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Festgenommen und vergewaltigt
Aktivistinnen tauschen sich auf der internationalen Konferenz »110 Gründe, das Schweigen zu brechen« zu sexualisierten Repressionen aus
Mit lauten Parolen hat die Konferenz zu sexistischer Polizeigewalt »110 Gründe, das Schweigen zu brechen« begonnen. Initiiert wurde diese von der Mädchen- und Frauenorganisation »Zora«. Rund 400 Menschen nahmen am Sonntag in Berlin an der Veranstaltung teil, um sich mit Aktivistinnen aus verschiedenen Ländern über sexistische Polizeigewalt, Folter und politische Repression auszutauschen. Den Auftakt der Konferenz bildete ein internationales Podium mit der baskischen Aktivistin Nekane Txapartegi, der iranischen Organisation »Prisoners Dialogue«, der philippinischen Frauenorganisation »Gabriela« sowie einer Vertreterin der sozialistischen Frauenzeitschrift Sosyalist Kadın aus der Türkei und Kurdistan. Trotz der unterschiedlichen politischen Hintergründe zog sich eine gemeinsame Erfahrung durch ihre Berichte: Sexualisierte Gewalt werde gezielt eingesetzt, um politischen Widerstand, insbesondere von Frauen, zu unterdrücken.
Dass sexualisierte Gewalt gezielt zur Niederschlagung politischer Proteste eingesetzt wird, belegen auch internationale Menschenrechtsorganisationen. So dokumentierte Amnesty International im Dezember 2023 insgesamt 45 Fälle sexualisierter Gewalt gegen Festgenommene der »Jin, Jiyan, Azadî«-Proteste im Iran. Auch in israelischen Gefängnissen wurde systematische sexualisierte Gewalt dokumentiert: Eine UN-Untersuchungskommission stellte im April 2026 fest, dass sexualisierte Misshandlungen gezielt sowohl gegen männliche als auch weibliche palästinensische Gefangene zur Erniedrigung, Einschüchterung und Bestrafung eingesetzt worden seien. Dazu zählen Vergewaltigungen, erzwungene Nacktheit, »unerwünschte Berührungen sowie entwürdigende oder erniedrigende Durchsuchungen«.
Wie solche Gewalt über Jahrzehnte hinweg verschwiegen wurde, berichtete die Aktivistin Txapartegi. Nach ihrer Festnahme durch die spanische Guardia Civil 1999 wurde sie nach eigenen Angaben tagelang gefoltert und vergewaltigt. Doch nicht nur der spanische Staat habe die Folter geleugnet. Auch innerhalb der baskischen Unabhängigkeitsbewegung sei kaum über die spezifischen Gewalterfahrungen von Frauen gesprochen worden: »Oft hieß es, dass gerade kein Platz für dieses Thema sei«, erklärte sie. Erst die Frauenbewegung habe ihr geholfen, Worte für das Erlebte zu finden. »Die politische Repression hat ein patriarchales Gesicht, deswegen muss der Kampf dagegen auch ein feministisches Gesicht haben«, betonte Txapartegi.
Wie das Schweigen durch Organisierung aufgebrochen werden kann, zeigte der Beitrag von Sosyalist Kadın: Nach einer Festnahmewelle gegen Sozialistinnen 1997, bei der zahlreiche von ihnen gefoltert worden waren, begannen Frauenorganisationen, Gewerkschaften und politische Gruppen, gemeinsame Kampagnen zu organisieren. Betroffene machten ihre Erfahrungen öffentlich, begleiteten Gerichtsverfahren und mobilisierten gegen die Straflosigkeit der Täter. Im Jahr 2000 kamen nach Angaben der Organisation rund 1.000 Teilnehmerinnen zu einer internationalen Konferenz gegen sexualisierte Folter in Istanbul zusammen. Nach und nach ergriffen insgesamt 79 Frauen das Wort, um von ihren Erfahrungen mit der sexualisierten Staatsgewalt zu berichten.
Wie verbunden der Kampf gegen sexualisierte Gewalt mit dem Widerstand gegen staatliche Repression ist, machte auch eine Vertreterin von »Gabriela« deutlich. Die 1984 während der philippinischen Diktatur Ferdinand Marcos’ gegründete Organisation betrachtet sexualisierte Gewalt im Zusammenhang mit der kolonialen Geschichte und der Militarisierung des Landes. Die Rednerin erinnerte an die kirchliche Mitarbeiterin Hilda Narciso, die 1983 unter dem Vorwurf der Anstiftung zur Rebellion vom Militär festgenommen und in einer geheimen Militärunterkunft wiederholt vergewaltigt und misshandelt worden war. Die beschuldigten Soldaten wurden laut Amnesty International nie angeklagt. Auch nach dem Sturz der Marcos-Diktatur 1986 setzte sich die Gewalt fort: Zwischen 1995 und 2000 dokumentierte Amnesty International mehr als 30 Fälle sexualisierter Übergriffe gegen Frauen und Mädchen in staatlichem Gewahrsam. Die tatsächliche Zahl dürfte auch hier deutlich höher liegen.
In Berlin stand deshalb nicht nur die Gewalt selbst im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie Betroffene gemeinsam Widerstand organisieren können. Die Konferenz bot Raum, Erfahrungen auszutauschen und internationale Verbindungen zu stärken. Im Gespräch mit jW fasste die »Gabriela«-Vertreterin diesen Anspruch zusammen: »Wir stehen alle vor diesem Problem. Lasst es uns gemeinsam angehen.«
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