75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Dezember 2021, Nr. 283
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Aus: Ausgabe vom 01.04.2006, Seite 14 / Feuilleton

Leserbriefe

Exzellenter Buchhalter

Zu jW vom 29. März: »Vom Buchbinder zum Generalkonsul«

Daß sich die junge Welt einem Hundertjährigen zuwendete war schön, und den Jubilar Willi Kirschey hat das erfreut, schließlich gibt es nicht mehr viele Zeitungen, die das Leben und den Kampf eines unbeugsamen Antifaschisten, eines Kommunisten würdigen. Willi Kirschey konnte zu seinem einhundertsten Geburtstag gute Wünsche von weit über sechzig Verwandten, Freunden, Kampfgefährten, Genossinnen und Genossen entgegennehmen. Alle vereinte Hochachtung vor der Lebensleistung des sympathischen Hundertjährigen. Sein kampferfülltes Leben würdigten Werner Knapp von der Vereinigung der Deutschen in der Resistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoaltion und im Nationalkomitee Freies Deutschland, Günter Pappenheim von der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora und Heinrich Fink, der Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten. Mit besonderer Herzlichkeit wandte sich der Hundertjährige seinen Kameraden Benno Biebel, Günter Pappenheim, Herbert Thomas und Gert Schramm zu, die so wie er im Konzentrationslager Buchenwald waren. Andere hatten ihm schriftlich ihre Grüße übermittelt. Beeindruckend war, wie der stille Mann, der im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Leben noch selbst organisiert, sich einzelnen zuwandte, interessiert fragte und genau beobachtete. Eine Geburtstagsfeier mit viel menschlicher Wärme konnten der Jubilar und seine Gäste erleben. Die aufmerksame Zuwendung, die er durch Familienangehörige erhält, empfindet man als Außenstehender beruhigend, harmonisch, wohltuend, besonders in Tagen zunehmender sozialer Kälte. Familiäre Harmonie mit geschaffen zu haben, ist wohl den Verdiensten des Jubilars zuzurechnen. So wird er mit Gelassenheit die bedauerlichen Fehler in der jungen Welt zur Kenntnis genommen haben, denn Buchbinder oder Buchmacher war er nie, dafür ein exzellenter und von seiner Partei geschätzter Buchhalter. Er erlernte in der Emigration unter schwierigen Bedingungen die französische Sprache, die ihm in Guinea half, sein Land, die DDR, würdig zu vertreten. Mit diesen Erfahrungen wird er dem Autoren der jungen Welt Verqueres nachsehen. Für Willi Kirschey alles erdenklich Gute!

Gerhard Hoffmann, Frankfurt/O.

Was ist ein Bedarfsfall?

Zu jW vom 28. März: »Für eine antikapitalistische Linke – ein Aufruf«

Endlich lassen sich maßgebliche Linke auch mal herab, zu Fragen der Gesundheitsversorgung Stellung zu nehmen. Gerade jetzt, wo die Regierungsparteien sich nicht auf ein Konzept einigen können, andererseits aber die Probleme in der medizinischen Versorgung unabersehbar werden, wäre ein linkes Konzept sehr wichtig. Allerdings ist im vorliegenden Papier wenig Konzept, dafür aber viel Absicht enthalten.

Vollversicherung – gern. »Nach Maßgabe seines Einkommens« sollen Beiträge erhoben werden. Und wer keins hat? Was ist ein Bedarfsfall? Der Wunsch nach Massage bei Rückenschmerzen? Drei Wochen Reha nach Knieprothese? MRT bei Kopfschmerzen? Welche Rolle spielt medizinische Notwendigkeit? Wie wird medizinische Versorgung organisiert und strukturiert?


Soll der Patient seine Rechnung beim Arzt begleichen und dann bei der Kasse den Betrag erstattet bekommen oder soll weiter über drei Ecken mit viel Bürokratie von der Kasse über die KV an Ärzte und Therapeuten verteilt werden? Wieviel vom Beitrag des einzelnen soll für Nicht-Medizinisches ausgegeben werden? Ist eine Konkretisierung zu erwarten, oder war es das? Die gegenwärtige Situation fordert Konzepte. Hier könnte die Linke in den aktuellen Diskurs eingreifen und sich profilieren. Diese Chance zu verpassen wäre tragisch.

Ilja Karl, Brunau

Hartnäckig bleiben

Zu jW vom 30. März: »Kampf um fünf Prozent«

Die Streiks, besonders wie in Frankreich, begrüße ich. Endlich beginnen sich die »Arbeitnehmer« zu wehren. Leider bleiben Jugendliche, Rentner und Arbeitslose bei der Politik für die Reichen außen vor. Mit der Kündigung endet auch das Interesse der Gewerkschaften am Menschen. Diese Menschenmassen, von Bildung, Massenmedien, Unternehmen und Politikern beschimpft, desinformiert und verdummt, werden als Individuen dem Kapitalismus zum Fraß vorgeworfen. Ihnen wird eingeredet, sie seien selbst an ihrer Armut schuld, und sie verkriechen sich brav, statt sich zu wehren. (...) Die Reichen täten sich nur für das Volk abrackern und bereichern. Eine gefährlich, gewollte Entpolitisierung der Menschen, die im Ernstfall irgendeinem Propheten oder Demagogen hinterherlaufen, weil sie unmündig sind. Bürger müssen selbst die politische Lage erklären können und das notwendige Wissen bekommen.

Junge, Alte und Arbeitslose brauchten aber nichts so sehr wie Solidarität und gemeinsamen Kampf gegen das zum Himmel schreiende Unrecht gegenüber dieser vom Staat und von der Wirtschaft erzeugten Rechtlosigkeit und Armut. Sollten hier nicht die Gewerkschaften bei der Organisation von Widerstand behilflich sein? Wessen Politik Politiker in diesem Lande machen, zeigen die Posten, die ihnen Konzerne nach dem politischen Mandat anbieten.

Ludwig Berger, Buchen

Dekadenz des Marktes

Zu jW vom 30. März: »Literatur unterwirft sich nicht«

Mit Genugtuung habe ich die Resolution von Schriftstellern zum »Rechtschreibfrieden« gelesen. Allerdings vermisse ich auch Namen, die hier als Mitunterzeichner hätten stehen müssen. Offenbar forderte die Reformitis schon eine ganze Reihe von Opferlämmern – darunter so manche, die links stehen, aber den Opportunismus durch die vorgaben des Staates munter praktizieren. Leider wird jenen nicht bewußt, daß auch sie, wie die Verfasser der Resolution treffend bemerken, »die Intelligenz des Lesers beleidigen«. Fazit: die Dekadenz des Marktes erfaßt alle Bereiche der Gesellschaft. Dazu gehören Sprache und Schrift, ja, die gesamte menschliche Kultur. Wir befinden uns auf dem Weg in die Barbarei. Peter Hacks hat einmal gesagt, daß der Imperialismus keine Kultur besitzt. Um so mehr geht es darum, sich durch Widerstand die eigene Kultur zu bewahren und zu entfalten – kompromißlos, auch und gerade durch das geschriebene Wort.

E. Rasmus, Berlin

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