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07.11.2009
- → Aktion
Fremde Federn
Die Ostdeutschen und das Bundesbollwerk
Am 1. November 1949 erschien die erste Ausgabe der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung, der »Zeitung für
Deutschland«. Das war auch der Titel einer
Absichtserklärung, die seinerzeit die Ziele des neuen Blattes
vorstellte. Am 31. Oktober 2009 veröffentlichte die FAZ die
gesamte damalige Seite eins mit diesem Text als Faksimile. Zu lesen
war, für die neue Zeitung »müßte die Wahrheit
der Tatsachen heilig sein (…), sie müßte auch den
Andersmeinenden gegenüber immer Gerechtigkeit walten
lassen« etc. Faschismus und Weltkrieg spielen in dem
Grundsatzdokument keine Rolle. Dafür ist von »nationaler
Unfreiheit« Deutschlands und von Gefahren für »die
Freiheit« die Rede, wobei »die Diktatoren« und
die »Vermassung« zuerst genannt werden. Frankreich wird
im daneben plazierten Leitartikel gerügt, weil dessen
Staatsführung nicht »ihre Nation von dem ewigen Starren
nach rückwärts« löse, wo doch die Gefahr eines
Hitler »für immer vorbei« und eine ganz andere,
»ungeheure Gefahr für unser ganzes westliches
Dasein« existiere, gegen welche die deutsche Nation
»ein Bollwerk Europas sein könnte«.
Der Leser findet hier alle Zutaten, die den Gründungsmythos der Bundesrepublik ausmachen: Der Vernichtungskrieg im Osten, der Völkermord an den europäischen Juden spielen im kollektiven Gedächtnis dieses Staates keine Rolle. Staatsräson ist, »Bollwerk« zu sein. Was der Führer mit den falschen Methoden versucht hatte, sollte sein Personal – vor allem das in den höheren Rängen – mit den richtigen vollenden. Was seit 1989 am 9. November gefeiert wird, ist die Erfüllung dieses Programms.
Aber die bundesdeutsche Mission ist noch nicht vollendet. Die Ostdeutschen erweisen sich mehrheitlich undankbar für die Befreiung vom Sozialismus, und ihr Art der Unbelehrbarkeit breitet sich aus. Dokumente solcher Renitenz sind auch jene Briefe, die Professor Peter Jung aus dem jW-Archiv gefischt und für das Buch »AufBruch – 9. November 1989« zusammengestellt hat. Sie wurden an jenem Tag geschrieben und abgeschickt, bevor Günter Schabowski sein »sofort, unverzüglich« stammelte. Ein besondere Neigung, das westdeutsche »Bollwerk« zu ergänzen, ist in ihnen nicht zu lesen. Wer diese Dokumente kennenlernen möchte, den laden wir zur Vorstellung des Buches ein: Montag, 9.November, 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin. Ein anderes Gedenken, ein anderes politisches Programm.
Verlag und Redaktion
Der Leser findet hier alle Zutaten, die den Gründungsmythos der Bundesrepublik ausmachen: Der Vernichtungskrieg im Osten, der Völkermord an den europäischen Juden spielen im kollektiven Gedächtnis dieses Staates keine Rolle. Staatsräson ist, »Bollwerk« zu sein. Was der Führer mit den falschen Methoden versucht hatte, sollte sein Personal – vor allem das in den höheren Rängen – mit den richtigen vollenden. Was seit 1989 am 9. November gefeiert wird, ist die Erfüllung dieses Programms.
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Aber die bundesdeutsche Mission ist noch nicht vollendet. Die Ostdeutschen erweisen sich mehrheitlich undankbar für die Befreiung vom Sozialismus, und ihr Art der Unbelehrbarkeit breitet sich aus. Dokumente solcher Renitenz sind auch jene Briefe, die Professor Peter Jung aus dem jW-Archiv gefischt und für das Buch »AufBruch – 9. November 1989« zusammengestellt hat. Sie wurden an jenem Tag geschrieben und abgeschickt, bevor Günter Schabowski sein »sofort, unverzüglich« stammelte. Ein besondere Neigung, das westdeutsche »Bollwerk« zu ergänzen, ist in ihnen nicht zu lesen. Wer diese Dokumente kennenlernen möchte, den laden wir zur Vorstellung des Buches ein: Montag, 9.November, 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin. Ein anderes Gedenken, ein anderes politisches Programm.
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