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Alles Deko

Ein Café in der Berliner Bleibtreustraße, es ist Sonntag nachmittag, uns ist nach Kaffee mit Kuchen. Wir fragen die Kellnerin, die sehr jung ist, sehr hübsch eigentlich, aber übertrieben schlank, mager fast, nach dem Kuchenangebot. Sie runzelt die Stirn, in ihrem Hirn arbeitet es sichtlich, und dann sagt sie: »Naja, Kuchen eben.« Zu Kindern soll man freundlich sein, und so frage ich gutmütig nach: »Was für Kuchen haben Sie denn genau, bitte?«

Wieder ist ein Geräusch der Tätigkeit zwischen Hirnstamm und Hirnrinde fast vernehmlich. Sie reagiert langsam, sehr langsam und antwortet: »Na ja, so Apfelkuchen …« Apfelkuchen, das ist ja schon mal etwas genauer, und so frage ich freundlich weiter. »Wie ist denn Ihr Apfelkuchen?« Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: »Super!« Ich lächle und insistiere geduldig: »Wie ist der Apfelkuchen denn gemacht: Mit Streuseln vielleicht?«

Sie zögert und sucht nach Worten. »Na ja, so Kuchen halt. Unten ist Teig und dadrauf die Deko.« Nun bin ich doch verdutzt. »Deko? Was meinen Sie denn mit Deko?« frage ich leicht verwirrt. »Na ja, die Apfeldeko«, sagt sie, als sei ich schwer von Kapee. Nickend ergebe ich mich und gebe ihrem Vorschlag mein Plazet.

Kaffee und Kuchen kommen, die unbedarfte Kellnerin hat nicht zuviel versprochen; beim Kuchen handelt es sich tatsächlich um Teig mit so Deko. Oder Sudoku? Seltsamer als diese Apfeldeko könnte das auch nicht schmecken. Ich gebe ein fürstliches Trinkgeld, sie bedankt sich erfreut und erstaunt. »Für Ihre Ausbildung«, sage ich milde, verabschiede mich artig und gehe gemessenen Schrittes hinaus in die Berliner Deko-Welt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.10.2016, Seite 11, Feuilleton

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