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07.05.2026
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»Es fehlt ein flächendeckendes System zur Talentsuche«
Sportwissenschaftler Ronny Fudel vom IAT Leipzig über Tücken und Herausforderungen des Nachwuchsleistungssports
Vom 11. bis 13. Mai veranstaltet Ihr Fachbereich im Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) zum vierten Mal ein Nachwuchsleistungssportsymposium. Was steht diesmal im Zentrum?
Unter dem Titel »Gemeinsam groß werden« sollen die Ergebnisse verschiedener IAT-Projekte seit 2022 präsentiert werden, die in den verschiedensten Bereichen der Talentidentifikation und -entwicklung stattgefunden haben, von Biathlon, Ski nordisch über Snowboard bis zu Kanuslalom und Wasserspringen. Hauptsächlich handelt es sich um die sportmotorischen Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen verschiedenen Alters in der Altersstufe U16. Zugleich wird den Teilnehmern, die aus allen Verantwortungsebenen des Nachwuchsleistungssports kommen, ein neues »Rahmenmodell für eine ganzeinheitliche Entfaltung von Athletinnen und Athleten« vorgestellt, mit dessen Hilfe das aktuelle Konzept aus dem Jahr 2012 weiterentwickelt und zeitgemäß angepasst werden soll. Wir nehmen uns damit erfolgreiche Sportnationen wie Frankreich oder Kanada zum Vorbild.
Inwiefern?
Indem wir uns beim Thema Nachwuchs und Leistungssport einer ganzheitlichen Betrachtung verpflichtet fühlen. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist wichtig, dass Talente altersgerecht identifiziert und gefördert werden. Gerade im jugendlichen Alter sind Faktoren wie das biologische Alter, technische Fähigkeiten und athletische Grundlagen viel stärker zu beachten und in der Beurteilung zu berücksichtigen als nur Wettkampfergebnisse. Die Entwicklung von Talenten ist komplexe Puzzlearbeit, die vor allem von ihrer Ganzheitlichkeit aus Schul-, Vereins- und Breitensport geprägt wird und viel Geduld erfordert. Diese komplexe Sicht ist in Deutschland zu wenig ausgeprägt. Eine Spezialisierung auf einzelne Sportarten setzt oft früh ein, statt beim Nachwuchs zunächst einmal eine bestmögliche Grundsportlichkeit herauszubilden. Wir müssen uns da breiter aufstellen. Das ist auch ganz im Sinne der Eltern, die ihre Kinder zum Sport schicken und bei Vereinen anmelden. Sie tun das ja nicht mit der Absicht, aus ihnen Spitzensportler zu machen, sondern damit Kinder zunächst ihren Bewegungsdrang ausleben und auf diese Weise zugleich sozialisiert werden. Diese Motivation bei den Eltern müssen wir stärker als bisher mitdenken. Wenn Eltern den Eindruck haben, ihre Kinder sollen schon früh Leistungssportler werden, dann kann das abschreckend wirken. Kein Fünfjähriger soll zum Spitzenathleten ausgebildet werden, aber er sollte viele kindgerechte Sportangebote bekommen.
Andererseits ist klar, dass etwa im Turnen, Schwimmen oder im Eiskunstlaufen im frühen Alter beginnen muss, wer es zu Weltklasse bringen will.
Das ist richtig, deshalb gilt immer eine sportartenspezifische Betrachtung. Deshalb ist es genauso vorstellbar, dass jemand nach einem schweren Unfall seine leistungssportliche Karriere im paralympischen Sport erst mit Mitte 20 beginnt. Der Einstieg in den Leistungssport kennt nicht generell ein bestimmtes Alter, sondern hängt immer von den jeweiligen persönlichen Voraussetzungen ab.
Die erste Phase wäre, Kinder zu sportlicher Betätigung zu bringen. Die zweite Phase wäre, Talente zu entdecken und die dritte, sie zu entwickeln. Mancher meint vor diesem Hintergrund sarkastisch, dass Deutschland bei eventuellen olympischen Heimspielen 2036, 2040 oder 2044 kaum noch über genügend Olympioniken verfügen wird. Wie steht es um den leistungssportlichen Nachwuchs?
Nach der Datenlage und unseren Projekterfahrungen ist im Vereinssport eine sehr große Zahl von Kindern aktiv, zirka die Hälfte von ihnen, wobei wir hier nicht von Leistungssport sprechen. Die Kunst besteht darin, die Talente unter ihnen zu entdecken und behutsam zu fördern. Leider fehlt ein flächendeckendes System zur Talentsuche. In elf von 16 Bundesländern gibt es sogenannte Bewegungschecks oder es werden in deren Folge Bewegungstage wie in Gera veranstaltet. Das alles ist eher Stückwerk, geht auf einzelne Initiativen von Landessportbünden, Kommunen oder Schulen zurück. Die gezielte Sichtung von Talenten ist Aufgabe der einzelnen Spitzenverbände.
Gibt es für den Nachwuchsleistungssport speziell ausgebildete Trainer?
Von allen Trainerinnen und Trainern im gesamten Leistungssportsystem sind zwar rund 70 Prozent im Nachwuchsbereich tätig, aber die Inhalte ihrer Ausbildung sind noch immer viel zu sehr auf die Arbeit mit Erwachsenen ausgerichtet. An der Trainerakademie in Köln gibt es inzwischen gute Ansätze, das zu ändern. Doch insgesamt gehört dieses Thema deutlicher in den Fokus. Zum Beispiel ist wesentlicher Grund für den vorzeitigen Ausstieg von Talenten aus dem Leistungssport eine mangelhafte Kommunikation zwischen Trainern und ihren Schützlingen. Häufig haben nach unseren Erkenntnissen beide Seiten unterschiedliche Auffassungen von Leistungs- und Zukunftsperspektiven der Athleten. Das führt bei den jungen Sportlern zu Unzufriedenheit, Frust und Demotivation. Das ist sehr bedauerlich und wurde bereits bei einem früheren IAT-Symposium zur Sprache gebracht.
Werden Neuheiten präsentiert?
Da wäre unsere geplante Datenbank für sämtliche »Eliteschulen des Sports« zu nennen, die auf diese Weise künftig miteinander vernetzt werden sollen. Diese Spezialschulen könnten dann intensiver voneinander lernen und sich weiter profilieren, sie könnten sich beispielsweise über Ernährungsfragen oder Best-Practice-Beispiele austauschen. Neu im Bereich Wissenstransfer ist ebenfalls, dass wir für Verbände die Daten über sämtliche Förderstrukturen und -möglichkeiten im Nachwuchsleistungssport aufbereiten. Das Ziel ist eine Gesamtübersicht, die es bisher nicht gibt. Neue Ideen betreffen ebenso innovative Messsysteme für den Nachwuchsleistungssport.
Ronny Fudel (37) studierte an der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig und ist seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Nachwuchsleistungssport am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT).
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