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Frigga Haug über »Gender«

An Stelle der unzureichenden, aber doch immerhin gegen Herrschaft opponierenden Begriffe Ungleichheit, Unterdrückung, Unterwerfung trat das neutrale Wort Geschlecht – gender – seine Karriere an. Es erlaubt eine Ahnung, daß der natürliche »Trennungszusammenhang« der Geschlechter ein wesentliches Forschungsfeld ist, und es legt nahe, über beide Geschlechter (nicht bloß über unterworfene Frauen) in diesem Kontext nachzudenken. So konnten die Nachteile der gebräuchlichen politischen Begriffsbildung überwunden werden durch Preisgabe des Befreiungsprojekts. Oder anders: Befreiung wurde gewissermaßen verlagert: auf der einen Seite in das Projekt, Geschlecht selbst »abzuschaffen«, wenn es denn am Grunde von Herrschaft liegt (Butler u. a.), und auf der anderen Seite in die als »gendermainstreaming« entwickelte Politik. Mittels dieser sollen Frauen von Anfang an und überall gleich berücksichtigt werden, im Guten wie im Bösen, oben wie unten, ihnen soll – wie Ingrid Kurz-Scherf dies ausdrückt – ebenfalls ein Platz erster Klasse auf der untergehenden Titanic erstritten werden. Während die erste Position theoretisch gewiß wichtig und heuristisch fruchtbar ist, politisch jedoch gegen den alltäglichen Augenschein kaum Überzeugungskraft in der Menge des Frauenvolks gewinnen kann, hat die andere jede Kritik am Kapitalismus als notwendig zu überwindendes Herrschaftsverhältnis abgestreift.



Aus: Frigga Haug »Gender –Karriere eines Begriffs und was dahinter steckt«, in Utopie kreativ, Heft 156, Okt. 2003, S. 903 f.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.11.2007, Seite 13, Feuilleton

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