Vor der Ruhe
Von Roland Adelmann
Daniel Dubbe, einer der dienstältesten noch lebenden Independentschriftsteller, ist bislang nicht mit Lyrik aufgefallen. Der Glanz seines Schaffens sind seine Kurzgeschichten und Romane, nicht zuletzt auch zwei Drehbücher für Uwe Schrader. Dabei stand er lange im Schatten seiner zum Teil berühmten Undergroundkollegen wie Rolf Dieter Brinkmann, Kiev Stingl oder Christoph Derschau, mit denen er in den 1970ern den bundesrepublikanischen Literaturbetrieb gehörig durcheinanderwirbelte, als er unter anderem die Literaturzeitschrift Boa Vista mitherausgab.
Der Band »Stopps & Stationen« ist sein Lyrikdebüt, das eine Auswahl seiner zwischen 1972 und 2024 geschriebenen Gedichte bietet. Die beiden Opener »Gefährtin« und »Maitresse«, die mutmaßlich im Jahr 1972 entstanden sind, dürften wohl mit zu den ersten aus seiner Sicht ernstzunehmenden literarischen Texten gehören. Während »Gefährtin« eine komplizierte Beziehung beschreibt (»Du gehörst jetzt dir / frönst deinen Eigensinn / überhörst meine Stimme«), wirft »Maitresse« Fragen nach der Zukunft auf und stellt fest, dass die Menschheit nur Beiwerk ist. Beide Texte deuten an, dass Dubbe die Welt um sich herum mit kritischem Blick betrachtet, aber noch weit entfernt ist von der Explosivität seiner US-amerikanischen Vorbilder. Bezeichnenderweise verwendet er kein einziges Wort, das in der damaligen Spießerrealität unter Umständen zensiert worden wäre.
Sprung ins Jahr 1976. Das Gedicht »Vor der Ruhe« zeigt deutlichere Spuren seiner literarischen Heimat: »mich ekelt die Farbe der Wände / mich ekelt die ganze schmutzige / Stadt mit ihren ekelhaften Bewohnern / mich ekelt die Presse«. Die Zeilen erinnern stark an die niederwälzende Zivilisationskritik von Brinkmann, dessen Meisterwerk »Westwärts 1&2« 1975 veröffentlicht wurde. Dubbe bezieht hier klar Stellung zu den gesellschaftlichen Umwälzungen, die spätestens 1968 losgetreten wurden und die in den 70ern bedingungslos durchgesetzt werden sollten. Auch die Anordnung der Zeilen, die bei Brinkmann oft nebeneinander gelagert Handlungsstränge erzählen, und die von ihm eingeführte »Schnappschussmethodik« übernimmt er:
»Entbehrung« War Freiheit übers Meer
»Askese« zu paddeln In Deutschland
Sind alle kaputt
Alles im Überfluß
Die scheinbare Zufälligkeit der einzelnen Passagen erinnert an die Cut-up-Technik, die in Anschluss an Brion Gysin während der 60er Jahre im literarischen Underground populär wurde. Auf den ersten Blick entbehren Cut-up-Texte einen roten Faden, erzeugen aber durch ihre Verknüpfung neue Inhalte. Dubbe widersteht der Versuchung, die Radikalität Brinkmanns zu kopieren, und bleibt feinsinniger Hinterfrager, der seine philosophischen Vorlieben nicht verstecken kann und will.
Auffällig sind die zeitlichen Sprünge innerhalb der Sammlung, die auf jahrelange Lyrikflaute schließen lassen. Einige Gedichte stammen aus dem Jahr 1982, gefolgt von zwei Nachzüglern von 1985, bevor es direkt ins nächste Jahrhundert geht. 1982 ist die Sturm-und-Drang-Phase vorüber, die Gedichte wirken in sich gekehrt, nachdenklich, eine Zeit des Luftholens: »blieb ich allein in einem stillen Raum / Kein Tievie, kein Mann, / keine Frau. Nur ich & / das stille Zimmer« (Heutabend & -nacht).
Die lyrisch ergiebigste Phase nach den 70ern ist das Jahr 2020, als die Coronapandemie wütete. Der schönste Satz des Bandes steht am Anfang von »Was ich heute sah«: »Ich bin 1 Anarchist / & hoffte deshalb natürlich / inständig, daß viele / viele unvernünftige Menschen die Verordnungen / unserer Regierung mißachten würden«. So wie Dubbe die neuen Rechtschreibverordnungen missachtet, bleibt er auf Abstand zum gesellschaftlichen Chaos um sich herum, das dem Beobachter einen Einblick in die möglichen sozialen und politischen Umwälzungen bietet. Alles erscheint absurd, seltsam, hirnrissig: »Die Kontrolle / pausiert Frei- / fahrt für alle«. Das Leben pendelt zwischen Anpassung und Anarchie.
Dubbes Haltung ist klar: Mit wachem Verstand den Gegebenheiten misstrauen und möglichst die entgegengesetzte Richtung einschlagen. So auch seine Gedichte. Sie lassen sich nicht kategorisieren, sind Momentaufnahmen einer oft widersprüchlichen Realität. Sie geben weder Ratschläge noch wollen sie missionieren. Das 2024er Gedicht »Leavin’ New York never easy« beschreibt diese Einstellung treffend: »Ich stieg / ins Flugzeug und blickte nicht / zurück. Ich verließ Europa und / blickte nicht zurück. Ich verließ / Afrika und blickte nicht zurück.« Mit »MY GENERATION II« aus dem Jahr 1972 schließt diese lyrische Zeitreise, die in den bahnbrechenden frühen Jahren des Undergrounds beginnt und im unbegreiflichen, fassungslos machenden Heute endet.
Daniel Dubbe: Stopps & Stationen. Gedichte 1972–2024. Flur-Verlag, Heidelberg 2025, 80 Seiten, 14 Euro
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