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10.04.2026
- → Feminismus
Ausländischen Männern zu Diensten
Nepal: NGO Biswas hilft ausgebeuteten Frauen im Touristenviertel Kathmandus und kämpft für deren Arbeitsrechte
Sie heißen »Dark File’s Dance Bar«, »Thamel Club« oder »Bebo Dance Bar«. Erst nach Einbruch der Dunkelheit gehen die Lichter der Werbeanzeiger an, die zu den Eingängen weisen. Früher gab es in Thamel, dem Touristenviertel der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu, nur ein oder zwei Discos, in denen spätabends noch getanzt wurde. Inzwischen sind es allein auf diesem begrenzten Raum weniger Straßenzüge zwischen Unterkünften, Restaurants und Läden rund 30 Etablissements dieser Art. Männliche Ausländer werden gezielt angesprochen.
Auf den Kampf für die Rechte der Beschäftigten im »Entertainment- und Gastgebersektor« hat sich die rein weiblich geführte Nichtregierungsorganisation Biswas verschrieben. Es ist eine Branche, die in jüngerer Zeit stark angewachsen, aber nahezu unreguliert ist – was die Ausbeutungsgefahr in jeglicher Hinsicht für die zumeist jungen Frauen drastisch steigert. »Wir haben keine eigenen Zahlen. Aber Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation gehen davon aus, dass es in ganz Nepal wohl an die 800.000 Beschäftigte sind«, sagt Kamala Sapkota, Programmkoordinatorin bei Biswas, im Gespräch mit jW. Die Übergänge zwischen Dhoris, wo traditionelle Musik gespielt wird, Dance Bars, Clubs und Hotels sind mit dem, was da offen oder im Hintergrund stattfindet, mitunter fließend. Zumindest bei einigen Einrichtungen käme ein Teil des Publikums mit eindeutig sexuellen Absichten, wie Sapkota anmerkt.
Vor einiger Zeit noch hatte Biswas mehrere Filialen in anderen Städten. Jetzt gibt es als Koordinierungsstelle für alle Aktivitäten nur noch das Hauptbüro in Kathmandu, gelegen im zweiten Stock eines siebenstöckigen Hinterhofgebäudes, wenige Schritte von einem der vielen Tempel entfernt. Durch finanzielle Engpässe habe man die Niederlassungen zusammenstreichen müssen, so Gründerin und Vorsitzende Tara Bhandari. Die Hilfsangebote an sich sollen aber möglichst wenig darunter leiden.
»Wir haben viele Arbeitsgesetze, aber bisher trifft nichts auf diesen ungeregelten Bereich zu«, merkt Sapkota an. Ein weiterer Aspekt sei, dass es sich beim Großteil der Mitarbeiterinnen in den Bars und Clubs um Frauen handelt, die auf der Suche nach Ausbildung oder Arbeit teils von weit her nach Kathmandu, Pokhara oder in die größeren Städte des südlichen Tieflands migriert sind. Oft ohne Papiere, viele aus armen Familien. Da mögen solche Jobs reizen, die keinerlei Eignungszertifikat erfordern, aber zügig Geld versprechen. Nach einer einleitenden Fallstudie werden individuell nötige Unterstützungsangebote für die Hilfesuchenden in die Wege geleitet. Das kann juristischer Beistand sein, wenn es zum Beispiel um Lohnstreitigkeiten geht, die Vermittlung einer Notunterkunft oder auch zielgerichtete Hilfe bei gesundheitlichen Problemen.
Was letztere angeht, ist nicht nur die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten ein Problem. Auch Drogenkonsum greife neuerdings spürbar um sich. Zudem, so Sapkota, würden viele der Frauen durch die starken Lichtreflexe und den ständigen Musiklärm unter Augen- und Ohrenerkrankungen leiden. Neben den Klientinnen, die aus eigenem Antrieb kommen, sind kleine Teams in den Abendstunden direkt als Ansprechpartnerinnen in den Lokalen unterwegs. Oberste Priorität hätten Minderjährige. Bei »Mädchen von 14, 15, 16 Jahren«, wie Bhandari sagt, stehe im Vordergrund, sie zurück zu ihren Familien oder in Schutzräume bei anderen NGOs zu bringen. Dass etliche der Betroffenen aus zerrütteten Familienverhältnissen stammen, mache die Aufgabe nicht leichter.
Zudem sei es nicht einfach, die Übersicht zu behalten und Menschenhandel zu unterbinden, der im In- und Ausland stattfindet. Denn aus den nepalesischen Bars und Clubs gehe es über die offene Grenze recht schnell hinüber nach Nordindien und von dort etwa in die Golfstaaten, nach Malaysia, »aber auch China und sogar Afrika«. Vielfach werde die Vermittlung, erklärt Sapkota, über »kulturelle Visa« bewerkstelligt, die Betroffene als Tänzerinnen erhielten. »Die Herausforderungen sind durch die Mobilität noch größer geworden«, sind sich die Aktivistinnen einig.
In den Beratungsgesprächen geht es aber oft einfach nur um Lohnfragen. Meist sei der Basisverdienst gering, dann kämen jedoch Provisionen hinzu, wenn die Frauen Kunden zu mehr Konsum in dem Lokal animierten. Und da es in der Branche keine Arbeitsverträge gebe, sei die Unsicherheit groß. »Schon, wer nur eine halbe Stunde zu spät kommt, muss mit Lohnabzug rechnen«, berichtet Sapkota von den Zuständen. Krankmeldungen seien auch nicht möglich. Das sorge insgesamt für enormen Druck. Nach einem langen Arbeitstag, der in der Regel um 19 Uhr beginnt und nicht vor vier Uhr endet, kämen die Frauen so erschöpft heim, dass sie den Rest der Zeit nur verschlafen, bis sie erneut losmüssen. Hinzu komme, dass das Abendessen, das die Chefs stellen, nicht immer ausreichend oder nicht sehr hygienisch zubereitet sei. Nicht zu vergessen wäre zudem das soziale Stigma, unter dem viele leiden, die in der Branche arbeiten, so Bhandari: »Das geht schon bei den Wohnungsvermietern los.«
Wer aussteigen will, bekommt von Biswas etwa eine Berufsausbildung als Schneiderin oder Köchin vermittelt. Oder erhält eine Starthilfe für die wirtschaftliche Selbständigkeit. Neben der konkreten Hilfe lobbyiert die Organisation für die Beschäftigten der Branche, die sonst keine Fürsprecher haben. So setze man sich etwa bei der Politik dafür ein, dass es möglichst bald eine verbindliche Rahmengesetzgebung für den Sektor gibt, um Grundrechte besser zu sichern und Verstöße ahnden zu können. Denn bisweilen könne nicht einmal die Polizei mangels Rechtsgrundlage eine Anzeige aufnehmen, konstatiert Bhandari. Darüber hinaus ist die NGO eingebunden in verschiedene nationale und internationale Netzwerke, um den Forderungen mehr Gewicht zu verleihen.
»Die Gesellschaft betrachtet viele Frauen in dem Sektor abwertend als Sexarbeiterinnen. Das stimmt so pauschal aber keineswegs«, stellt Kamala noch klar. Und für Gründerin Bhandari ist Biswas neben der wichtigen Kampagnenarbeit in erster Linie eine Art Gewerkschaft der Betroffenen, »Nepals erste Arbeitsrechtsorganisation in diesem Bereich«. Einige der Mitarbeiterinnen sind selbst Ehemalige, die die Branche, deren Probleme und Schattenseiten aus der Innenperspektive kennen.
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