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Wer tötet die Sicherheitskräfte?

Es sind traurige Zeiten in Syrien. Die hiesige Version des »Arabischen Aufstandes« dauert seit fünf Wochen und tritt in eine neue Phase ein. Menschenrechtsorganisationen schätzen, daß 453 Menschen getötet wurden. Die Ausweisung ausländischer Medien, die einseitige Berichterstattung der staatlichen Medien und die Beschränkung auf YouTube-Clips von den Protesten schränkt das lokale und internationale Verständnis von dem, was hier geschieht, erheblich ein. Eins ist klar, die Bewegung für mehr Demokratie hat es nicht geschafft, signifikante Menschenmengen auf die Straßen zu bekommen. (….) 98 Prozent der Bevölkerung bleiben zu Hause. Obwohl sie sich nach mehr Freiheiten, mehr Teilhabe und einer Lockerung des Polizeistaates sehnen, wollen sie doch kein Chaos, das ein Sturz des Baath-Regimes vermutlich mit sich bringen wird. Die Situation im Irak und im Libanon erinnert sie täglich an das, was geschehen könnte. (….)

Das staatliche Fernsehen berichtet seit drei Wochen ausführlich über Beerdigungen von Sicherheitskräften. Gestern (26.4.) wurden 25 beerdigt, ihre Namen verlesen und Familien interviewt. Heute waren es wieder 21. Offenbar wurden sie in Daraa getötet. Meiner Ansicht ist das ein ernst zu nehmender Beweis dafür, daß es tatsächlich Gruppen gibt, die Soldaten und Polizisten, Feuerwehrleute und die Fahrer von Rettungswagen erschießen. Schätzungsweise 60 von ihnen wurden bisher getötet. (….)

Wer tötet diese Sicherheitskräfte? Das Regime beschuldigt nicht die Demokratiebewegung, das ist wichtig. Wer also mögen diese bewaffneten Banden sein? Es gibt viele Verdächtige, Syrien hat viele Feinde. Libanesische Sunniten? Libanesisch-phalangistische Christen, radikale sunnitische Muslime, vielleicht von den Muslimbrüdern, kurdische Minderheiten, der israelische Mossad, abtrünnige Alawiten aus dem System wie der frühere Vizepräsident (Abdulhamid) Kaddam, Abtrünnige aus den Sicherheitskräften? Alles ist möglich. (…)

Aus dem Beitrag eines in Damaskus lebenden pensionierten Diplomaten im Onlineportal Syria Comment

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.04.2011, Seite 3, Schwerpunkt

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