst, bekräftigte am Freitag, er denke nicht daran, zurückzutreten. Das Wahlergebnis könnte allerdings den Selbsterhaltungstrieb der Labour-Funktionärsriege triggern.
Nigel Farage, Chef von Reform UK und unbestrittener Wahlsieger, wies am Freitag in Havering darauf hin, seine Partei habe nicht nur in Bezirken wie Salford drastisch zulegen können. Reform UK konnte auch in Havering, einem östlichen Außenbezirk von London – dort gelegen, wo die Stadt in die kleinbürgerlich-reaktionären ländlichen Gebiete von Essex übergeht –, einen Erdrutschsieg feiern, mit dem sie erstmals die Kontrolle über einen Hauptstadtbezirk erlangte. Das ging größtenteils auf Kosten der Tories, die von 40 Prozent der Sitze im Bezirksparlament auf Null abstürzten. Farage konstatierte in Havering – der Sache nach zutreffend –, seine ultrarechte Partei sei nun in der Lage, in traditionell konservativen Gebieten ebenso zu gewinnen wie in einst stark an Labour gebundenen Arbeiterbezirken. Tory-Chefin Kemi Badenoch kündigte am Freitag dennoch wie Starmer an, trotz der Einbrüche ihrer Partei an ihrem Posten festhalten zu wollen. Sie erklärte, »überall Zeichen der Erneuerung« der Conservative Party erkennen zu können.
Zu den Erkenntnissen, die man bereits am Freitag nachmittag aus den Wahlergebnissen ziehen konnte, gehört auch, dass das traditionelle britische Zweiparteiensystem dem Ende entgegengeht. Es sei »mausetot«, jubelte Zack Polanski. Dem Grünen-Chef gelingt es bislang in der Tat, seine Partei in linksliberalen Milieus fest zu etablieren; mit Positionen etwa zu Palästina freilich, die bei den deutschen Grünen auf das schärfste als »linksextremistisch« verurteilt und mit dem sofortigen Hinauswurf aus der Partei quittiert würden.
Heftige Verluste wurden Labour auch bei den Wahlen in Schottland und Wales vorhergesagt. Ergebnisse lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.
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