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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto: ZUMA Press/imago/Montage jW

Doppelt frei

→ Zu jW vom 22./23.9.: »Bis zum Hals in der Kreide stehen«

Santiago Stavale beschreibt treffend die Situation von immer mehr – zunehmend überflüssigen – Arbeitern in Argentinien. Knapp die Hälfte von ihnen muss sich verschulden, um Mileis Staatssanierung zu überleben.

Die Regierung ergreife angesichts der Schuldenkrise keine Maßnahmen, da es sich um eine Angelegenheit »zwischen Privatpersonen« handle und »niemand ihnen eine Pistole an den Kopf gehalten hat, um einen Kredit aufzunehmen«, wird Milei zitiert.

Mit diesem Zynismus des Präsidenten ist der Zynismus der gesamten bürgerlichen Welt, der Zynismus der Freiheit (hier: der Privatperson) und des abstrakt freien Willens äußerst treffend charakterisiert; der so oft verhimmelte freie Wille samt seiner rechtlich garantierten Freiheit gelte in der real existierenden Staatenwelt des Kapitalismus tatsächlich vollumfänglich: Die rechtlich garantierte Freiheit der Privatperson und ihres freien Willens ist sogar die unabdingbare Bedingung dafür, dass die ebenso garantierte Eigentumslosigkeit eines Arbeiters ihre volle erpresserische Wirkung entfalten kann. Dem gewöhnlichen Staatsbürger bleibt gemäß der Eigentumsordnung nur der Verkauf seiner Arbeitskraft. Eben, weil er nichts anderes besitzt; da dies sein einziges Überlebensmittel ist, kann und muss es dieses – in seiner Freiheit – einsetzen; geschweige denn, die Gewinnkalkulation eines Kapitals sieht ihm als nützliche Kost vor. Die Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag, sowohl des Arbeiters als auch des Unternehmers, bleibt damit die freie Entscheidung von zwei juristisch formell gleichen Personen. Wird der Arbeiter allerdings wegen Staatshaushaltssanierung, wie in Argentinien und anderswo, nicht zum Fremden-Reichtum-Produzieren gebraucht, kann er mitsamt seines freien Willens ganz privat und freiwillig zugrunde gehen – »er muss ja keinen Kredit aufnehmen«.

Marx erklärt die politisch-ökonomische Form der Erpressung der Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft folgendermaßen: Mit dem Übergang von der feudalen in die kapitalistische Gesellschaft wird der Arbeiter frei im doppelten Sinn: einmal rechtlich-juristisch (als Staatsbürger) und zum anderen wird er frei von allen seinen bisherigen ökonomischen Subsistenzmitteln (sei es Landparzelle, Arbeitsgerät, Saatgut etc.).

Die Freiheit der Privatperson und ihres Willens existiert also tatsächlich in dieser abstrakten und juristischen Form – getrennt von allen ihren Mitteln: den Mitteln ihres Bedürfnisses, den Mitteln der Produktion, den Subsistenzmitteln und eben den Lebens-Mitteln.

Offensichtlich ist in dieser vom Staat spendierten Freiheit genau jene erpresserisch wirkende Abstraktion von allen ökonomischen Mitteln, die ein Mensch zum Leben bräuchte, enthalten.

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Offensichtlich sind sowohl die Ausbeutungsfreiheit des Kapitals ebenso wie die Verelendung des menschlichen Materials die Realität des Ideals von der Freiheit als Inbegriff des Glücks.

Offensichtlich ist die Freiheit dieses hohen Guts (dieser hohe Wert) genau deshalb, weil man mit oder ohne Arbeit in ihrem Namen verelendet und in Kriegszeiten für sie stirbt.

Iris Meister, München

Plädoyer für Alarmismus

→ Zu jW vom 8.10.: »Aus Leserbriefen an die Redaktion«

Die Presse soll von »Klimakatastrophenalarmismus« getrieben sein?! So schrieb Olaf Malek in einem Leserbrief, der am 8. Oktober abgedruckt worden ist. Offenbar noch viel zuwenig! Sonst hielte sich Frau Ministerin und Gaslobbyistin Reiche (CDU) keinen Tag länger im Amt, spräche sich das BSW nicht für »friedliches« Fossilienverfeuern aus und die »Grünen« nicht für deren kriegerisches Verfeuern – und stellte Die Linke keine Kandidatin Eva von Angern mehr auf, nachdem sie schon vor der letzten Wahl zum Magdeburger Landtag getönt hatte, Die Linke würde angeblich »nicht für Ökologie gewählt«.

Alarmierend ist nicht (oder nur zaghaft) die Presse, allenfalls die Fakten. Der Treibhauseffekt wurde vor über 40 Jahren einer interessierten Öffentlichkeit breiter bekannt gemacht und hat die damaligen Befürchtungen leider bestätigt, was gefälligst zur Kenntnis genommen werden darf. Im Indischen Ozean untergehende Inseln haben wenig vom Datum und der Frequenz nordatlantischer Stürme, auch überschwemmte Teile Pakistans hatten davon nichts; und der Golfstrom, der ohne die Vorgänge im Nordatlantik nicht zu erklären ist, wird durch das abschmelzende Grönlandeis nach Süden umgelenkt, wodurch auch Mitteleuropa noch »Spaß« haben wird, ganz zu schweigen von den britischen Inseln oder Norwegen. Zudem verweigert die Natur sturerweise jegliche Verhandlungen, schlimmer als die zahlreichen aktuellen Kriegsherren und schlimmer als der schlimmste »Arbeitgeberpräsident« oder Industrieverband: Prech. Daher bitte mehr »Alarmismus«!

Bernhard May, Wuppertal

Roger

→ Zu jW vom 14.10.: »Die Stille nach dem Satz«

Die »Genau«-Pandemie gibt in der Tat Anlass zur Theoriearbeit. Ich biete an:

1. Die Staffelstabhypothese, wonach das erste »Genau« die Übernahme des Rederechts signalisiert und das zweite dessen Rückgabe. Warum wird hierzu neuerdings eine Notwendigkeit gesehen? Es mag mit der Hegemonie schneller, aber einkanaliger Kommunikationsformen (E-Mail, Textnachricht etc.) zu tun haben, die zweikanalige Modi (Anwesenheitsgespräch, Telefonat) zu unsicheren praktizierten Ausnahmen werden lässt. Das Abschluss-»Genau« wäre dann die Entsprechung zum »Over« des Funkers.

2. Die Buchstützenhypothese, wonach ein »Genau« am Anfang und eins am Ende verhindern sollen, dass der wacklige Kram dazwischen einfach umfällt.

Christoph Heuke, per E-Mail

Die Regierung ergreife angesichts der Schuldenkrise keine Maßnahmen, da es sich um eine Angelegenheit »zwischen Privatpersonen« handle und »niemand ihnen eine Pistole an den Kopf gehalten hat, um einen Kredit aufzunehmen«, wird Milei zitiert.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 14, Leserbriefe

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